Elektrostimulation: Ganzkörperanzug unterstützt neurologische Behandlung
Ein Anzug soll Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie Fibromyalgie, MS oder nach Schlaganfall mit gezielter Muskelstimulation im Alltag unterstützen.
(Bild: Ottobock)
Das Medizintechnikunternehmen Ottobock plant für Juli 2025 die Markteinführung einer neuen Version seines Ganzkörperanzugs. Der "Exopulse Suit" soll Patienten mit verschiedenen neurologischen Erkrankungen wie Zerebralparese, Multiple Sklerose, Schlaganfall-Folgen und Fibromyalgie unterstützen. Letztere ist eine komplexe chronische Erkrankung, die sich durch weitverbreitete Schmerzen, ausgeprägte Müdigkeit, Schlafstörungen und häufig auch psychische Beschwerden wie Angst und Depression auszeichnet.
Der Exopulse Suit nutzt neuromuskuläre elektrische Stimulation (NMES), ein seit Jahrzehnten in der Physiotherapie eingesetztes Verfahren. Das innovative Element liegt in der umfassenden Integration dieser Technologie in ein alltagstaugliches Kleidungsstück. Der zweiteilige Anzug enthält laut Ottobock 50 präzise platzierte Elektroden, die bis zu 122 Muskeln beziehungsweise 42 zentrale Muskelfunktionen gezielt ansprechen können. Zwei wiederaufladbare Steuereinheiten regulieren dabei die elektrischen Impulse, die über eine Smartphone-App individuell gesteuert werden können.
Entspannung und Aktivierung
Die Wirkung entfaltet sich über zwei Hauptmechanismen: Bei spastischen Muskelgruppen führt die elektrische Stimulation zu einer Entspannung der überaktiven Muskulatur, während bei geschwächten Muskeln eine aktivierende Wirkung erzielt wird. Als Anwendungsdauer werden 60 Minuten alle zwei Tage empfohlen, mit Anpassungsmöglichkeiten nach ärztlicher Verordnung.
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Die Wirksamkeit des Vorgängerystems Exopulse Molli Suit wurde unter anderem im Jahr 2024 in einer Studie untersucht, die im European Journal of Pain veröffentlicht wurde. Besonders vielversprechende Ergebnisse zeigten sich bei der Behandlung von Fibromyalgie: Eine Studie aus dem Jahr 2024 dokumentierte bei 78,8 Prozent der Teilnehmenden bereits nach einmonatiger täglicher Anwendung eine signifikante Verbesserung des klinischen Gesamtbildes. Die Patienten berichteten von einer messbaren Reduktion chronischer Schmerzen, verminderter Fatigue und einer Verbesserung depressiver Symptome. Die Autoren empfehlen jedoch weitere Studien mit größeren Patientenzahlen und längerer Behandlungsdauer, um die Ergebnisse zu bestätigen und die optimale Anwendung zu ermitteln.
Bei der neuen Version des Exopulse Suit soll ein einlagiger Stoff das An- und Ausziehen erleichtern, ein verbessertes Elektrodenkonzept eine präzisere Stimulation ermöglichen. Das System wird in 37 verschiedenen Größen angeboten, von Kindergrößen ab zwei Jahren bis hin zu 5XL für Erwachsene. Die Markteinführung ist für Juli 2025 in Deutschland, Österreich und der Schweiz geplant.
Ähnliche Produkte, die sich jedoch an ganz andere Zielgruppen richten, stammen beispielsweise von VR Electronics Limited aus London. Bei dem sogenannten Teslasuit handelt es sich um einen Anzug für die virtuelle Welt, der Berührungen, Temperatur und sogar Schmerz simulieren können soll und Bewegungs- sowie Vitaldaten für VR-Anwendungen erfasst.
(mack)