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Was war. Was wird.

Verlinkt und geachtet ist besser als gelinkt und verachtet, kalauert die wöchentliche Zumutung namens Hal Faber, die ein Herz für Blogger hat, weil sie nach dem großen Hype das erleben, was jeder Journalist kennt.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Nichts los, eh? Nix Wissenschaft und die Kultur, menno, dat Ding ist voll tote Hose. "Aber einiges spricht dafür, dass der neue Diskurs aus dem Umfeld der elektronischen Datenverarbeitung, aus dem Milieu der Hacker, aus der Welt des Multimedia stammen wird. Denn hier trifft das Wissen, das die Codes respektiert, mit dem ganz anderen Wissen zusammen, das die Codes verschiebt und neue Spiele einführt." So sieht es aus, wenn die "Arbeit an der Kultur" nach Professor Dirk Baeckers Hyperzetteln von den Hackern übernommen wird. Für die Firma Microsoft hat sich der erklärte Mac-Fan als Betreuer einer Studie daran gemacht, das Massenphänomen Raubkopien an der Masse von 126 überdurchschnittlich gut Gebildeten zu überprüfen, die einen "Kick" dabei haben, Produkte auf ihre Festplatte zu kopieren. Mit den Denkmustern der Raubkopierer bewaffnet, will Microsoft sich auf neuen Kriegspfaden anschleichen. Denn passend zur Mentalitätsstudie über eine neue Kultur, die neue Spiele einführt, erschien die wohl bekannte BSA-Studie, die alljährlich den unermesslichen Schaden am Arbeitsplatz belegt, weil 30 Prozent aller Software ganz einfach geräubert ist.

*** Kriminalisieren geht auch ganz einfach, so wie das Umrechnen gebunkerter Warez in Verlustsummen nicht gekaufter Software. Zum Kriminalisieren gehören absurde Situationen. Nehmen wir nur Paul Grahams neues Buch "Hackers & Painters. Big Ideas from the Computer Age". Ähnlich wie Studien-Betreuer Baecker macht sich Graham über den Hacker und Codeverschieber her, der wie die Maler früherer Zeiten neue Perspektiven in den kulturellen Code einfügt. Ein ganzes Kapitel ist Microsoft gewidmet, das sich nicht nur wettbedingt einer anderen Form der Softwareproduktion zuwenden muss, wenn es überleben will. Den Fußnoten des Buches ist zu entnehmen, dass Microsoft nach der Lektüre des entsprechenden Kapitels die Genehmigung zurückzog, ein Pressefoto von Bill Gates zu verwenden. Tatsächlich gibt es nur wenige kostenlos verwendbare Fotos des Microsoft-Lenkers, etwa das vom 13.12.1977 aus dem Polizeiarchiv von Albuquerque. 27 Jahre später ziert der jugendliche Autoraser ein Kapitel, das sich mit dem auslaufenden Modell der PC-Software beschäftigt. Es sieht kriminell aus, ist es aber nicht.

*** Was Microsoft kriminell fahrlässig nennt, muss es nicht unbedingt sein. Die Entscheidung der Franzosen im Transport- und Tourismus-Ministerium, bis Ende 2005 "ihr" Mandrake Linux auf 1500 Servern und 60.000 Desktops einzusetzen, darf als Niederlage von Microsoft gewertet werden. Die Firma muss sparen, hat es ahnungsvoll zuvor geheißen. Da darf man sich auch einmal mit Microsoft über Erfolge freuen. Mit unnachahmlicher französischer Eleganz hat Phillippe Starck allen Mausschubsern eine ästhetische Freude gemacht und eine geheimnisvoll geteilte Maus entwickelt, die für jeden Linux-Fan ein Muss ist. Auch in Deutschland gab es diese Woche einen stattlichen Erfolg, als Microsoft in Aachen das Smeagol-Web eröffnen konnte. Wer jetzt vom Hobbit-Namen Smeagol auf den Namen des schizophrenen Gollum im Herrn der Ringe kommt, hat sich verrannt wie ein Suchsland im Kino. Smeagol steht für "Small Embedded Advanced and General Objects Laboratory" und ist in diesem Sinne ein Akronym, das mit Lego spielende Schulkinder nicht an einen Ring oder ein Software-System binden soll.

*** Heute begehen wir wieder den Weltbevölkerungstag. An solch einem Tag wird üblicherweise festgestellt, dass die Weltbevölkerung jährlich um 80 Millionen Menschen wächst und das etwa soviel Menschen sind, wie sie hier in Deutschland leben. Doch was heißt üblich: fragen wir lieber einmal, warum die 80 Millionen Menschen in unseren Grenzen nicht bloggen und die Blogger über diesen unseren deutschen Ausfall im Heise-Forum ihr blankes Entsetzen äußern mussten. Prompt kamen massive Vorurteile über die Blogger zum Vorschein und sei es nur darum, dass Bloggen ein Hype geworden ist wie einst die CASE-Tools. Aber wer erinnert sich noch an die Forderung, dass jeder, der programmieren will, ein CASE-Tool beherrschen muss? Führt doch jeder von uns ein wahnsinnig interessantes Leben, das mit Aufstehen und Zähneputzen beginnt und damit wert ist, mit Anzeigen drapiert zu werden. Verlinkt und geachtet ist besser als gelinkt und verachtet, kalauert die wöchentliche Zumutung namens Hal, die ein Herz für Blogger hat, weil sie nach dem großen Hype das erleben, was jeder Journalist kennt.

*** Heute ist noch ein besonderer Gedenktag, denn vor 45 Jahren erschien Space Oddity. NatĂĽrlich ist dies der Lieblingssong fĂĽr alle Hals dieser Welt, wenn Astronauten surfen gehen...

Here am I floating round my tin can
Far above the Moon
Planet Earth is blue
And there's nothing I can do.

Ungetrübt ist die Freude nicht, immerhin ist dieser 11. Juli auch der Tag, an dem Hermann Brood seine Wild Romance beendete, die mir so manches dröge Weihnachten rettete, weil er mit seiner Band erschien.

*** Jaja, "Macht das beste draus" ist einfach gesagt in einer Welt, in der eine Partei einst den großen Lauschangriff bei jeder Gelegenheit bekämpfte und ihn nun noch weiter auslegt als es verlangt wurde. Die mahnenden Worte des Bundesverfassungsgerichts stoßen auf Frau Zypries, die auf vielen Ohren taub ist und nur hört, wenn sich die Stimme Otto Schilys erhebt. Sie erklang in dieser Woche unisono mit den Innenministern, die für eine Anti-Terror-Datei die Zusammenlegung der Informationen von Polizei und Geheimdiensten fordern. "Gemeinsame Dateianstrengungen" mögen schräg klingen und für viele das Bild von entschlossenen Politikern transportieren, die uns beschützen. Nur wenige finden das unmöglich und der Verfassung widersprechend. Wie sagte es Bertrand Russel, der übrigens heute vor 88 Jahren von der Universität flog: "Selbst wenn alle Fachleute einer Meinung sind, können sie sehr wohl im Irrtum sein."

*** Das große Wehklagen hat nicht nur Purzel, denn Bernd Pfarr ist in dieser Woche gestorben. Die Welt von Herrn Sondermann, Herrn Kuhn, Erich Scholle, Kurt Lamprecht und vielen anderen wird nicht mehr ausgebaut werden und viele Phänomene wie der Stau aus dem Nichts bleiben unerklärt. Bernd Pfarr wusste genau, wo der Spaß aufhört. Nun hat er aufgehört. Auch Chlodwig Poth, der Chronist des progressiven Alltags, hat den Griffel abgegeben. Wer malt jetzt das Juristenhassblatt und all die anderen Miniaturen des bundesdeutschen Irrsinns, wo die visuellen Blogger abgetreten sind?

Was wird.

Wenn nichts los ist, sich die Sommerpause als des Sommers Pause entpuppt, das Sommerloch längst abgesoffen ist, dann wird die Stimmung auch nicht heller, die Kleidung leichter und luftiger, das werden höchstens die Lastwagen. Zum Glück gibt es Otto Schily, mit dem jede Sommerpause kunstvoll überbrückt werden kann. Er soll hörbar verärgert gewesen sein, als aus Nordrhein-Westfalen die Kunde kam, dass man eigenmächtig die Tetra-Technik ausbauen will, die im Dreiländereck zu Aachen erfolgreich ist. In der kommenden Woche geht in Polen das modernste Funksystem ans Netz, weil dort die neue Grenze liegt, an der die EU gegen den Osten verteidigt werden muss. Das System fußt auf dem Tetra-Standard, was die Verteidiger von Tetrapol wurmt. Wenn die Vertreter beider Technologien befragt werden, fallen sie übereinander her als gelte es, einen Heise-Flamewar Linux kontra Mac kontra Windows auszufechten.

Dabei vertragen sie sich durchaus: Die Tour de France begann Tetra-überwacht in Belgien und wechselte auf der französischen Seite zu Tetrapol, zumindest offiziell ohne die Sicherheitslücken, die beide Kandidaten einander unterstellen. Wie es mit dem Behördenfunk kommen wird, macht übrigens der Fußball vor, für den doch zur WM 2006 der ganze Krempel eingeführt werden muss. Die "Doppelspitze" Mayer-Vorfelder/Zwanziger klingt mindestens so kompatibel wie Tetra und Tetrapol, im Gegensatz zu den Heise-Greisen und der MacTrophy. Die fand nämlich gestern wieder einmal in München statt. Das Ergebnis wurde noch nicht übermittelt, wahrscheinlich sind die Spitzenfußballer des Heise Verlags immer noch im Siegesrausch.

Schily ist jemand, der so leicht nicht locker lässt. So waren die Grünen einmal, so kann man es der Wahlalternative wünschen. Im Falle der Biometrie geht es auf Drängen des Innenministers weiter, schnurstracks in Richtung Bio-Pass mit Finger und Gesicht auf einem Chip, das Ganze fälschungssicher, robust und zuverlässig. Ob diese Anfordungen erfüllt sind, soll die Biosig 2004 in Darmstadt klären. Der Terror wird bekämpft, es geht voran. (Hal Faber) / (anw)