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Was war. Was wird.

Fußfesseln für alle! Auf das niemand mehr sich fürchten muss vor dem potenziellen Straftäter in uns allen sei und die Panikattacken sich auf ungenehmigte Bewegungen der Überwachten beschränkten. Hal Faber aber wendet sein Haupt in grauser Verzweiflung.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Zugegeben, das hat eine innere Logik: Während die amerikanischen Militärstrategen im Pentagon Wikileaks anklagen, weil auch die Taliban die Dokumente lesen können, verbieten sie ihren Soldaten, Wikileaks anzusurfen. Selten hat sich das Konzept der Informationsüberlegenheit im Network Centric Warfare so gründlich selbst demontiert. Auf gut Deutsch: Im IT-Informationsraum sieht die NetOpFü auf einmal alt aus, wenn keine Informationsüberlegenheit mehr da ist. Da greift man lieber zur direkten Propaganda, die die Menschen an der Nase herumführt. Auf Wikileaks folgt Bibi Aisha, mit entsetzlichen Bildern. Die nüchterne Analyse der von Wikileaks veröffentlichten Dokumente wird verdrängt und bis zum nächsten Toten, wenn wieder einmal die Internet-Verbindungen gesperrt werden, bis die Angehörigen benachrichtigt sind, wird Afghanistan zum "rätselhaften" Land. Irgendwann ist es wie mit dem Irak, ein rundum verpatztes Abenteuer. Und unsere NetOpFü? Aus einer scheinbar endlosen Menge Daten entsteht Transformation. Und die heißt Guttenberg/2.

*** Es gibt eine Informationsüberlegenheit, die man besser Desinformation nennen könnte, oder, um es noch deutlicher zu sagen, Lüge. Bereits in der Auflösung des letzten Sommerrätsels findet sich die wunderbare Geschichte aus dem Sommerloch mit dem Vorschlag von Ministerin von der Leyen, eine Chipkarte für Hartz-IV-Kinder und -Jugendliche einzuführen. Dabei verwies die Politikerin auf Schweden. Der Server-Heimat von Wikileaks verdanken wir viele verwunderliche Dinge, vom Elchtest bis zur Gardinentechnik. Nur diese coole Karte scheint aus der Saga von Odin, Thor und Baldr zu stammen. Hej, vielleicht liegt eine träumerische Verwechslung mit der Kundenkarte eines schwedischen Möbelhauses vor, bei dem man die Kinder so praktisch weggeben kann. Sie wandern dann direkt in ein Spielparadies, während die Erwachsenen durch die Möbelhölle müssen. Und der Engel der Entrechteten hält schützend seine Hände auf. Aufwachen, Frau von der Leyen!

*** Etwas Gebimmel könnte auch Frau Leutheusser-Schnarreberger gebrauchen, die nach Ansicht der Gewerkschaft der Polizei schwer von Beruhigungspillen abhängig ist, die ihr eine schlanke Fessel gemacht haben. Es gehört zu den flüssigen Momenten deutscher Politik, dass eine liberale Parteigängerin die elektronische Fußfessel befürwortet, deren Auswirkungen abseits eines immer wieder verlängerten Modellprojekts in Hessen nicht geklärt sind. Die Fußfessel wird derart einfach zu einem schlichten Rettungsring in der "Debatte" um die Sicherheitsverwahrung umfunktioniert, dass Beobachter der Debatte sich Fußschellen für Politiker wünschen, an denen ihre Smartphones angeschmiedet sind. Denn der eilfertige Wechsel der Perspektive könnte gründlicher nicht sein: Aus einem Prüf-System, das die Integration eines Veurteilten erleichtern soll und ihm das Training des bürgerlichen Normalzustandes abverlangt, wird eine Dauerüberwachungsanlage, die besonders menschlich sein soll. Kleine Prognose: Wenn diese Maßnahme bei den "Altfällen" der Sicherheitsverwahrung verwirklicht ist, kommen die gefährlichen Ausländer dran. Welche Panikattacken durch das Ding an mir ausgelöst werden können, hat später niemand niemals nicht gewusst, echt jetzt.

*** Mit einem Was wirklich war endete ein daneben gesetztes Sommerrätsel, das von den Ereignissen um die Loveparade kassiert wurde. Während das unendliche Geschachere um die Verantwortung weitergeht, ist eine interessante Variante unter dem Titel Was wirklich geschah erschienen. Sie beleuchtet das Rätsel, warum ausgerechnet die Piratenpartei bei einem IT-Ansatz wie Liquid Democracy bei Liquid Feedback die Notbremse zieht. Nun steht technische Arbeit gegen politisches Feingefühl. Und, wie sieht das aus? In den Computernotizen finden wir ein Exzerpt der Antwort: 1.) Bei Wikileaks sind die Helden und wir unterstützen sie. 2.) Bei uns gibt es fiese Charakterschweine, die verwarnt werde müssen, wenn sie leaken. So kentert ein Kahn, der für die große Fahrt gedacht war. Aus der Frühgeschichte der deutschen Sozialdemokratie hat Cora Stephan einen schönen Satz überliefert: "Genossen, wir dürfen uns nicht von der Geduld hinreißen lassen!" Geschichte wiederholt sich, manchmal als leckere Farce, manchmal als Klonfeischfüllung. Damit sind wir noch nicht am Ende: Erst wenn der letzte Rest Hähnchenfleich für KFC ohne jede Qual in der Petrischale erzeugt wird, ist die Welt wieder in Ordnung.

*** Ich habe schon einmal über den HP-Way geschrieben, mit dem Hewlett Packard jahrzehntelang der beliebteste Arbeitgeber der IT-Branche war. Das war, als Carly Fiorina bei HP begann, die Mitarbeiter im großen Stil rauszuwerfen. Nun muss Mark Hurd gehen. Wer das immer wieder aufregende Heise-Forum liest, bekommt den Hauch einer Ahnung. Denn was die offiziellen Aussagen angeht, so hat es eher den Eindruck, als sei der Chef über einen Blumenkübel gestolpert: Da gibt es eine weibliche Person, die jegliche sexuelle Beziehung oder Affäre dementiert, dennoch soll es eine sexuelle Belästigung gegeben haben, die offenbar in einer vertuschten Abrechnung gewisser Reisekosten kulminierte. Das Ganze kollidierte "unter ungeklärten Umständen" mit der Firmen-Etikette (PDF-Datei). Die Börse honorierte diesen Unsinn mit einem Einbruch von annähernd 10 Milliarden. Wahrscheinlicher ist, dass Hurd sich mit der Übernahme von Palm verfahren hatte, weil er bei EDS die Landkarte verlor. Hurds Nachfolger dürfte das ehemalige Wunderkind Marc Andreesen werden, der mitsamt seiner Opsware von HP eingekauft wurde.

Was wird.

Glückliches Deutschland! Der elektronische Personalausweis kommt im November und alles wird gut. Mit deutscher Pünkltichkeit ist die Personalausweis-Gebührenverordnung erschienen und klärt uns auf, dass das Vergessen der PIN schlappe 6 Euro kostet, wenn nach dreimaliger falscher Eingabe die Sperre erfolgte. Mit seinem Datenchip und seinen Internet-Funktionen ist dieser Ausweis ein 28,80 Euro teurer Leuchtturm deutscher Technik und muss entsprechend behandelt werden, so will es das Personalausweisgesetz: "Der Personalausweisinhaber soll durch technische und organisatorische Maßnahmen gewährleisten, dass der elektronische Identitätsnachweis gemäß § 18 nur in einer Umgebung eingesetzt wird, die nach dem jeweiligen Stand der Technik als sicher anzusehen ist. Dabei soll er insbesondere solche technischen Systeme und Bestandteile einsetzen, die vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik als für diesen Einsatzzweck sicher bewertet werden." Wehe, wenn die Bestandteile eines Computers nicht den Richtlinien des BSI entsprechen und einen Virus beherbergen. Dann wird der Inhaber zum Ausweisverschmutzer und ein Bußgeld wird fällig, ein De-Knöllchen. So ein Bußgeld wird auch fällig, wenn eine andere Person als der Ausweisinhaber den Ausweis hat oder benutzt: Sichere Zeiten brechen an, im Internet und nebenan.

Unglückliches London! Stimmen die aktuellen Veröffentlichungen zum Sicherheitskonzept der olympischen Spiele 2012, so wird das Gefahrenlevel für die Zeit der Spiele auf die zweithöchste Stufe geschraubt, werden sämtliche Flaschen und Flüssigkeitsbehälter im Großraum untersagt, weil sie explosiv sein können. Weil im Jahre 2005 ein Tag nach dem Zuschlag der Spiele in London Bomben explodierten, sieht man sich als direktes Ziel von Al-Quaida. Ab 2011 wird die ungemein informative Videoüberwachung verstärkt, später werden die sympathischen Nacktscanner Streife gehen. Die Informationsüberlegenheit kann gar nicht früh genug einsetzen. Glückliches Britannien! "Britische Konzerne füllen die Kassen der Olympia-Macher", schreibt das Handelsblatt hinter seiner Paywall, und alle hoffen, dass der Rubel rollt. Welche glückliche Zeiten stehen also München bevor, wenn die Olympiabewerbung funzt. Jubeln wir mit über nicht genehmigten Autoaufkleber für Olympia, die nur auf Fahrzeugen des Sponsors BMW kleben dürfen – oder freuen uns über Nolympia, das Wikileaks der Sportbegeisterten. Ja, noch stecken Nachrichten wie Wochenschau im Sommerloch, mit kleinen Tupfern, wie die Krise abgewettert wird. Krise, welche Krise? (jk)