Really Evil Google
Während die deutsche Politik sich über einen simplen Kartendienst des Internet-Riesen erregt, begräbt der nebenbei ungestraft die Zukunft des Netzes.
Während die deutsche Politik sich über einen simplen Kartendienst des Internet-Riesen erregt, begräbt der nebenbei ungestraft die Zukunft des Netzes.
Der Kollege Stieler schrieb ja gestern schon über die erstaunliche Welle der Empörung, die die Politik mitten im Sommerloch über den – in anderen Ländern seit Jahren ganz normalen wie grundlegend sinnvollen – Dienst Google Street View hierzulande ausgießt. Was mich dabei wirklich nervt: Googles fast zeitgleich erfolgter leidlich unfassbarer Schritt, die Netzneutralität zu negieren, um einigen großen US-Telekommunikationsfirmen – mit Verlaub – ins Hinterteil zu kriechen, bleibt derweil völlig "underreported", wie amerikanische Journalisten sagen würden.
Ich habe schon an verschiedenen Stellen geschrieben, für wie überflüssig ich die heute noch bestehenden Carrier-Oligopole im Mobilfunk-Bereich halte. Diese Firmen stellen eine simple Commodity, namentlich: Internet, bereit – und lassen sich das zu Premiumpreisen bezahlen, mit allerlei nervigen Einschränkungen sowie Verknappungselementen versehen. Gäbe es in den meisten Ländern mehr als jeweils eine Handvoll Anbieter, könnten sie sich nicht so leicht absprechen. (Noch besser: Der Staat erkennt endlich, dass Funkfrequenzen dem Volk gehören und reguliert entsprechend.)
Was Google jetzt in Sachen Netzneutralität tut, ist zunächst einmal rationell völlig unverständlich. Das Unternehmen betont, man habe die Netzneutralität für das (begrifflich übrigens völlig neue) "öffentliche Internet" gerettet. Der Preis: Im Mobilfunkbereich sollen die Carrier tun können, was sie wollen – also quasi das, was jetzt schon gilt, nur noch schlimmer, von der Sperre von Voice-over-IP bis zu Gigabyte-Mondpreisen. Begründung: Das sei doch ein "wettbewerbsintensiver und dynamischer" Markt. (Das Gegenteil ist der Fall.)
Und dann wären da noch die sogenannten "neuen Dienste", bei denen die Carrier ungestraft eine Art Privat-Internet für sich selbst aufziehen können, als wäre das einheitliche Netz, auf das die Welt vor der Durchsetzung des Internet so viele Jahre wartete, ein Kabel-TV-Angebot. Auch das soll nicht reguliert werden. Google-Boss Schmidts Beispiel dafür war ein 3D-Angebot der Oper von New York, das man ja dann als "neuen Dienst" über einen Breitband-Carrier beziehen könne. Doch warum zur Hölle sollte eine Kultureinrichtung das nicht im stinknormalen Internet umsetzen, anstatt nur die Kunden eines einzelnen Anbieters zu erreichen?
Und das Schlimme daran: Google hätte all diesen Käse kein bisschen nötig. Noch vor kurzem stand die Firma voll hinter der Netzneutralität, schließlich sorgte diese dafür, dass sie überhaupt erst ihr Geschäft machen konnte. Nun will der Suchmaschinenriese offensichtlich "nett mit den Carriern" spielen, damit er sich sein zukünftiges Mobilgeschäft (Android und Werbung über entsprechende Handys) nicht versaut. Dabei ist Google mittlerweile so groß, dass die Firma keine Angst vor den Carriern haben müsste. Stattdessen riskiert sie nun, dass zu sein, wo vor alle Angst hatten: Google – really evil.
Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass alte Online-Hasen wie ich, die die furchtbare Zeit vor dem einheitlichen Netz erlebt haben, noch einmal um diese wunderbare Struktur namens Internet bangen müssten. Und nun, so scheint es, könnte das tatsächlich passieren – und vermutlich nur deshalb, weil Google den Hals nicht voll kriegt. (bsc)