IETF-Experten wollen Novizen an die Hand nehmen
Die deutsche Internet Society will Neulingen den Einstieg in die Organisation erleichtern, die dem Internet durch die grundlegenden Standards sein Gesicht gegeben hat -- und gibt.
Die deutsche Internet Society will besser über die Arbeit der Internet Engineering Task Force (IETF) informieren und mit Hilfe deutscher IETF-Experten Neulingen den Einstieg in die wichtigste Standardisierungsorganisation für Internet-Protokoll-Techniken geben. Beim ersten Treffen deutscher IETF-Autoren und Arbeitsgruppenchefs in Frankfurt tauschten die "alten Hasen" Erfahrungen über die ehrwürdige Organisation mit dem manchmal eigenwilligen Stil aus. Das Fazit: Ein bisschen Vorwissen über kleinere und größere (IETF-)Götter und andere Fallstricke sind von Vorteil.
Auch wenn das Standardisierungsfieber derzeit vor allem im Mobilsektor tobt, ist die IETF, die dem Netz durch viele grundlegende Standards sein Gesicht gegeben hat, inzwischen bei "Netheads" ebenso wie "Bellheads" (also den Technikern der Telco-Welt) akzeptiert. Für große Firmen wie Siemens stehen die IETF-Termine neben denen von ITU-T, ETSI oder anderen Standardisierungsgremien ganz selbstverständlich im Terminplan. Firmen, die teilnehmen, sind Wettbewerbern im weiteren kommerziellen Leben eines Protokolls voraus, sagt Jörg Ottensmeyer von Siemens Communications.
Im Vergleich zur Standardisierer-"Konkurrenz" ist die IETF die informellste Veranstaltung. Über Standards wird nicht abgestimmt, sondern es wird ein "Konsens" der beteiligten Entwickler hergestellt. Konsens ist, was die Chefs der Arbeitsgruppen, die "kleinen Götter", als solches feststellen. Und das fällt keineswegs immer zur Zufriedenheit aller aus. Immerhin jeder vierte Anruf der "großen Götter" in Internet Engineering Steering Group (IESG), dem Gremium der 13 Direktoren für die sieben verschiedenen Bereiche, sorgt dafür, dass Entscheidungen nochmals überprüft werden müssen.
Bei den Konsensverfahren wiegt übrigens auch nicht jede Stimme gleich: Ein Nein eines großen Anwenders, der ankündigt, dass er eine Lösung nicht implementieren kann, hat mehr Gewicht als das Nein eines einzelnen Forschers. Das Konsensverfahren soll aber trotzdem dafür sorgen, dass große Interessengruppen oder Firmen nicht einfach durch Masse -- beziehungsweise Herankarren von Mitarbeitern -- ihre Standardisierungsvorstellungen durchdrücken, wie es etwa bei der Standardisierung von HPs Anylan in der IEEE geschehen sein soll.
In der IETF treten dagegen, zumindest offiziell, die Teilnehmer nicht als Firmenvertreter auf. Diese Spezialität der IETF lockt manchen Entwickler besonders: Wenn sein Vorschlag die Zustimmung der Arbeitsgruppe findet, geht er mit seinem Namen als RFC-Autor in die IETF-Annalen ein. Dazu braucht es allerdings, so berichtete etwa Roland Bless von der Uni Karlsruhe, ziemlich viel Durchhaltevermögen, besonders dann, wenn man wirklich als individueller Wissenschaftler oder Entwickler antritt. Insgesamt gelte übrigens, betont Michael Tüxen, Prof. für Informatik, Netzwerke und Formale Sprachen an der FH Münster und aktiv bei der Standardisierung des neuen Transportprotokolls SCTP, dass die gute technische Idee allein noch keinen Standard macht. Beste Voraussetzungen hat man vielmehr, wenn auch "das Umfeld" für die Idee da ist und ein Bedürfnis am Markt. Wenn große Anwender fordern, dass sie den Standard schnellstens brauchen, dann kann es fix gehen in der IETF. Ansonsten wartet man auch schon mal mehrere Jahre.
Bei aller Offenheit der IETF sind die Hürden für Nicht-US-Entwickler übrigens auch deswegen hoch, weil er nicht in angloamerikanischer Debattenkultur erprobt ist. "Das 'Debating' ist die Grundlage, auf der die ganze technische Diskussion läuft, und da wir engagiert und schnell diskutiert," sagte Jürgen Quittek vom Heidelberger NEC Netlab. "Während das für Deutsche gerade noch erträglich sei, würden etwa japanische Techniker aus Höflichkeit nach einem Beitrag immer erst zwei Minuten mit der nächsten Wortmeldung warten. "Das ist für die IETF zu spät", erklärt Quittek.
Die deutsche ISOC will nun aus den Erfahrungsberichten nach den Vorstellungen ihres Vorsitzenden Peter Koch einen Reader mit Tipps dazu machen, wie man am besten auf der IETF-Klaviatur spielt. Zwischen den IETF-Treffen wollen sich die ehemaligen und amtierenden Working-Group-Chefs oder RFC-Autoren auch als Ansprechpartner fĂĽr Nachfragen zur VerfĂĽgung stellen. SchlieĂźlich sollen ISOC.de/IETF-Treffen am Rande der groĂźen IETF-Meetings als Anlaufstelle dienen. (Monika Ermert) / (jk)