Umprogrammierung des Körpers
Forscher wollen die Körperabwehr so umprogrammieren, dass sie fremde Organe auch ohne Medikamente toleriert – sogar dann, wenn die Gewebemerkmale von Spender und Empfänger nicht eng übereinstimmen. Das berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe.
- Kristin Raabe
- Dr. Wolfgang Stieler
Damit der Körper ein transplantiertes Organ annimmt, muss das Immunsystem mit aggressiven Medikamenten unterdrückt werden. Forscher wollen die Körperabwehr so umprogrammieren, dass sie fremde Organe auch ohne Medikamente toleriert – sogar dann, wenn die Gewebemerkmale von Spender und Empfänger nicht eng übereinstimmen. Das berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe 09/2010. Das Heft ist seit heute online zu bestellen.
Derzeit warten in Deutschland etwa 12.000 Patienten auf ein Spenderorgan, fast 8000 davon brauchen eine neue Niere. Doch nur jeder Dritte erhält tatsächlich ein neues Organ. Und selbst dann ist das Problem meist nicht ausgestanden, denn viele landen über kurz oder lang erneut auf der Warteliste: Fast jeder fünfte Nierentransplantierte erleidet eine akute Abstoßungsreaktion, obwohl die Gewebemerkmale zwischen Spender und Empfänger gut übereinstimmen.
Aber selbst wenn ein neues Organ die riskante erste Zeit nach der Transplantation übersteht, tut es selten länger als 10 bis 15 Jahre seinen Dienst im Körper des Patienten. Dafür sind oft ausgerechnet jene Medikamente verantwortlich, ohne die keine Transplantation möglich wäre: Die sogenannten Immunsuppressiva unterdrücken das natürliche Abwehrsystem des Körpers und sollen auf diese Weise verhindern, dass er sich gegen das fremde Organ widersetzt.
Wissenschaftler arbeiten nun an Verfahren, die die Dosis dieser aggressiven Medikamente zumindest reduzieren soll. Fred Fändrich vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel beispielsweise setzt dabei auf sogenannte Wächterzellen. Das sind Zellen, die die besonders aggressive Immunzellen der Körperabwehr regelrecht verspeisen können. Damit diese „Fresszellen“ ausschließlich diejenigen Immunzellen vertilgen, die das fremde Organ angreifen – und nicht auch all jene, die etwa Viren unschädlich machen wollen –, entnahm Fändrich die Fresszellen dem Blut der Organspender. Denn diese Zellen verteidigen dann das ihnen vertraute Organ sozusagen als Leibwächter weiterhin. Werden sie also dem Empfänger rechtzeitig vor der Transplantation injiziert, vernichten sie selektiv nur diejenigen Immunzellen, die das neue Spenderorgan angreifen würden.
Fändrichs Zelltherapie hat darüber hinaus noch einen weiteren gewichtigen Vorteil: Die Fresszellen können sozusagen Nachwuchs rekrutieren und andere Immunzellen in Wächterzellen verwandeln. Das Gleichgewicht wird dadurch also auf Dauer zugunsten des Wächtertrupps verschoben. Insgesamt hat Fändrich 18 Patienten mit dieser Zelltherapie behandelt. Zwar konnte er damit den Einsatz der Immunsuppressiva nicht ganz überflüssig machen, doch einige kommen nun schon seit drei Jahren mit einer minimalen Dosis des Immunsuppressivums Tacrolimus aus. (wst)