Weniger ist mehr ist weniger
Microsoft will 500 Millionen Dollar in eine Werbekampagne fĂĽr sein neues Handy-Betriebssystem stecken, das weniger kann als die Produkte der Konkurrenz.
Microsoft hat eine große Aufholjagd vor sich: Neben dem E-Mail-Handy Blackberry, Apples iOS, Googles Android und Nokias Symbian steht der Softwarekonzern inzwischen nur noch auf Rang 5 unter den Herstellern von Smartphone-Betriebssystemen. "Windows Phone 7" soll dementsprechend der große Befreiungsschlag werden: Die Software-Oberfläche, die Ende des Jahres auf ersten Geräten erscheinen soll, wurde radikal überarbeitet.
Dazu gehört, dass Microsoft viel mehr Kontrolle über sein Betriebssystem ausüben will. So werden den Herstellern der Geräte genaue Vorgaben gemacht, welche Hardwaremerkmale sie besitzen müssen - beispielsweise sind nur bestimmte Bildschirmgrößen erlaubt und jedes Modell benötigt eine "Bing"-Suchtaste. Waren frühere Windows-Handys zudem relativ offen und konnten von den Benutzern über diverse Wege frei mit neuer Software bestückt werden, wird sich das bei Windows Phone 7 ändern, kündigte Microsoft auf einer Entwicklerkonferenz an.
Genauso wie bei Apples iPhone soll es kĂĽnftig nur noch einen zentralen Software-Laden, den sogenannten "Marketplace" geben. Den kontrolliert Microsoft: Wie bei Apples durchaus umstrittenem Modell kann der IT-Riese kĂĽnftig jedes Programm abweisen, wenn es ihm selbst beispielsweise Konkurrenz macht. Genauso wie bei Apple will Microsoft zudem kĂĽnftig mitverdienen - ein bestimmter Prozentanteil des Umsatzes fĂĽr die Software plus MitgliedschaftsgebĂĽhren fĂĽr den Marketplace gehen an den Konzern.
Auch in einem weiteren, eher negativen, Aspekt imitiert Microsoft das iPhone: Windows Phone 7 wird am Anfang, ähnlich wie das Apple-Gerät in seinen ersten zwei Lebensjahren, keine Funktion für das Kopieren und Einfügen von Texten (Copy & Paste) enthalten. Der IT-Blogger Tom Foremski kommentierte zynisch, die 1973 erstmals für Desktop-Rechner erfundene Funktion sei für die Computerkonzerne wohl "eine Raketenwissenschaft". Das entspricht offensichtlich den Tatsachen: Laut einem Bericht der Newsseite "Engadget" könne es nun auch bei Microsoft "Jahre dauern", bis Copy & Paste bei Windows Phone 7 nachgerüstet werde.
Die Situation entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Angesichts des Informationshungers von Google und der Kontrollwut von Apple wünscht man dem ehemals als "Reich des Bösen" verrufenen Konzern dennoch einen Erfolg, zumal Windows Phone 7 über einige interessante neue Merkmale verfügt. Den hat man in Redmond offenbar bitter nötig - Microsoft setzt alles auf eine Karte: Schlappe 500 Millionen Dollar will der Konzern in sein neues Smartphone-Betriebssystem allein an Marketingkosten stecken. Nun könnte man sagen, das Unternehmen "hat's ja". Sollte Windows Phone 7 aber floppen, wäre das ein mächtiger Rückschlag. Zukunftsträchtiger als der Smartphone-Sektor ist derzeit kein IT-Markt. Wer weiß, vielleicht muss auch Bill Gates auf seine alten Tage noch einmal zurück an seinen alten Job. (bsc)