Erfahrungswerte: Kamerakonzepte im Vergleich (IV) – Fazit

Drei Kameras, drei Konzepte. Der Praxistest einer Superzoom-, einer Bridge- und einer spiegellosen Systemkamera lässt keinen Zweifel: Die eine, "beste" Kamera für alle Lebenslagen gibt es nicht, aber sehr wohl konkrete Empfehlungen für bestimmte Einsatzzwecke.

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Lesezeit: 11 Min.
Von
  • Robert Seetzen
Inhaltsverzeichnis

Die NX5 beweist, dass spiegellose Systemkameras kompakter ausfallen können als SLRs, das Zoom der nur geringfügig kleineren Bridgekamera liefert jedoch einen etwa achtfach größeren Zoombereich als das Standardzoom der NX5

(Bild: Samsung)

Die Entwicklung der Fototechnik schreitet schnell voran, an ein paar elementaren Gesetzen der Optik und Elektronik kommen aber auch die besten Ingenieure nicht vorbei – mit fühlbaren Folgen für jeden Fotografen. Eine Westentaschenkamera mit rauscharmen ISO 102.400 zum Beispiel wird es, soviel scheint sicher, in den nächsten 10 Jahren nicht geben. Und auch eine taschentaugliche Portraitkamera mit dem Schärfeverlauf eines f/1,4 80mm-Objektivs dürfte, allen digitalen Tricks zum Trotz, noch eine Weile Utopie bleiben.

Auch im Jahr 2010 müssen Fotografen beim Kamerakauf weiterhin mühsam um Kompromisse ringen. Denn selbst, wer dank Lotto oder Erbschaft unterschiedlichste Kameras en Gros kaufen könnte, wird für Bergwanderungen nur eine einzelne, möglichst kompakte Kamera aus dem Regal holen. Und beim Blick aufs spätabendliche Gebirgspanorama dann doch eine Systemkamera mit großem, rauscharmen Sensor herbeisehnen.

Dass die mit einer Kamera erzielbaren Ergebnisse viel stärker von ihrer grundsätzlichen Bauweise als von hersteller- oder modellspezifischen Qualitäten abhängen, haben meine Erfahrungen mit den Kameratests der vergangenen Wochen erneut bestätigt. Zwar offenbaren direkte Vergleiche zwischen den drei in dieser Artikelreihe vorgestellten Samsung-Kameras und jeweils ähnlichen Modellen anderer Hersteller teils durchaus bedeutsame Vor- oder Nachteile. Solche Unterschiede fallen meist aber viel geringer aus als die Abstände zwischen den verschiedenen Kameratypen.

Mit gut ausgeformten Griffmulden liegen die NX5 und die WB5500 sicherer in der Hand als die WB650, fallen wegen ihres größeren Gehäuses unterwegs aber eher zur Last

(Bild: Samsung)

Zur Erinnerung: In den drei vorigen Teilen dieser Artikelreihe standen die drei Samsung-Kameras NX5, WB650 und WB5500 zum Test. Die NX5 zählt zur noch relativ jungen Klasse spiegelloser Systemkameras. Sie bietet Anschluss für Wechselobjektive und nutzt einen Bildsensor in APS-C Größe, dem bei digitalen Systemkameras derzeit mit Abstand am weitesten verbreiteten Format. Die WB650 steht in diesem Testfeld stellvertretend für Kompaktkameras mit vollständig versenkbarem Superzoom, die WB5500 wiederum vertritt die unter Hobbyfotografen nach wie vor beliebten Bridgekameras. In beiden Kameras arbeitet ein 1/2,3 Zoll großer Bildsensor, ein für Kompaktkameras ebenso typisches Maß wie das APS-C-Format in der SLR-Klasse. Die NX5 und die WB5500 bieten eine Auflösung von 14 Megapixeln, die WB650 liefert 12 Megapixel. Das im Standardpaket mit der NX5 gelieferte Zoomobjektiv bietet eine auf Kleinbildverhältnisse umgerechnete Brennweite von etwa 28 bis 86 Millimetern. Die Brennweite der WB650 beträgt 24 bis 360 mm, das Zoom der WB5500 reicht von 26 bis 676 Millimeter.

Ein Blick auf Testbilder verschiedener ISO-Einstellungen zeigt deutlich, wie stark die Bildqualität einer Kamera von der Größe des Bildsensors abhängt. Bis ISO 400 und bei Druckgrößen unter DIN A4 fallen die von den 1/2,3 Zoll kleinen Sensoren gelieferten Ergebnisse zwar nicht übermäßig hinter die entsprechenden Resultate eines APS-C-Sensors zurück. Größere Drucke oder höhere Empfindlichkeitsstufen offenbaren allerdings auch ungeübten Augen, wie sehr die Detailwiedergabe und das Rauschverhalten unter der kleineren Sensorfläche leiden. Dramatische Unterschiede gibt es ab vierstelligen ISO-Werten. Hier zeigen sich die Folgen der im Vergleich zu Systemkameras winzigen Sensorfläche.

Zum Vergleich: Die Fläche eines Kleinbilddias beziehungsweise Vollformatsensors beträgt 864 Quadratmillimeter. Sensoren des APS-C-Typs bieten eine Chipfläche von etwa 350 bis 400 mm², das schon sichtbar rauschanfälligere FourThirds-System nutzt Sensoren mit rund 220 mm² Fläche. Kompaktkameras wie die WB650 und WB5500 verwenden Chips mit einer Fläche von etwa 24 mm², also nur etwa einem sechsundreißigstel der Fläche eines Vollformat-Chips. Vor dem Hintergrund solcher Zahlen gebührt den Soft- und Hardwareingenieuren zwar Respekt für die von den Chip-Winzlingen gelieferten Ergebnisse. Das Qualitätsurteil bleibt dennoch unverändert, Kompaktkameras mit Bildsensoren von 1/2 Zoll und weniger zücke ich bei geringem Umgebungslicht nur zu Schnappschusszwecken.

Wer selten mit wenig Licht fotografiert oder gewisse Abstriche bei Rauschverhalten und Detailwiedergabe akzeptieren kann, mag die Diskussion um Chipgrößen eher gelangweilt verfolgen. Neben der Bildqualität gibt es allerdings noch einen weiteren Grund, weshalb ich die NX5 und Systemkameras ähnlicher Sensorgröße manchmal klar bevorzuge. Für Aufnahmen mit jeweils identischem Bildwinkel benötigen große Bildsensoren ein Objektiv längerer Brennweite als kleine Sensoren. Um ein Motiv mit demselben Bildwinkel zu erfassen, den ein 50mm-Objektiv an einer Vollformatkamera liefert, benötigt die NX5 ein Objektiv mit etwa 33 Millimetern Brennweite. Die WB650 und WB5500 erfassen denselben Bildwinkel bei einer Brennweite von rund 8 Millimetern. Ein für die Konstruktion kompakter Objektive äußerst hilfreicher, für die kreative Fotografie jedoch fataler Umstand.

Mit sinkender Brennweite wächst nämlich auch die Schärfentiefe, also jener Bereich vor und hinter dem Motiv, der nach einer Fokussierung auf das Motiv ebenfalls scharf abgebildet wird. Für manche Zwecke kann das ideal sein, etwa in der technischen Dokumentation oder der Produktfotografie. Während einer Portraitsession, bei vielen Makromotiven und auch für manche Architekturfotos will ich aber selber entscheiden, wie weit die Schärfentiefe reichen soll. Zumal ich mit einer Systemkamera, dank besserer Bildqualität bei hohen ISO-Werten, in den meisten Situationen auch weit abblenden kann, um eine mit Kompaktkameras vergleichbare Schärfentiefe zu erreichen. Womit übrigens noch ein weiteres Problem kleiner Bildsensoren angeschnitten wird. Im Vergleich zu großen Sensoren treten die bei hohen Blendenwerten unvermeidbaren Beugungseffekte viel deutlicher ins Bild, weshalb Einstellungen oberhalb von f/8 oder f/11 hier nur sehr selten zu finden sind. Bei Aufnahmen besonders heller Motive können Kompaktkameras deshalb an Grenzen stoßen und mangels ausreichend hoher Blendenzahl sogar bei geringst möglicher ISO-Einstellung überbelichtete Bilder produzieren. Eine zwar eher seltene, aber keineswegs ganz exotische Problematik.

Samsung WB650; Sensorfläche ca. 24 mm² KB-äquivalente Brennweite 24-360 mm

(Bild: Samsung)

Bis hierhin standen die Nachteile kleiner Bildsensoren im Vordergrund, die Kompaktklasse kann allerdings auch mit nützlichen Vorteilen glänzen. An erster Stelle steht für meinen Geschmack der auch mit relativ kompakten Kameras nutzbare, teils immense Brennweitenspielraum. Die Samsung WB650 passt zwar bequem in die Brusttasche meiner Jeansjacke, bietet mir aber dennoch ein Zoom mit 24 bis 360 Millimetern Brennweite – natürlich auf Kleinbildmaßstäbe umgerechnet. Damit gelangt auf Ausflügen nahezu jedes Motiv angemessen ins Bild, ganz gleich ob es nun nach Weitwinkeleffekten oder maximaler Vergrößerung verlangt.

Die derzeit größte Brennweitenspanne für eine Systemkamera mit APS-C-Sensor würde ein 18-250mm Objektiv liefern. Umgerechnet auf Kleinbildverhältnisse beträgt die Brennweite etwa 28 bis 375 Millimeter, es wäre also mit der Samsung WB650 und ähnlichen Superzooms vergleichbar. Transportieren will ich so ein Ungetüm aber nur auf kurzen Strecken, weshalb eine kompakte Superzoomkamera nach wie vor weit oben auf meinem Wunschzettel steht. Für eine Bridgekamera wie die WB5500 gilt das nur bedingt; um sie oder eine ähnliche Bridgekamera auf längeren Ausflügen sicher zu transportieren, muss ich einen kleinen Rucksack oder eine vergleichbare Tasche mitnehmen. In der Praxis verzichte ich deshalb meist auf die Extraportion Brennweite und nutze statt der WB5500 oder ähnlicher Modelle eine kompaktere, taschenfreundliche Kamera.