Die Woche: Wolkig bis neblig
Wenn Wolken die Erdoberfläche berühren, wird es neblig – und je mehr Anbieter das Thema Cloud Computing entdecken, desto dichter scheint der Nebel zu werden, den sie darum verbreiten.
Wenn Wolken bis zur Erdoberfläche reichen, nennt man sie Nebel – und die Verlautbarungen, die mir in letzter Zeit zum Thema Cloud Computing auf den Schreibtisch geflattert sind, verbreiten eine mächtig dicke Suppe. Was vor allem daran liegt, dass die Hersteller derzeit an alles und jedes das modisch hippe Cloud-Label kleben wollen; und da braucht man halt einen entsprechend nebulösen Cloud-Begriff.
Beispiel Red Hat: Da muss das Unternehmen die Welt darauf hinweisen – schließlich steht die VMworld vor der Tür –, dass man selbst auch zu den Anbietern mit Virtualisierungs-, pardon, Cloud-Produkten gehört. Und so verbreitet man die "Neuigkeit", dass Unternehmen ihre selbst entwickelten Java-Anwendungen samt JBoss Application Server und Red Hat Enterprise Linux auch in eine virtuelle Maschine packen können. (Vor wenigen Jahren nannte man das noch einfach Software-Appliance.) Die virtuelle Maschine kann dann im eigenen Cluster unter einem Hypervisor (das nennt sich jetzt "private cloud") oder in Amazons Elastic Cloud laufen.
Das wird dann flugs zur neuen Cloud-Strategie unter dem Motto "Open Choice in the Cloud" erklärt und mit einem Nebel aus "Offenheit", "Interoperabilität", "Portabilität", "Flexibilität", "Skalierbarkeit", "Platform as a Service", "Cloud Services" und so weiter und so fort umgeben. (Wer Lust auf eine Übung in Textexegese hat: Die drei Pressemitteilungen zur Platform as a Service Cloud Strategy, den Red Hat Cloud Foundations und den Entwicklungen im Cloud-Foundations-Portfolio – alle am selben Tag veröffentlicht – stehen zur Verfügung.)
Der Nebel wabert übrigens nicht nur durch mein Hirn: Dave Rosenberg beispielsweise, Mitgründer von MuleSource und Berater unter anderem von Canonical, schreibt in seinem Blog bei Cnet anlässlich von Red Hats Cloud-Ankündigung: "Ich beschäftige mich täglich, ja stündlich mit diesem Cloud-Kram ... Was all diesen Ankündigungen fehlt, ist ein praktisches Beispiel, wie all diese Produkte zusammenarbeiten sollen, und woher Entwickler wissen sollen, wie man verteilte Anwendungen baut, die von einer Cloud-Umgebung profitieren können."
VMware, nur am Rande bemerkt, macht es ĂĽbrigens nicht anders; nur dass hier an die Stelle der JBoss-Produkte das mit SpringSource eingekaufte Spring-Framework und der Application Server Tomcat treten. Auch fĂĽr VMware ist das nicht bloĂź ein Software-Stack fĂĽr die Entwicklung von Java-Anwendungen, sondern eine ausgewachsene Cloud-Plattform; und auch hier ist mit Cloud lediglich gemeint, dass man die Anwendungen samt Umgebung in eine virtuelle Maschine packen kann.
Wo die wirklichen Cloud-Probleme liegen, zeigt übrigens die vierte Pressemitteilung von Red Hat im Vorfeld der VMworld, in der der Anbieter auf das DeltaCloud-Projekt verweist. In diesem Projekt geht es darum, eine einheitliche API zum Anlegen, Starten, Beenden und Verwalten der virtuellen Maschinen in verschiedenen Cloud-Umgebungen zu schaffen. Die Vision lautet ja: Unternehmensanwendungen werden in virtuelle Maschinen gepackt, die man je nach Bedarf im lokalen Cluster oder bei irgendeinem Cloud-Anbieter laufen lässt – je nachdem, wo die benötigten Ressourcen gerade am billigsten zu kriegen sind.
Und das kann nur funktionieren, wenn man sowohl lokale Cluster, pardon, private Clouds – egal, ob auf Basis von VMware, Hyper-V oder Xen – als auch die öffentlichen Clouds von Amazon, Rackspace und wie sie alle heißen mit ein- und demselben Werkzeug ansprechen kann und es nicht bei jedem Wechsel der Cloud-Umgebung mit anderen Tools und Schnittstellen zu tun bekommt.
An der Schnittstelle zwischen privaten und öffentlichen Clouds wird der Nebel allerdings besonders dicht. Hier stößt man dann auf Novells "Intelligent Workload Management", mittlerweile mit dem Produktnamen "WorkloadIQ" versehen (und natürlich ebenfalls zur Strategie geadelt). Wenn man zwölf verschiedene Produkte von der Linux-Distribution über die Logging-Appliance bis zum Systemmanagement-Tool unter ein gemeinsames Dach stellen und dann auch noch "Cloud" draufschreiben möchte, muss es wohl etwas dunstig werden. Wobei der Hersteller in einem gewissen Sinn schon recht hat: Irgendwie kann man das alles ja auch "in der Cloud" gebrauchen ... (odi) (odi)