Der Gesang der Elektronen
Was man aus alten Fernsehern machen kann.
Ich sitze in einer fast leeren, abgedunkelten Fabriketage. Rund 20 Menschen sind hier versammelt, sitzen ebenfalls auf dem Boden, oder stehen betont lässig herum, an die kahlen, weißen Säulen gelehnt, die die niedrige Decke abstützen. Im Zentrum der seltsamen Versammlung stehen fünf halbhohe Schränke mit altertümlichen Röhrenfernsehern - in der Mitte davor drei ähnliche Aufbauten, nur dass die Monitore hier nach oben, zur Decke hin zeigen. Auf den Schirmen ist flirrendes Rauschen zu erkennen - eine wimmelnde Punktwolke. Von Zeit zu Zeit mäandern Streifenmuster über den Schirm.
Inmitten der Fernseher steht ein Mann, der gegen die flackernden Bildschirme allerdings nur schemenhaft zu erkennen ist. Er legt seine Hände auf zwei flach vor ihm liegende Röhren, wie ein Priester, der die Menge segnen will. Ein dröhnender Akkord erklingt. Er zieht die Hände abrupt zurück, beginnt einen wilden Tanz zwischen den Schirmen, wie ein Dirigent, der ein imaginäres Orchester leitet. Es ist der japanische Experimentalkünstler Ei Wada, der hier, im Rahmen des diesjährigen Ars Electronica Festivals sein „Brown Tube Jazz Orchestra“ zeigt: Wada greift die elektrischen Felder ab, die von den Bildröhren erzeugt und durch seine aufgelegten Hände zeitlich und räumlich verändert werden und generiert aus diesen Signalen seine Musik (hier ein Video von einer ähnlichen Performance im Dortmunder Kunstverein)$).
Na und, könnte man fragen. Was soll das? Das ist doch nur abgedrehte Kunst. Doch dieses und viele andere Projekte, die zur Zeit in Linz gezeigt werden, sind meiner Meinung nach weit mehr als selbstverliebte Spielerei. „Art is Technology“, sagt Hideaki Ogawa selbstbewusst. Der Japaner ist sowohl Künstler, als auch Forscher - und als Mitarbeiter der „Future Lab“ der Ars Electronica maßgeblich an der Entwicklung des diesjährigen Festival-Mottos „Repair“ beteiligt gewesen. „Wir erfinden neue Technologien schneller, als wir lernen, sie zu gebrauchen“, sagt Ogawa. „Diesen Mechanismus zu reparieren bedeutet, darüber nachzudenken, wie man diese Dinge tatsächlich nutzbringend einsetzen kann.“
Naturgemäß kommen dabei auch Ideen heraus, die seriöse Forscher gruseln. In einer ordentlichen, deutschen Universität wäre Wada wahrscheinlich schon ausgelacht worden, wenn er seinen Antrag eingereicht hätte, aber das Konzert ist nicht nur beeindruckend, auch die zugrunde liegende Technologie ist ziemlich clever und elegant. Keine Ahnung, was man da wirklich draus machen kann. Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken. Rund 15 Minuten ackert Wada auf seiner Soundmaschine - trommelt, orgelt und dröhnt. „Now“, sagt er dann mit einem fast schüchternen Lächeln und einer einladenden Geste“, „come and try yourself“. Genau das ist der Punkt. (wst)