Telekom-Angebot für T-Online unter Beschuss
Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke verteidigte den Plan, T-Online wieder mit der Telekom zu verschmelzen; er räumte ein, dass es in der alten Struktur Reibungsverluste durch konkurrierende Angebote gab.
Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke verteidigte den Plan, T-Online wieder mit der Telekom zu verschmelzen; er räumte ein, dass es in der alten Struktur Reibungsverluste durch konkurrierende Angebote gab.
Bittere Pille für T-Online-Aktionäre: Die Deutsche Telekom will ihre Internet-Tochter zum aktuellen Kursniveau wieder von der Börse nehmen. Das Rückkauf-Angebot der Telekom für T-Online ist dabei auf scharfe Kritik von Aktionärsschützern und Börsenexperten gestoßen. Sie bezeichnen das Angebot auf dem aktuellen Marktpreis von 8,99 Euro je Aktie als inakzeptabel niedrig. Die T-Online-Aktie war im Frühjahr 2000 zu einem Ausgabepreis von 27 Euro an die Börse gebracht worden. Aktionäre der ersten Stunde würden somit kräftige Verluste erleiden. Die schätzungsweise 1,5 Millionen Kleinaktionäre von T-Online haben auch die Möglichkeit eines Umtauschs in Telekom-Aktien.
"Diese Offerte ist absolut inakzeptabel", sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Ulrich Hocker, bereits direkt nach Bekanntwerden der Telekom-Pläne. Die T-Online-Aktionäre sollten abwarten, bis das Umtauschangebot für die Verschmelzung vorliege, ergänzte ein DSW-Sprecher.
Auch der Börsen- und Bankenexperte Wolfgang Gerke kritisierte mittlerweile das Angebot der Telekom als unzureichend. "Für viele Aktionäre entsteht der Eindruck, dass sie die Talsohle mitdurchschreiten mussten, der Weg nach oben ihnen aber verwehrt wird", sagte der Inhaber des Lehrstuhls für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg der Tageszeitung Die Welt. Gerke forderte einen Aufschlag auf den aktuellen Börsenkurs von mindestens 20 Prozent. Die Chancen stünden gut, dass spätestens Gerichte die Konditionen anzweifeln und das Angebot nachgebessert werden müsse.
Die Telekom hält 73,9 Prozent an T-Online und die französische Lagardère-Gruppe 5,7 Prozent. Die übrigen Aktien sind breit gestreut. Nach einer Beispielrechnung von Telekom-Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick könnte der Erwerb der ausstehenden 26 Prozent bei T-Online und die anderen Schritte des skizzierten Verschmelzungsplanes insgesamt rund 2,9 Milliarden Euro kosten. Das freiwillige Kaufangebot entspricht dem XETRA-Schlusskurs vom Freitag und liegt um 2 Cent je Aktie über dem Durchschnittskurs der vergangenen sechs Monate.
Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke verteidigte seinen Plan. "Die Zeiten haben sich geändert", betonte er. T-Online ist die einzige börsennotierte Sparte der Deutschen Telekom. Unter dem Telekom-Dach sollen die Festnetzsparte T-Com und die Internet-Tochter zur neuen Geschäftseinheit Breitband/Festnetz zusammengelegt werden. T-Online-Aktionäre könnten mit dem Tausch ihrer Aktien in T-Aktien von den drei Wachstumsfeldern Breitband/Festnetz, Geschäftskunden, Mobilfunk profitieren und nicht nur vom reinen Internet. Der Konzernchef räumte ein, dass es in der alten Struktur Reibungsverluste durch konkurrierende Angebote gab. Unter anderem hatten sich die Internet- und die Festnetzsparte Konkurrenz beim Online-Musikvertrieb und dem Aufbau von WLAN-Hotspots gemacht. Das neue Geschäftsfeld Breitband/Festnetz der Deutschen Telekom wird von Ex-IBM-Manager Walter Raizner geführt.
Auf die Frage, ob und wie viele Arbeitsplätze beim Zusammenrücken der bisher getrennten Sparten wegfallen, nannte Ricke keine Zahlen. "Unsere Zielsetzung ist nicht, Mitarbeiter einzusparen", betonte er. Zuvor sprach er aber auch davon, dass mit Augenmaß Möglichkeiten für Kostenvorteile geprüft würden. So könnte Marketing zusammengeführt werden. Der T-Online-Standort Darmstadt stehe nicht zur Disposition und die räumliche Entfernung zu Bonn sei kein Problem. Allerdings würden nach der Verschmelzung von T-Online und Telekom Steuern auf das Internet-Geschäft künftig in Nordrhein-Westfalen und nicht mehr in Hessen anfallen.
Für die Kunden der Telekom und von T-Online bedeutet die neue Struktur nach Rickes Darstellung einen Fortschritt, weil es künftig abgestimmte Produkte gebe. "Der Kunde möchte einfache Produkte aus einer Hand und mit klaren Strukturen für die Ansprechpartner -- und genau das werden wir ihm künftig bieten", erläuterte der Konzernchef. Die Marken T-Com und T-Online blieben in der neuen Struktur erhalten. "Wir wollen das Schnellboot T-Online als Schnellboot behalten." Für die Millionen Telekom-Aktionäre sollen die Pläne keine Nachteile bringen. Die Deutsche Telekom wolle weiterhin eine "attraktive Dividende" für das Geschäftsjahr 2004 im kommenden Jahr zahlen, betonte Ricke. Mit der neuen Geschäftseinheit Breitband/Festnetz wirke der Bonner Konzern auch den Rückgängen im Markt der Sprachtelefonie entgegen. T-Online hatte sich im wachsenden Markt für das Telefonieren über das Internet aus Rücksicht auf die Festnetzsparte zurückhalten müssen.
Der Verschmelzungsvertrag und das Umtauschverhältnis würden vermutlich nicht vor Januar 2005 verfügbar sein, teilte die Telekom mit. Die Unterlagen zum freiwilligen Kaufangebot könnten bereits im November veröffentlicht werden. Die T-Online-Aktie hatte sich zuletzt wieder etwas von einem Kurstief bei 7,53 Euro Anfang August erholt. Ihre schlechteste Notierung war im Herbst 2001 mit 4,85 Euro. Der Höchstkurs lag auf dem Höhepunkt der Internet-Euphorie Mitte 2000 bei 48 Euro. (dpa) / (jk)