Das Schweigen vor dem Schuss

Wie sicher sind deutsche Atomkraftwerke vor Terroristen? Greenpeace warnt, will aber die Karten nicht auf den Tisch legen.

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Ach, es ist wirklich ärgerlich: Da predigt man jahrelang Transparenz und Offenlegung aller Fakten als einzig mögliche Basis für eine möglichst rationale Entscheidung in umstrittenen politischen Fragen (wie beispielsweise der Atomkraft). Und dann versuchen die Leute, die ich bisher immer noch als „die Guten“ betrachtet habe – konkret geht es hier um Greenpeace – mit genau denselben Tricks der scheinwissenschaftlichen Vernebelung wie ihre Widersacher zu punkten.

Worum geht es? Greenpeace hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, in dem die Auswirkungen eines Terroranschlags mit panzerbrechenden Waffen auf deutsche AKWs untersucht werden. Das Ergebnis scheint auf den ersten Blick ziemlich alarmierend: Das russische Panzerabwehrsystem AT-14 beispielsweise, seit 1994 auf dem Markt, kann nach Herstellerangaben bis zu 1,20 Meter dicken Stahl und mehr als drei Meter Beton durchschlagen. Die Betonhülle bei deutschen Atomkraftwerken ist zwischen 60 und 200 Zentimeter dick - das dürfte also reichen. Kämen die Terroristen zudem auf die Idee, nach der ersten Rakete mit Hohlladung noch eine mit einem sogenannten thermobarischen Gefechtskopf abzufeuern, könnten sie damit angeblich eine Kernschmelze auslösen.

Das Gutachten ist allerdings nur in einer Kurzfassung veröffentlicht worden. Die wenig überraschende Begründung: Man wolle Terroristen keine Anleitung für Anschläge geben. Schade eigentlich. Ich habe bislang gedacht, dass gerade Greenpeace in der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit mauernden Multis gelernt hätte, wie man es nicht macht. Wenn die Gefahr so groß ist, wie Greenpeace behauptet, muss das natürlich Konsequenzen haben. Um das Risiko bewerten zu können, muss man aber die Fakten kennen. Alarm zu machen, ohne die Fakten zu benennen, ist lediglich Stimmungsmache.

Das Argument, man könne mit einer vollständigen Veröffentlichung den Terroristen in die Hände spielen, ist so alt wie falsch: Sicherheit, die lediglich auf Geheimhaltung beruht, ist trügerisch. In der Regel sind die bösen Jungs sehr viel besser informiert als die Guten. Und wer in der Lage ist, sich auf dem Schwarzmarkt Lenkwaffen zu besorgen und die nach Deutschland zu schmuggeln, kommt auch an die Konstruktionspläne von AKWs.

Passend dazu: Die Kollegen vom IEEE Spectrum haben sich in ihrem wöchentlichen Podcast mit der Frage beschäftigt, warum so viele Terroristen eigentlich Ingenieure sind. Kein Scherz: 2008 haben Diego Gambetta und Steffen Hertog mit einer Untersuchung für Aufsehen gesorgt, die belegt, dass der Anteil von Ingenieuren in islamistischen Terrorzellen dreimal höher ist, als in statistischen Vergleichsgruppen. Im IEEE-Podcast verrät Hertog, wie die Geschichte weiter gegangen ist.

(wst)