Geduldspiel mit drei Kügelchen

Der Hamburger Zukunftsrat findet das Großprojekt Hafencity wenig nachhaltig. Aber ist eine umfassend nachhaltige Stadtentwicklung unter heutigen Bedingungen überhaupt möglich?

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Von
  • Niels Boeing

Das Hamburger "Hafencity-Fenster" im Querschnitt

(Bild: BSU Hamburg)

An der Hafencity in Hamburg scheiden sich die Geister. Für die einen ist Europas größte Baustelle ein Vorzeigeprojekt, mit der die Hansestadt nicht nur als internationale Metropole punkten, sondern auch modellhaft einen nachhaltigen Stadtteil für das 21. Jahrhundert bauen will. Für die anderen ist sie ein Reichengetto, in dem ein kalter Wind durch die kantige Blockbebauung pfeift.

Der Zukunftsrat Hamburg hat nun die Hafencity in einer Studie einem Nachhaltigkeitscheck unterzogen. Das Ergebnis fällt gemischt aus: Zwar erkennt der Zukunftsrat durchaus wohlwollend das Energiekonzept, das auf Kraftwärmekopplung und ein wenig Solarenergie setzt, und die Umweltzertifizierung der Gebäude an (angesetzt wird der Passivhaus-Standard). Auch trage die dichte Bebauung auf einem ehemaligen innerstädtischen Industriegelände zur Nachverdichtung der Großstadt bei. Die ist notwendig, um Flächenverbrauch und Pendelverkehr einzudämmen.

Aber hinsichtlich anderer Nachhaltigkeitskriterien bekommt die HafenCity Hamburg GmbH als Entwicklungsfirma für das Konzept doch ordentlich Schelte. Ganz besonders für das Verkehrskonzept: Die "große Chance für eine nachhaltige Mobilität" sei verpasst worden, kritisiert die Studie. "Vorstellungen zu einer autofreien oder autoarmen Innenstadt, wie sie andernorts entwickelt wurden und werden, blieben vollständig aus."

Ich selbst wäre von meinen wenigen Ausflügen in die Hafencity nie auf die Idee gekommen, dass dieser Anspruch auf Nachhaltigkeit seitens der Planer in dieser Hinsicht überhaupt erhoben wird. Der Stadtteil, so weit er schon erkennbar ist, wirkt wie eine Verlängerung der bekannten autofreundlichen Innenstadt.

Die Nahverkehrsanbindung mit einer teuren Abzweigung aus dem U-Bahn-Netz bewertet die Studie als Anachronismus. Auch wenn ich ein großer Fan von U-Bahnen bin und Busse nicht leiden kann: Ganze zwei Stationen bei über 300 Millionen Euro Baukosten sind nun nicht so beeindruckend. Da hätte man doch besser der Straßenbahn, die Hamburg 1978 abgeschafft hat, zu einem Comeback verholfen.

Die Lärmbelastung durch Verkehr und Hafen, die die Studie als "Störfaktor" für eine nachhaltige Entwicklung sieht, hat immerhin zu einer kleinen Innovation geführt: dem "Hafencity-Fenster". Seine Doppellamellen-Struktur ermöglicht, bei geöffnetem Fenster, also mit frischer Luft, zu schlafen und dennoch den Lärmpegel auf 30 Dezibel zu senken.

Interessant wird es, wenn die Studie kritisiert, dass die Hafencity finanziell und sozial zu wenig nachhaltig angelegt sei. Um Geld für die Finanzierung der zu errichtenden Infrastruktur hereinzubekommen, musste Hamburg den gesamten städtischen Grund und Boden auf dem Terrain an Investoren verkaufen (außer dem Kaispeicher A für die Elbphilharmonie). "Damit verliert Hamburg zugleich Zukunftsoptionen, diese Grundstücke später einmal anders – vielleicht gewinnbringender im qualitativen und quantitativen Sinne – zu nutzen", urteilt Jochen Menzel, Autor der Studie.

Die Investoren wollen dort natürlich Rendite erzielen. Mit günstigen Wohn- und Gewerbeflächen, die auch Menschen ohne dicken Geldbeutel anziehen und eine sozial faire Durchmischung ermöglichen, ist das schwierig. Folge: Die Hafencity entwickelt sich alles in allem doch zu einem Erlebniswohnpark am Wasser für "Leistungsträger", der mit den üblichen Bürogebäuden durchsetzt ist. Neue Formen innerstädtischen Lebens und Wirtschaftens dürften so kaum entstehen.

Die Hafencity spiegelt damit eine, wie ich finde, bedenkliche Entwicklung wieder: Nachhaltigkeit wird in den vergangenen Jahren zunehmend – von der HafenCity GmbH sogar explizit – auf einen sparsamen Umgang mit Ressourcen reduziert. Denn der verspricht neue Produkte, neue Dienstleistungen, neue Märkte. Dass Nachhaltigkeit im Sinne der Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung 1992 nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich und sozial gemeint war, gerät in Vergessenheit.

Wenn aber "Ökologie zuerst" gilt, lassen sich diese drei Aspekte von Nachhaltigkeit in der Stadtentwicklung dann überhaupt in Einklang bringen? Finanziert eine Stadt komplette neue Quartiere, die sparsam mit Ressourcen sind, ohne Verkäufe, muss sie sich weiter verschulden – was finanziell nicht nachhaltig ist. Holt sie Geld über Verkäufe rein, um nur die Infrastruktur zu finanzieren, werden die Quartiere zu teuren Objekten – was sozial nicht nachhaltig ist. Das Ganze gleicht dem Versuch, in einem Geduldspiel drei Kügelchen in drei Löcher zu bugsieren, ohne dass eins dabei wieder herausrutscht.

Im Hamburger Großversuch ist bislang kein einziges Kügelchen im Ziel. Das ist – nicht nur für Hamburg – beunruhigend. (nbo)