"Warum haben wir das nicht?"

Mal wieder Konferenz. Der Chef kommt rein, hat eine zusammengefaltete Zeitung unter dem Arm. Das heißt nichts Gutes.

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Mal wieder Konferenz. Der Chef kommt rein, hat eine zusammengefaltete Zeitung unter dem Arm. Das heißt nichts Gutes. Chef setzt sich, faltet die Zeitung auseinander, deutet auf einen Artikel – dramatische Pause. Dann die unvermeidliche, vorwurfsvolle Frage: “Warum hatten wir das nicht?”. Die Betonung liegt auf “wir” – “das” war in diesem Fall ein Text von Frank Rieger mit der – zugegebenen etwas reißerischen – Überschrift: ”Der digitale Erstschlag ist erfolgt”.

Kurze Erklärung für alle, die das Heft nicht abonniert haben: Cyberwar war das Titelthema der Print-Ausgabe im September – aber der Stuxnet-Trojaner kommt in diesem Stück nicht vor. Das ist bedauerlich, aber entwertet unseren Text bei weitem nicht. Mehr noch: Die mediale Inszenierung des Stuxnet-Trojaners illustriert im Nachhinein sogar ganz hervorragend die Schwierigkeiten im Umgang mit diesem Thema. Denn wer wann wovon spricht, ist im Krieg mit Hilfe von und über die Informationshoheit genauso Mittel wie Ziel – oder einfacher: Es ist schon schwierig genug, im Nebel eines konventionellen Krieges den Überblick zu behalten, aber in Sachen Cyberwar blickt eigentlich keiner mehr durch. Was keinen der Beteiligen daran hindert, kräftig mit dem Säbel zu rasseln.

Insofern belegt der Fall Stuxnet ganz wunderbar eine der Beobachtungen von unserem Autor Sandro Gaycken: Weil bei einem Cyberangriff eigentlich niemand sicher sagen kann, wer auf wen zuerst gefeuert hat, befiehlt die rein militärische Logik eine Umkehrung der Beweislast. Soll heißen: Ein Staat, aus dessen Netz heraus Cyberangriffe geführt werden, muss künftig damit rechnen, vom Angegriffenen zur Rechenschaft gezogen zu werden, wenn er nicht beweisen kann, dass der Angriff “nur” von Kriminellen durchgeführt worden ist.

Dazu passt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge, dass die Kollegen aus dem Newsticker-Ressort melden, der NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen wolle laut einem Zeitungsbericht den Bündnisfall künftig auch auf Internet-Attacken ausweiten. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, sieht das Rasmussens Entwurf für das neue strategische Konzept der Allianz vor, das auf dem NATO-Gipfel im November in Lissabon verabschiedet werden soll.

Mir scheint, da droht eine Militarisierung des Internets, gegen die die Geschichte mit den Mittelstreckenraketen damals eine langweilige Veranstaltung war. Wenn die Planspiele der Militärs verwirklicht werden, ist im Netz wahrhaftig kein Platz mehr für ein friedliches, offenes globales Dorf. Nach der digitalen Bürgerrechtsbewegung wird es nun höchste Zeit für eine Cyber-Friedensbewegung. (wst)