In-Chat-Shopping: Revolution im E-Commerce?

Was bedeutet es für den E-Commerce, wenn Information, Produktsuche, Preisvergleich, Entscheidungsfindung und Kauf an einem Ort stattfinden: im KI-Chat?

vorlesen Druckansicht 10 Kommentare lesen
Person mit Smartphone in der Hand am Laptop.

(Bild: GaudiLab/Shutterstock.com)

Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Karsten Zunke
Inhaltsverzeichnis

In den vergangenen Monaten ging es Schlag auf Schlag. Quasi aus dem Nichts ist im E-Commerce eine neue Shopping-Experience entstanden: das sogenannte In-Chat-Shopping. Das heißt: Nutzer müssen nicht mehr durch das World Wide Web surfen, um nach Schuhen, Kaffeemaschinen oder neuen Laptops zu stöbern, sondern können dies direkt im KI-Chat erledigen. Und nicht nur das: Auch für die Entscheidungsfindung und den Kauf müssen sie den Chat nicht mehr verlassen. Die komplette Costumer Journey läuft damit in einem Punkt zusammen – in der KI.

Begonnen hat alles im vergangenen Jahr mit Perplexity. Die von generativer KI angetriebene Antwortmaschine darf als Vorreiter dieser Entwicklung gesehen werden. Im Dezember 2024 launchte das Unternehmen in den USA seinen KI-getriebenen Shopping-Assistenten und nannte den Service "Shop like a Pro". Eine ebenso naheliegende wie aussagekräftige Bezeichnung, denn in den USA konnten von nun an Pro-User von Perplexity innerhalb des KI-Chats einkaufen.

Seitdem können in den USA Nutzer eines kostenpflichtigen Pro-Accounts ausgewählte Produkte ausgewählter Händler direkt auf der Website oder in der App von Perplexity kaufen. Auch die Bezahlung wurde anfangs über Perplexity abgewickelt. Ähnlich wie man es vom Handelsriesen Amazon kennt, musste man lediglich seine Versand- und Rechnungsinformationen bei Perplexity hinterlegen. Versendet wurde kostenlos. Für jene Produkte, für die "Shop like a Pro" nicht verfügbar war, wurde man nach seiner Kaufentscheidung auf die Händlerwebsite weitergeleitet.

Im Januar 2025 wurde dann bekannt, dass Perplexity beim In-Chat-Shopping mit Paypal kooperiert. Künftig übernimmt PayPal die Zahlung, den Versand, die Sendungsverfolgung und den Support. US-Kunden können auf diese Weise Reisen buchen, Produkte kaufen und sich Konzertkarten sichern, ohne die Plattform verlassen zu müssen. Lediglich die typische Paypal-Checkout-Schleife muss gedreht werden. Eine weitere Kooperation besteht mit dem US-amerikanischen Mobile-Payment-Service Venmo (der in Deutschland nicht verfügbar und daher hierzulande noch weitgehend unbekannt ist).

Videos by heise

Im Frühjahr 2025 zog OpenAI nach und integrierte Produktempfehlungen in seine KI-Suche. Wenn eine Nutzer-Anfrage eine Kaufabsicht impliziert, zeigt ChatGPT seitdem auch relevante Produkte an. Im Gegensatz zu Perplexity ist dieser Service aber nicht auf bestimmte Händler oder Produkte beschränkt: Grundsätzlich kann hier jede Website und jeder Händler erscheinen. Die Produkte werden laut OpenAI von der KI unabhängig ausgewählt.

Anders als bei Perplexity beschränkt sich der In-Chat-Commerce bei ChatGPT auf die Suche und die Entscheidungsfindung. Neben den Produktbildern werden auch Preise und Bewertungen angezeigt. Der Kauf erfolgt allerdings auf der Händlerwebsite, außerhalb des KI-Chats.

Auch Google ist längst auf diesen Zug aufgesprungen. Auf seiner I/O-Konferenz 2025 verkündete der Suchmaschinen-Primus ein "Shopping im KI-Modus". Dazu wird der Google Shopping Graph mit der Google KI Gemini verknüpft. Der Shopping Graph bietet laut Google mehr als 50 Milliarden Produktlisten – von globalen Einzelhändlern bis hin zu kleinen Läden – inklusive Bewertungen, Preisen, Farboptionen und Verfügbarkeit. Nach eigenen Angaben aktualisiert Google mehr als 2 Milliarden dieser Produktlisten stündlich. Somit sitzt die KI nicht nur auf einem riesigen Datenschatz, sondern auch auf topaktuellen Kaufinformationen. In den USA wird das Feature jetzt ausgerollt, bezahlt wird hier mit Google Pay.

Wie groß dieser Markt des In-Chat-Shopping werden kann, ist noch nicht absehbar. Doch das Interesse der Tech-Giganten lässt die Dimensionen erahnen. Auch Microsoft möchte ein Stück vom neuen E-Commerce-Kuchen abhaben. Der Konzern hat kürzlich sein Microsoft Merchant Programm gelauncht. Das Ziel: den kompletten Kaufprozess innerhalb der Copilot-KI abzuwickeln. Auch hier wird der Service zuerst in den USA ausgerollt, Händler können sich für eine Teilnahme an diesem Programm registrieren. Damit wird deutlich: Auf die E-Commerce-Branche kommt Großes zu.

Insbesondere Online-Händler sollten jetzt wach sein. Auch wenn der Trend wieder einmal in den USA gesetzt wurde und dort immer schneller Fahrt aufnimmt, dürfte es nicht mehr lange dauern, bis auch der deutsche Online-Handel davon betroffen ist.

Der Trend des KI-In-Chat-Shoppings revolutioniert den deutschen Online-Handel, indem er personalisierte, effiziente und rund um die Uhr verfügbare Einkaufserlebnisse schafft. Shop-Betreiber und Online-Händler sollten – je nach Größe und Ambitionen – daher schon heute mögliche Partnerschaften mit KI-Anbietern ausloten beziehungsweise bereit sein, sich für entsprechende Händlerprogramme anzumelden.

Darüber hinaus dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis entsprechende KI-Empfehlungen auch mit begleitender Werbung monetarisiert werden. Perplexity experimentiert beispielsweise schon seit längerem mit Werbung für seine KI-Antworten. Werden die Shopping-Angebote mit Werbung flankiert, würden sich damit auch für das Marketing neue Notwendigkeiten ergeben, Präsenz in dem jungen Shopping-Kanal zu zeigen. Um sich optimal auf diese Entwicklung vorzubereiten, sollten

Werbetreibende:

  • Grundlegende Strategien für KI-Plattformen entwickeln

Hier hilft es, sich mit den Funktionsweisen von In-Chat-Shopping auseinanderzusetzen und zu beobachten, wie Produktempfehlungen in KI-Chats ausgespielt werden

  • Auf organische Sichtbarkeit fokussieren

Da In-Chat-Shopping aktuell (noch) werbefrei ist, sollten Marketer ihre Produkte durch hochwertige, strukturierte Daten und überzeugende Kundenbewertungen sichtbar machen

  • Den Content auf Nutzeranfragen ausrichten

Jetzt gilt es, Produktbeschreibungen und Inhalte gezielt für typische Nutzerfragen zu optimieren, da KI-Systeme auf konkrete Dialoge und Kontexte stark reagieren

Online-Händler und Shop-Betreiber sollten:

  • Ihre Produktdaten optimieren und strukturieren

Es sollte sichergestellt werden, dass Produktdaten vollständig, aktuell und gut strukturiert sind, da KI-Systeme diese Daten für Empfehlungen nutzen

  • FAQ-Bereiche und Anwendungskontexte ausbauen

Um optimal für das In-Chat-Shopping aufgestellt zu sein, sollten E-Commerce-Anbieter Produktbeschreibungen um typische Einsatzszenarien erweitern und häufige Fragen zu dem Produkt beantworten

  • Sich für Merchant-Programme registrieren (sobald dies möglich ist)

Das In-Chat-Shopping ist momentan sehr heterogen: Während manche KI-Chats auf das offene Internet zurückgreifen, müssen sich Händler für andere Angebote registrieren. Hier sollte man die Entwicklungen unbedingt im Blick behalten.

Wer sich jetzt mit In-Chat-Shopping beschäftigt, kann sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil sichern: Die Sichtbarkeit wird aktuell (noch) nicht durch Werbebudgets, sondern durch gute Daten, relevante Inhalte und überzeugende Nutzererfahrung bestimmt. Frühzeitige Vorbereitung und kontinuierliche Optimierung sind der Schlüssel zum Erfolg in diesem neuen, dialogorientierten Online-Vertriebskanal.

Dieser Beitrag ist zuerst auf t3n.de erschienen.

(jle)