KI-Einsatz: Anspruchsvolle Aufgaben werden delegiert, Routine bleibt
Eine Untersuchung des KI-Entwicklers Anthropic zeigt, dass KI vor allem anspruchsvolle Aufgaben übernimmt. Dies führt zu einem „Deskilling“ vieler Berufe.
(Bild: MT-R/Shutterstock.com)
Die Rechnung vieler Chefs klingt einleuchtend: Die KI übernimmt Routineaufgaben, Mitarbeiter konzentrieren sich auf die komplexen Probleme. Doch die Realität sieht anders aus, wie eine neue Untersuchung des KI-Entwicklers Anthropic zeigt (PDF). In der Praxis werden an die Künstliche Intelligenz vor allem die anspruchsvollen Aufgaben delegiert – für die sie mit 66 Prozent eine deutlich niedrigere Erfolgsquote aufweist als bei einfachen Tätigkeiten. Die Folge: Viele Jobs werden „deskilled“, wie die Forscher es nennen. Die anspruchsvollen Teile verschwinden, die Routinearbeit bleibt.
Die Studie basiert auf zwei Millionen anonymisierten Nutzungsdaten aus November 2025, die per KI ausgewertet wurden. Anthropic hat dafür erstmals systematisch gemessen, nicht nur wofür Claude zum Einsatz kommt, sondern auch wie erfolgreich.
„Deskilling“ von Berufen
Als Beispiele für dieses „Deskilling“ nennt die Studie technische Redakteure und Reisebüroangestellte. Der technische Redakteur analysiert mithilfe der KI neue Entwicklungen, um den Bedarf für Überarbeitungen zu bestimmen, oder lässt bereits veröffentlichte Materialien überprüfen, um Revisionsbedarf festzustellen. Während er diese komplexen Aufgaben abgibt, kümmert er sich selbst weiterhin lieber um das Zeichnen von Skizzen oder die Produktion. Im Reisebüro verbleiben bevorzugt Aufgaben wie das Anfordern und Ausdrucken von Fahrkarten oder das Abwickeln von Zahlungen beim Menschen. Bei schwierigen Arbeiten wie das Planen von Reiserouten oder Kostenberechnungen wird hingegen die Hilfe der KI in Anspruch genommen.
Dies verblüfft auf den ersten Blick, weil Fehler in den Ergebnissen komplexer Aufgabenstellungen oft schwerer zu erkennen sind als bei einfachen Aufgaben. Und laut Anthropics Zahlen liegt die Erfolgsquote bei einfachen Aufgaben bei 70 Prozent, während sie bei komplexen Fällen auf 66 Prozent sinkt. Dass die Nutzer dies in Kauf nehmen, dürfte vor allem an der Zeitersparnis liegen. Aufgaben, die Menschen ohne KI etwa drei Stunden kosten würden, ließen sich mit KI in rund 15 Minuten erledigen, behauptet Anthropic.
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KI vergrößert Spaltung zwischen Arm und Reich
Eine weitere Erkenntnis aus der Studie ist, dass KI die Ungleichheit zwischen reicheren und ärmeren Ländern und den jeweiligen Lebensverhältnissen weiter vergrößern könnte. In reichen Ländern mit höherem Pro-Kopf-Einkommen werde die KI vielseitig und auch für Privates eingesetzt, etwa in den USA, Japan und Südkorea. In ärmeren Ländern konzentriere sich die Nutzung auf Lernen und spezifische Arbeitsaufgaben.
So viel Nachdenklichkeit über Nebeneffekte der eigenen Produkte wirkt in der KI-Branche auf den ersten Blick ungewohnt. Doch Anthropic hat in der Vergangenheit bereits mehrfach Aufmerksamkeit damit erregt, dem euphorischen Grundton, der Big Tech sonst innewohnt, etwas Selbstreflexion entgegenzusetzen. Und oft auch mit dem Erfolg, dass der kleinere Mitbewerber von OpenAI (ChatGPT) und Google (Gemini) damit in die Schlagzeilen kam.
(mki)