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Was war. Was wird.

Eine Stunde länger schlafen! Ein Bock in der Hand, das dicke Internet-Telephonbuch unterm Arm und die sicherste Sache der Welt in der Tasche hüpft Hal Faber in Richtung Heiabettchen. Jetzt bloß nicht in Blogtrollkommentarreaktionskinderkacke treten.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Eine Stunde länger schlafen oder eine Stunde länger WWWW lesen, das ist die Frage. Wir kehren zur MEZ zurück, die in den Zeitungen schon als Winterzeit bezeichnet wird, obwohl der Winter erst kurz vor Weihnachten anfängt. Aber wen kümmert's, die Liebe zum Detail und die Produktion von Nachrichten sind hübsch verknotete Hyperbeln. Setzen wir uns also mit einem schön gezapften Einbecker Winterbock vor den Schirm oder streicheln das iPad, denn diese Wochenschau.... Huch, eine Altersabfrage? Und das bei einem Naturprodukt, für das schon Martin Luther Werbesprüche reimte? Ein Mausklick löst das Problem der "Altersverifikation" – und das wird auch in Zukunft so sein, auch wenn die Zeitungen voll vom Jugendschutz sind, den der neue sichere Personalausweis in die Online-Welt ein führt. Denn "die elektronische Identifikation ist aus Sicherheitsgründen erst ab einem Alter von 16 Jahren möglich. Für ab diesem Alter freigegebene Anwendungen kann der Ausweis eingesetzt werden", heißt es in einem etwas unvollständigen FAQ zum Ausweis. Wer unter 16 ist, kann die Online-Verifikation nicht durchführen und muss auf "Nein" klicken.

*** Wahlweise kann man mit der Zunge schnalzen, wie richtige Kriminelle es tun, wenn sie einen neuen Personalausweis sehen. Das meint jedenfalls der Bund deutscher Kriminalkomiker, der den "Tatort Internet" für eine vorbildliche Sendung hält. Die Realität sieht anders aus.

*** Wo war ich stehengeblieben? Achja, Einbecker Winterbock und die Werbung. Ein ruhmreiches Bier: im Juli 1949 erschien das Fernsprechbuch von Einbeck im frisch gegründeten Verlag Heinz Heise, mit Werbung für besagtes Bier. Mit Telefonbüchern und Bierwerbung auf Telefonbüchern begann der Aufstieg des netten Verlages in der norddeutschen Tiefebene, der diese Wochenschau finanziert. Mit der November/Dezember-Ausgabe der c't von 1983 begann eine ehrwürdige Geschichte, unterstützt von etwas eigenwilliger Werbung vor zeitgeschichtlichem Hintergrund: "Im Gegensatz zu den vermeintlichen Hitler-Tagebüchern stimmt erfreulicherweise beim c't Magazin jedes noch so kleine Teil." Da schnalzt die Zunge, dass es nur so scheppert. Details, Details, wer will noch mehr Details? Das erste Fernsprechbuch der Welt erschien leider nicht in Hannover, sondern am 1. November 1878 im amerikanischen New Haven, nur zwei Jahre nach der Erfindung des Telefons durch Alexander Graham Bell - oder Antonio Meucci oder Johann Philipp Reis. Details voller teufel, so auch bei dem Telefonbuch: Das offiziell erste Telefonbuch in New Haven war nur das erste Telefonbuch mit Werbung. Das wirklich allererste Telefonbuch hatte keine Werbung und brachte seinem Verleger nur Verluste.

*** Natürlich klagen die Telefonbuchverlage über das Internet. Die Gewinne sind rückläufig, auch wenn man weitaus besser dasteht als die Filmindustrie, die 2009 Einnahmerekorde verzeichnete. Besonders in den USA wird laut über das Internet geklagt, wo sich das Geschäft zwar laufend verbessert, aber vom Volumen weit von den Glanzzeiten der Gelben Seiten entfernt ist. Mitte der 50er-Jahre wurden in den USA 60 Millionen Telefonbücher pro Jahr gedruckt und 1961 konnte der Gigant AT&T eine der teuersten Werbekampagnen des vergangenen Jahrhunderts als Google-Vorläufer fahren. "Let your fingers do the walking" , diese berühmte Slogan, der in vielen Ländern eine stehende Redensart geworden ist, lieferte schließlich auch das Vorbild für die bekannte PC-Kampagne von der Information at your Fingertips, mit der Bill Gates im Herbst 1994 den "Information Superhighway" zu einer nationalen Aufgabe erklärte.

*** War ich wirklich stehengeblieben? Aber nicht doch. Verleger, auch manche Telefonbuchverleger und seltsamerweise auch Journalisten-Gewerkschaften erzählen seit einiger Zeit, dass das Internet einen Geburtsfehler hatte und dass das iPad der erste Schritt ist, dem Bastard diesen Fehler abzugewöhnen. Apps, in denen für 79 Cent für die Tagesausgabe abgelaicht wird, sollen die Verstopfung im Geldhahn lösen. Inklusive kostenpflichtige Apps für Produkte, die bereits bezahlt wurden. Ich bin kein Freund von Thesen und Manifesten, aber Nummer 5 in dieser Abschiedsvorlesung sei allen ans Herz gelegt: Das Internet hat keinen Geburtsfehler. Wer dies behauptet, muss zurück zu einem alten Sommerrätsel und Frage 9 beantworten: Als das Internet auf dem Radar der Verleger erschien, versuchten sie eigene Netze dagegen zu setzen. Wo man so schnell nichts bieten konnte, wurden Simulationen und Schummeleien angeboten. Dagegen hilft vielleicht die schlichte Wahrheit: Die erste Nachrichtenseite im entstehenden WWW, die Headline News Online, brachten nur knappe Zusammenfassungen von Artikeln, verbunden mit der Aufforderung, die Zeitungen zu kaufen und Bandbreite zu sparen. Von Links auf Inhalten war man weit entfernt.

*** Schon wieder stehengeblieben, ts, ts. Das erste Internet-Telephonbuch war das Network Managers Phonebook des NSF Service Center, eine per WAIS abrufbare Sammlung von Whois-Daten, ergänzt durch verschiedene Hinweise aus der aktuellen Arbeit der Admins. Im Jahr 1996 wurde beim amerikanischen ISP Netcom ein Router fehlkonfiguriert mit dem Erfolg, dass 400.000 Netcom-Kunden für 13 Stunden vom Internet abgeschnitten waren: niemand hatte mehr eine Telefonnummer, um den Admin zu erreichen. Nach diesem Kilolapse erwischte es den damaligen Internet-Star America Online. 6,2 Millionen Teilnehmer mussten 19 Stunden warten, bis sich das WWW-Logo wieder drehte. Ein Megalapse, verursacht durch einen einzigen Router. Die Vorfälle nahm der Ethernet-Erfinder Bob Metcalfe zum Anlass, am 18. November 1996 in der damals im Zeitungsformat erscheinenden Infoworld eine Kolumne zu schreiben, in der er einen Gigalapse für 1997 prognostizierte, den totalen Zusammenbruch des Internet. Sollte dieser nicht eintreten, versprach Metcalfe, das Papier mit seinem Artikel zu verspeisen. Man mag den Rest in der Wikipedia lesen: der Zusammenbruch blieb aus und Bob musste seine Worte futtern. Was die Chronik des Weltwissens verschweigt, ist die Erwiderung von Vint Cerf auf den im Artikel geäußerten Vorwurf von Metcalfe, bei der IETF und der NANOG würden nur noch Frühstücksdirektoren sitzen. Bob sei ein wütender, ungemütlicher Bär, der ordentlich tobe, doch er sei auch ein Techniker, der auf Defizite hinweise, auf mangelnden Wettbewerb unter den Internet-Anbietern. Das müsse Ernst genommen werden. "Finally, in real life, this pundit is really a big, cuddly panda bear, but he's to chicken to admit it in public." Warum erwähne ich das? Weil die von Metcalfe angestoßene Diskussion in dieser Woche als Netzneutralitätsdebatte wieder aufgetaucht ist.

*** Sollte man bei einer Debatte stehen bleiben, in der ein Medienjournalist über einen Medienmacher herfällt, statt die Troll-IP zu sperren? Der Macher hatte sich mit Sockenpuppen verheddert, die "hallo Papa" eifrig auf seinen Abschuss hin arbeiteten. Schwere Frage, gute Antwort: Blogtrollkommentarreaktionskinderkacke. Hier, hier und hier wurde über ein Nichts diskutiert. Die letzte und entscheidende Frage beantwortet dabei Paul.

Was wird.

Winterzeit ist Jubelzeit. Am Montag startet die sicherste Sache der Online-Welt, das Gabi-Mustermann-Net. Ein richtiges Leuchtturm-Projekt ist es nicht, Singapur, Hongkong und Österreich sind viel weiter, die Almdudler vor allem deshalb, weil dank staatlicher Subvention bereits 60 Prozent aller Bankkunden eine qualifizierte elektronische Signatur einsetzen. Die wird beim neuen Personalausweis frühestens im März 2011 kommen und richtig Geld kosten, da Signatur und Komfortleser bezahlt werden müssen. Dank ELENA wird es demnächst für Bedürftige etwas günstiger: die Signatur zahlt die Arbeitsagentur, in der auch die Lesegeräte stehen. Niemand bleibt zurück. (vbr)