"Es geht um Kommunikation und Kontrolle"

Er galt als Prototyp des zerstreuten Professors, doch an seinen moralischen Prinzipien ließ der Vater der Kybernetik keine Zweifel. Ein historisches Interview mit Norbert Wiener.

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Er galt als Prototyp des zerstreuten Professors, doch an seinen moralischen Prinzipien ließ der Vater der Kybernetik keine Zweifel. Ein historisches Interview mit Norbert Wiener.

TR: Professor Wiener, ich arbeite für die deutsche Ausgabe des Magazins Technology Review und würde Ihnen gern ein paar Fragen...

Norbert Wiener: Sie brauchen Ihr Englisch nicht zu bemühen. Ich spreche Deutsch: Ich habe in Göttingen studiert und gearbeitet, und auch meine Frau kommt aus Deutschland. Begleiten Sie mich ein Stück? Beim Gehen kann ich am besten denken.

Gern. Man liest, Sie hätten einen künstlichen Arm entwickelt, der sich per Gedanken steuern lässt. Das klingt ziemlich beängstigend.

Warum halten Sie das für beängstigend?

Wollen Sie denn den Menschen zur Maschine machen?

Offen gesagt sehe ich da keinen wirklichen Unterschied. Das ist ja gerade das Faszinierende an dieser neuen Wissenschaft, die ich Kybernetik genannt habe: Letztendlich lassen sich fast alle komplexen Systeme aufgrund ihres Verhaltens charakterisieren. Sie passen ihre Ziele mithilfe der Rückkopplung an die Umweltbedingungen an. Haben Sie Feuer? Meine Zigarre ist ausgegangen…

Rauchen ist hier leider verboten.

Rauchen verboten? Was für ein Unsinn ist das denn? Ich rauche, wo ich will – auch im Seminar. Obwohl ich zugeben muss, dass ich bei langweiligen Vorträgen manchmal ein wenig einnicke. Dann besteht die Gefahr, dass die Zigarre Papiere in Brand setzt. Die Kollegen machen sogar Witze darüber, habe ich gehört. Aber wo war ich stehen geblieben?

Bei der Kybernetik.

Ach ja. Das Wesentliche an absichtsvollem, zielgerichtetem Verhalten sind Kommunikation und Kontrolle: Das System prüft den Unterschied zwischen seinem Ziel und der Wirkung seiner Aktion. Das ist Kommunikation. Dann versucht es, diesen Unterschied zu minimieren. Da haben Sie die Kontrolle. Dabei ist es vollkommen gleichgültig, ob wir über lebende Organismen, Maschinen oder Gesellschaften sprechen. Über die interne Funktion des Systems müssen Sie nichts wissen – wir haben das „Black Box“ genannt.

Um noch einmal auf den künstlichen Arm zurückzukommen: Wie funktioniert der?

Ja, der Arm. Hatte ich beinahe schon wieder vergessen. Wir, das heißt meine Kollegen am MIT und ich, arbeiten seit über zehn Jahren an der Analyse von Hirnwellen. Auch hier haben wir eine Gemeinsamkeit zwischen Mensch und Maschine: Wenn wir denken, produzieren wir Muster elektrischer Spannungen auf unserer Kopfhaut. Die spiegeln die Aktivitäten des Gehirns wider. Ich war von Anfang an davon überzeugt, dass diese Signale der Schlüssel für die Erklärung des menschlichen Denkens sind...

(wst)