Der Feind meines Feindes
Wikileaks könnte die erst ernsthafte Kraftprobe zwischen Politik und Netzwelt werden. Der Ausgang dieser Auseinandersetzung wird das Netz, in dem wir uns in Zukunft bewegen, entscheidend prägen - zum Guten oder zum Schlechten.
Eigentlich wollte ich nicht. Wir haben in der Redaktionssitzung gesessen, und natürlich auch über den Fall Wikileaks diskutiert. Kann man dazu noch irgendwas machen? Oder ist nicht längst alles gesagt? Und ist nicht die Verbreitung der diplomatischen Einschätzungen von ein paar US-Botschaftern eine höhere Form von Klatsch und Tratsch, die sich dazu noch im wesentlichen aus Medien-Einschätzungen speisen, eigentlich belanglos? Oder schlimmer noch: Eine Ablenkung von den Dingen, die wirklich wichtig sind?
Bis heute Mittag habe auch ich so gedacht, aber dann musste ich meine Einschätzung doch revidieren. Die Vehemenz, mit der – wer auch immer, die US-Regierung, ihre Verbündeten, was weiß ich – Interessierte Kreise versuchen, die Cable-Files wieder aus dem Internet zu kriegen, hat mich stutzig gemacht.
Sicher, die ganze Geschichte hat meiner Meinung nach eine ganz große Schwäche, auf die in all den aufgeregten Kommentaren meist nicht verwiesen wird: Weder die Echtheit der über Wikileaks verbreiteten Dokumente ist nachprüfbar, noch ist die Auswahl der Dokumente transparent. Der Manipulation ist damit Tür und Tor geöffnet – wenn ich Geheimdienstler wäre, würde ich diese Möglichkeit aktiv nutzen.
Bei aller Skepsis muss ich aber zugeben, dass meine Sympathien im Moment ganz eindeutig verteilt sind. Das hat doch wirklich das Zeug zur Legende: Eine Handvoll Hacker tritt die Mächtigen dieser Welt mal eben ganz mächtig in die Eier. Gäbe es diesen Julian Assange nicht, man müsste ihn erfinden. Nicht ganz der prototypische Geek, aber nah genug dran: ein schmales Hemd, das hochintelligent wirkt, aber irgendwie unnahbar. Ein Internet-Revolutionär, der bei öffentlichen Auftritten so charismatisch rüberkommt, wie der Assistent in den Übungen zur Analysis-Vorlesung.
In einem Chat-Interview mit dem Guardian war denn auch ganz viel zu spüren von der Sympathie, die Assange im Moment aus dem Netz erfährt. Ich kann nur hoffen, dass sich diese Heldenverehrung auch in echte Aktivität umsetzen wird.
Denn ich will zwar nicht so pathetisch sein wie Perry Barlow, der auf auf Twitter verkündete, dies sei der erste, echte Cyberkrieg und "ihr seid die Truppen“. Aber ich denke, da ist ein Körnchen Wahrheit dran: Wahrscheinlich ist das jetzt nur der Vorgeschmack dessen, was passiert, wenn die von Assange angekündigten Bank-Dateien online gehen. Dann werden die richtig mächtigen Leute sehr, sehr angefressen reagieren. Dies könnte also wirklich die erst ernsthafte Kraftprobe zwischen Politik und Netzwelt sein. Und der Ausgang dieser Auseinandersetzung wird das Netz, in dem wir uns in Zukunft bewegen, entscheidend prägen – zum Guten oder zum Schlechten. (wst)