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Was war. Was wird.

Was am Nordpol oder in HimmelsthĂĽr gespeichert ist, ist erst einmal ganz weit weg. Die Daten sind also beim Weihnachtsmann sicher? Das nimmt auch nur der an, der daran glaubt, dass der Osterhase Eier bringt, gickelt Hal Faber: Diesem Typen sollte man nicht trauen.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Mitten im schönsten Festtagstrubel, wenn niemand einen Pfifferling auf IT-Nachrichten spendiert, einen Wochenrückblick zu schreiben, ist harte Fron. Es gibt ja nicht allzuviele Experten für IT-Sicherheit, die am 24.12. arbeiten und zum Beispiel einen gepfefferten Brief schreiben. Vielleicht hilft zur Einstimmung ein Weinachtslied von der Sorte, die laufend im Äther dudeln. Jingle Bells war das erste Lied, das von draußen im All zur Erde gesendet wurde. Da die Originalfassung IT-mäßig wenig aufregend ist, starte ich lieber mit dem Lied Nr. 74 aus dem offiziellen IBM Songbook. Zur Melodie von Jingle Bells stimmen wir ein:

I. B. M., Happy men, smiling all the way.
Oh what fun it is to sell our products night and day.
I. B. M., Watson men, partners of T. J.
In his service to mankind – that’s why we are so gay.

I. B. M., Watson men, International line:
Proud T. M. – Dayton Scale – and I. T. R. so fine
I. B. M. goods and men, leaders all the time.
Saving money, time and men, in every land and clime.

*** Mit gay sind wir, huschehusch, weg vom fetten Weihnachtsbraten und bei der epochalen Entscheidung der USA angelangt, eine idiotische Richtlinie der Armee zur Behandlung von Homosexuellen aufzuheben. In den Vereinigten Staaten sitzt bekanntlich ein schwuler Soldat namens Bradley Manning im Gefängnis, der verdächtigt wird, diverse Geheimdokumente an Wikileaks gemailt zu haben. Manning sitzt in verschärfter Einzelhaft. Seine Haftbedingungen sollen jetzt von den Vereinten Nationen überprüft werden. Ein Weihnachtsständchen für Manning ist fällig:

On the first day of Xmas, WikiLeaks gave to me:
A [redacted] in a [redacted] tree.

On the second day of Xmas, WikiLeaks gave to me:
Two maids a-suing
and
A [redacted] in a [redacted] tree.

On the third day of Xmas, WikiLeaks gave to me:
Three Gitmo manuals
Two maids a-suing
and a [redacted] in a [redacted] tree.

*** Usw., usf., usa. Natürlich hat gay in Verbindung mit Happy IBM men eine andere Bedeutung, zumal vom Dienst an der Menschheit die Rede ist. Bei Diensten dieses Kalibers ist die sexuellen Orientierung zweitrangig. Das bringt uns zum IBM-Ingenieur Lou Sedaris, dessen Sohn David heute Geburtstag hat, den er wohl mit seinem Lebensgefährten Hugh Hamrick feiern wird. David wurde schlagartig mit einer Weihnachstgeschichte berühmt, die er im Radio vorlesen konnte. Seine Santaland Diaries, die Einsichten in den US-Lifestyle als grünes Elfenkind im Kaufhaus Macys können auch online gehört werden. Besonders eindrücklich das Haus des Weihnachtsmannes, in dem die Kinder dem Weihnachtsmann auf den Schoß gesetzt werden und ihre Wünsche vor der Videokamera aufsagen müssen. Oder eben das, was sich die Eltern wünschen, dass sich die Kinder wünschen sollen.

"Ich wünsche mir . . . dass Prokton und . . . Gamble . . . Gamble mit . . . mit den Tierversuchen aufhören." Die Mutter sagte: "Procter, Jason, Procter and Gamble heißt das. Und was machen sie mit den Tieren? Foltern sie die Tiere, Jason? Ist es das, was sie mit den Tieren machen?"

Kinder, die ihr demonstratives Gutmenschentum nicht ordentlich aufsagen können, bekommen von den entnervten Eltern eine Tracht Prügel angedroht und der Pausenelf Sedaris muss mit seinen Witzen die Stimmung retten. Oder er muss verirrten Ausländern, die verwirrt dem Weihnachtsmann die Hand schütteln, zum Ausgang bringen. "Ich gehe gut heute", stammeln sie.

*** "Gehn wir gut heute? Weihnachtlich glänzet das Heiseforum, die Weihnachtsgeschichte ist modern interpretiert, das Christkindlein friedlich im Melderegister abgelegt, gewickelt in die Babyerstausstattung, ein Wunder des Target-Marketings. Für die Leser, die es mehr mit dem Weihnachtsmann haben, kommt die moderne Variante natürlich von Happy IBM:

Niemand weiß, wie alt der Weihnachtsmann genau ist. Anzunehmen ist allerdings, dass er sogar älter ist als die IBM. So musste er früher wahrscheinlich Lochkarten benutzen, um die Wünsche der Kinder und Erwachsenen zu Weihnachten festhalten und organisieren zu können. Heute ist der Weihnachtsmann etwas moderner. Selbst wenn jemand im Weihnachtsstress vergisst, seinen Wunschzettel abzuschicken, so hat der Weihnachtsmann immer noch SPSS zur Verfügung, um aus Millionen von Daten zu ermitteln, was sich eine Person eventuell wünschen könnte. Sind alle Daten und Wünsche gesammelt, können sie mittels IBM Business Analytics Software Tools analysiert und zu einem Masterwunschzettel aufbereitet werden. So startet der Weihnachtsmann also bestens vorbereitet in die Weihnachtszeit und vergisst kein Geschenk mehr.

*** Die letzte derartige Weihnachtsgeschichte von IBM wurde übrigens im Jahre 2000 verschickt und lobte OS/2, dessen Entwicklung genau ein Jahr später eingestellt wurde. Heute gibt sich IBM moderner, selbst Wikileaks wird erwähnt, mittlerweile ein Standard der Public Relations und aller sonstigen Weihnachtsleaks. Ganz anders als dieser satirische Kommentar über den schlimmsten Fehler eines IBM-Programmierers geht die Geschichte vom Weihnachtsmann wunderbar entspannt weiter, anders auch als die Lotus-Kommentare in Vowes magischem Zirkus.

Natürlich hat der Weihnachtsmann auch kleine Helfer, die Geschenke besorgen und ihn bei der Logistik unterstützen. Damit die Kommunikation untereinander einfacher wird und jeder weiß was zu tun ist, legte der Weihnachtsmann sicherlich schon im Herbst eine Activity bei Lotus Connections an und hält seitdem regelmäßige Meetings mit allen zuständigen Helferlein auf der ganzen Welt über Lotus Live in der Wolke. Denn auch der Weihnachtsmann von heute ist schon in einer Public Cloud. Damit auch im letzten Moment nichts schief gehen kann, wird der Weihnachtsmann durch mobile Lösungen auf seinem Handy unterstützt. Denn sollte er noch einen Weihnachtswunsch per Mail erhalten, kann er diesen ad hoc bearbeiten und schnell noch etwas über das Internet bestellen. Damit ihm nicht das passiert, wie dem Weihnachtsmann in der Skizze, und die geheimen Wünsche nicht irgendwann auf Wikileaks veröffentlicht sind, werden die Daten natürlich sicher auf einer IBM Speicherlösung archiviert .

*** Sind die Daten beim Weihnachtsmann wirklich sicher? Na klar, werden die einen sagen: Was am Nordpol oder in Himmelsthür gespeichert ist, ist erst einmal ganz weit weg. Nein, das Netz ist global, so die Antwort der Datenschutzskeptiker. Sie verweisen darauf, dass Weihnachten ein Fest des Schenkens ist, bei dem vor allem Konsumentendaten gesammelt und verschenkt werden. In dieser Hinsicht ist die Datenschutzerklärung des Weihnachtsmanns alles andere als beruhigend, selbst wenn Wikileaks nur am Schornstein-Rande erwähnt wird. Diesem Typen sollte man nicht trauen.

Was wird.

Trauen wir gut heute? Wird die modernisierte Weihnachtsgeschichte der deutschen Statistiker zur Standard-Erzählung am brennenden Weihnachtsbaum? Wer braucht schon Ochs und Esel, die Krippe und die Zusammenrottung der Könige, wenn Zahlen sprechen können? Wie war das noch mit Goebbels, der Churchill unterstellte, nur der Statistik zu trauen, die man selbst gefälscht hat? Fragen, nichts als Fragen. Das nächste WWWW bringt die passenden Antworten mit den Statistiken von heise online, denn diesmal ist es gleichzeitig das traditionelle Jahresend-WWWW der harten Fakten. Da wird nicht lange gefragt, ob es Geheimnisse geben muss, da kommen Zahlen auf den Tisch, ganz ohne Hilfe von Wikileaks.

Schauen wir gut heute? Es gibt auch andere Nabelschauen. Erinnert sei an den Chaos Computer Club und seinen 27. Friedenskongress mit Themen wie Zensursula und Censilia. Die kleine Zubringerrakete ist schon vor dem Gebäude gelandet, in dem am 16. Februar 2011 Cecilia Malmström über das Internet und die innere Sicherheit Europas sprechen wird. Das ist auf dem europäischen Polizeikongress im nächsten Jahr, und das ist ja doch noch weit, weit weg. Bis dahin ist die Gans ganz verdaut. Bauchgrimmen hat bis jetzt nur einer: Jörg Ziercke ist derzeit der Chef des Bundeskriminalamtes, einer Behörde, die auf ihrer Homepage (Risiken und Nebenspeicherwirkungen bei Besuch des Links) gezwungen wurde, einen Link auf den Kommissionsbericht Evaluierung Sicherheitsbehörden des Innenministeriums zu setzen. Ziercke möchte sein Kompetenzteam behalten, während sein Innenminister de Maizière eine Mammutbehörde aus BKA und Bundespolizei bauen will, komplett mit einem "Generaldirektor öffentliche Sicherheit" als Vorgesetzten von Ziercke. Was doch ein schönerer Titel ist als "leitender Weihnachtsmann." (jk)