Systemisches Versagen

Morgen wird die parlamentarische Untersuchungskommission in den USA ihren Bericht zu den Ursachen des Deepwater-Horizon-Unglücks veröffentlichen. Die darin enthaltenen Empfehlungen werden nichts an der Praxis der Tiefsee-Bohrung ändern.

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Kleine Wette zum Wochenanfang gefällig? Morgen wird die parlamentarische Untersuchungskommission des US-Kongresses ihren Bericht zu den Ursachen des Deepwater-Horizon-Unglücks veröffentlichen. Die darin enthaltenen Empfehlungen werden nichts an der Praxis der Tiefsee-Bohrung ändern.

Nein nein, darum geht es gar nicht bei der Wette. Was in dem Bericht drinstehen wird, kann man sich schon denken. Denn bereits vergangene Woche ist ja ein entscheidender Auszug aus diesem Bericht veröffentlicht worden. Und in dem steht, das die Haupt-Ursache für den Unfall nicht individuelles oder technisches Versagen war, sondern systembedingt. Weil keine Behörde in der Lage ist, dieses komplexe System zu kontrollieren, muss die Industrie das selber tun, argumentiert die Washington Post. Die Börse hat den Hinweis gleich verstanden – der Kurs von BP ist sofort gestiegen.

Eigenlob an: Wie der Hase läuft, konnte unsere geneigte Leserschaft bereits in TR 12/2010 nachlesen. "Das größte Problem, das die Ölindustrie beschäftigt, ist denn auch kein konzeptionelles: "Je tiefer Sie hinunter wollen, desto schwerer wird Ihre Ausrüstung – und desto teurer die Operation", sagt Matthias Reich, Bohrtechnik-Experte an der TU Bergakademie Freiberg“, hat der Kollege Niels Boeing geschrieben.

Und weiter: "Denn mit zunehmender Tiefe muss im Bohrturm immer mehr Gestänge verschraubt, müssen im Bohrloch immer mehr Rohre zementiert werden. Je mehr Gestänge und Rohre nötig sind, desto größer muss die Plattform werden, um mehr als tausend Tonnen Stahl für den kilometerlangen stählernen Rüssel zu lagern, der sich in den Meeresboden bohrt. Eine halbe Milliarde Dollar betragen die Baukosten für eine Bohrinsel, die für Operationen in Meerestiefen von 3000 Metern und mehr ausgelegt ist. Plattform-Betreiber wie Transocean verlangen deshalb horrende Tagesmieten von den Ölkonzernen: Über eine halbe Million Dollar zahlte BP für die Deepwater Horizon pro Tag."

Also muss so schnell wie möglich gearbeitet werden. Arbeit unter Zeitdruck aber ist immer fehleranfällig. Und Arbeit unter extremem Zeitdruck ist halt extrem fehleranfällig. Das ist keine technische Frage, sondern eine organisatorische.

Eigenlob aus. Nun die Wette: Ich denke, dass uns noch in diesem Jahr die nächste Tiefsee-Quelle um die Ohren fliegen wird. Wer hält dagegen? (wst)