Consumer-Leaks

Von den USA lernen heißt manchmal doch noch siegen lernen: Ab März kann sich dort jeder an einer neuen öffentlichen Datenbank für Produktbeschwerden beteiligen. Die brauchen wir auch.

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Von
  • Niels Boeing

Ein kritischer Verbraucher zu sein, ist eine Herkulesaufgabe. Es ist nicht nur zeitraubend, sich relevante Produktinformationen zusammenzuklauben, um sich überhaupt ein differenziertes Bild zu verschaffen (Gewissheit ist sowieso kaum möglich, siehe mein letzter Eintrag). Es ist auch mühsam, eigene Kritik an Produkten so zu transportieren, dass sie mehr ist als ein Tröpfchen in der Informationsflut.

Natürlich können wir alle mailen, twittern und posten, was das Zeug hält (ich meine dabei nicht das notorische Genörgel, sondern begründete Probleme). Doch in der Regel bleibt dies folgenlos, erreicht vielleicht ein paar Freunde und Freundesfreunde, aber selten diejenigen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Eine Welle der Verbrauchermacht wird höchstens daraus, wenn ein Massenmedium das Problem aus dem Strom fischt.

Zumindest für US-Verbraucher brechen aber bald bessere Zeiten an: Wie die Washington Post berichtet, will die Consumer Product Safety Commission (CPSC), die Bundesbehörde für Produktsicherheit, im März eine öffentliche Datenbank für Verbraucherbeschwerden einrichten, zu der alle Bürger beitragen können. Jede Beschwerde soll spätestens nach 15 Tagen veröffentlicht und damit für andere Verbraucher sichtbar gemacht werden.

Auf diese Weise soll ein echtes Frühwarnsystem für die Allgemeinheit entstehen. Denn bislang kann es Monate dauern, bis die CPSC ihre durch nicht-öffentliche Beschwerden angestoßenen Untersuchungen abschließt. Sollte es dann zu einem Produktrückruf kommen, sind womöglich Hunderttausende gekniffen, die in der Zwischenzeit mangels Wissen das Ding weiter gekauft haben.

Dass die Industrie von der Idee gar nicht begeistert ist, wie die Washington Post schreibt, wundert mich nicht. Teilweise ist das verständlich, denn woher weiß man, dass eine Beschwerde nicht in einem Bürorechner der Konkurrenz formuliert wurde? Die CPSC will allerdings Mechanismen entwickelt haben, um solche Fälle aufzuspüren.

Zudem werden nur Informationen über echte Defekte, nicht über – subjektiv – mangelnde Qualität berücksichtigt. Lebensmittel, Medikamente, Kosmetika, Tabakprodukte und Autos wiederum fallen heraus, weil die CPSC nicht für sie zuständig ist. Aber es bleiben immer noch 15.000 Produkte – das ist schon mal ein ordentlicher Anfang.

Davon können wir in der Bundesrepublik nur träumen. Zwar gibt es ein Produktsicherheitsportal, dass die BAuA (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) im Auftrag verschiedener Bundesministerien betreibt. Die Menge der angebotenen Informationen fällt aber doch recht überschaubar aus. Und Sicherheitsmängel können dort bislang nur Firmen in einem Online-Formular melden – nicht Verbraucher.

Die können es immerhin im "Internet-gestützten Informations- und Kommunikationssystem zur europaweiten Marktüberwachung von technischen Produkten" (ICSMS) versuchen. Vorausgesetzt, sie merken sich das Wortungetüm, finden die richtige Seite – und können dann noch etwas mit den EU-Richtlinien anfangen, die in einem Pulldown-Menü ausgewählt werden müssen. Falls nicht, macht das nichts: Die Spalte, in der die eigentliche Meldung untergebracht werden soll, habe ich vergeblich gesucht.

Die Europäische Verbraucherzentrale wiederum veröffentlicht einmal wöchentlich eine Übersicht über aktuelle Produktbeschwerden. Ohne Bookmark findet man aber aus dem Gedächtnis nie wieder dorthin zurück. Ein gut benutzbarer Verbraucherservice sieht anders aus.

Vielleicht wäre der aktuelle Dioxin-Skandal – auch wenn es dabei "nur" um Lebensmittel geht – ein Anlass, die Verbraucher künftig im großen Stil an der Aufklärung über die Produktsicherheit zu beteiligen. Aus der BAuA ist jedenfalls zu hören, dass man dort gerne eine Datenbank nach dem CPSC-Vorbild hätte – auch weil sie neue statistische Auswertungen ermöglichen würde. Das größte Problem sei aber, dass es vor allem in den Bundesländern nicht mehr genug Personal gebe, das die Beschwerden der Verbraucher aufnehmen und prüfen könnte.

Vielleicht sollte jemand eine e-Petition dafĂĽr starten. (nbo)