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Was war. Was wird.

Mit der Wirklichkeit ist das so ein eigen Ding, merkt Hal Faber an und bewundert die Titanen der deutschen IT-Zukunft ebenso wie er den FrĂĽhzeiten von Jazzdiven-Reinkarnationen nachtrauert.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Es ist nicht leicht, ein Hal zu sein, besonders zu Ostern, wenn die Göttin Eostre süße Eier schenkt und vielleicht das Estragonlamm im Ofen blubbert. Und wenn es hübsch duftet, dann kann man auch religiöse Fragen diskutieren oder das Marketing, was letztlich eine religiöse Frage ist. Aus den Lenden von Seth entsprangen genug Gnostiker, die den anderen Gott verehren, den Sohn der Allmutter Barbelo. Doch was sind all diese Götter gegen die echten deutschen Götter? Nein, nicht die leicht reizbaren Typen rund um die Weltesche. Ein Heinrich von Pierer, ein August-Wilhelm Scheer, ein Hans-Jörg Bullinger, das ist die wahre Trinität der deutschen Götter. Zumindest sind die drei im Innovationsrat, den Kanzlerin Merkel auf der CeBIT angekündigt hat. Diese Titanen werden über die IT-Zukunft von Deutschland bestimmen. Gegen sie sind die Schicksalsnetze der Nornen reinste Splogs. Nur komisch, dass die Hohen Räte der Regierung Schröder auch nicht anders aussahen. Aber Götter haben es ja mit der Ewigkeit, auch die innovativen machen da keine Ausnahme.

*** Bei solchen Aussichten zu Ostern, da bleibt man doch lieber zu Hause, flezt auf dem Sofa herum, lässt die armen Bandscheiben jammern wie sie wollen und steckt die Nase in ... Hm, mal schauen: "Nichts als Kino", ja. Die Liebeserklärungen von Guillermo Cabrera Infante an Filmemacher, Filmkomponisten, Kinematographie-Erfinder, Schauspieler und auch an die Filme, sie sind doch weit bequemer zu genießen als die österlichen Verwicklungen und Papstfeierlichkeiten, da spart man sich glatt auch noch den Gang in die Stadt. Obwohl – "Inside Man", wenn man ihn noch nicht gesehen hätte, vielleicht würde Spike Lees Ausflug ins Genre des Gangsterdramas einen auch zu Ostern vom Sofa locken. Und genau, sowohl auf dem Sofa als auch im Kino denkt unsereiner dabei an IT zuletzt.

*** Denn der einfache IT-Mensch hat da ganz andere Probleme. Wie etwa das, täglich sieben Stunden nicht etwa auf dem Sofa, sondern im Auto zu verbringen, nur um bei Cisco Systems arbeiten zu können. In den USA ist Dave Givens ein Held, im Vereinigten Königreich bereits ein pathologischer Fall. In Deutschland wäre er wiederum ein Normalo: Mein Nachbar in der wunderschönen norddeutschen Tiefebene fährt jeden Tag nach Walldorf, allerdings mit Mehdorns rollenden Verrichtungskabinen. Oder heißt das Verspätungskabinen?

*** Dabei spielt Zeit durchaus eine Rolle. Nicht einmal eine Stunde lang waren die 313 Seiten des Windows Vista Product Guide von Microsoft in einem Blog online, ehe der Spuk verschwand. Die Zeit reichte indes, die lustigen Business-Pläne für das neue Betriebssystem abzugreifen, nach denen nur komplett registrierte Benutzer die Schönheit der neuen Benutzeroberfläche Aero erfahren dürfen. Bitte, leben wir nicht alle in einem IT-Biotop, in dem der kleine Hacker oder der den Guide postende Blogger auch etwas zu Beißen haben muss?

*** Besonders der Blogger, von Haus aus ein besonders armer Schlucker. Da hat jemand das 30.200.001ste Blog gestartet und pustet gleich größenwahnsinnig wie einst Fichte die "Reden an die deutsche Nation" seine Thesen vom neuen sozialen Kiosk raus, was die zweite Generation der HTML-Verbesserer alles machen soll. "Anonyme Gespräche bleiben ein Feld für Telefonseelsorger, Verschwörungstheoretiker und das horizontale Gewese, egal ob profit- oder lustorientiert." Der Schutz der Privatsphäre im Zeichen von Narus ist keinen Pfifferling wert. Wer unbedingt ein Manifest haben will, sollte es mit dem hier versuchen. Ach, nichts gegen Blogs. Einige sind Pflichtlektüre, wie Netzpolitik. Vielen anderen sei eine Idee des ollen Marx ans Herz gelegt: "Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen."

*** So passiert es eben: Mit der Wirklichkeit ist das ein eigen Ding, denn dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, wie manch Vulgärmaxist gerne apodiktisch dekretiert, ist nur die eine Seite der Wahrheit, auch wenn die deutschen Idealisten, die einfach das Gegenteil behaupteten und heutzutage von unseren voluntaristischen Bloggern nachgeahmt werden, sich von Marx unsanft vom Kopf auf die Füße stellen lassen mussten. Aber manch Wunschvorstellung hat dann doch einen recht hinreißenden und realitätsbildenden, geradezu divenhaften Effekt. Und trotzdem: Bei aller Liebe zu der Wiederentdeckung des Blues, die Cassandra Wilson parallel zu ihrer Reinkarnation als Jazz-Diva betreibt, so sehne ich mich doch bei manchem ihrer neuen Songs nach den Zeiten, als sie noch bei Steve Colemans Five Elements sang – oder zumindest nach den Zeiten, da ihre Alben von Steve Coleman produziert wurden. Was ist Thunderbird gegen Days Aweigh? Eine gute Blues-Platte, ja, jedoch im Vergleich zum Album von 1987 fast schon reaktionär. Aber gut, mit M-Base geht der Free-Funk auch ohne Cassandra Wilson weiter, was sich jeder gerne selbst anhören mag.

*** Wie aber war das mit der Wirklichkeit? Aus dem richtig gesund hirnrissig aussehenden Dingensda namens Fefes Blog, komplett mit Deppenapostroph entnehme ich die Nachricht, dass manche Gerichte meinen, Video-Überwachung sei überall dort voll in Ordnung ist, wo man sowieso nicht damit rechnen sollte, dass Mann oder Frau eine Privatsphäre hat. Noch sind in Deutschland solche Aufzeichnungen am Arbeitsplatz grundsätzlich verboten. Noch, das bringt mich zu den Jubiläen, allesamt unrunde Sachen. Etwa zum Geburtstag von Anatole France, der nahezu synchron das Kunststück fertig brachte, den Literatur-Nobelpreis zu gewinnen und von der katholischen Kirche auf den Index gesetzt zu werden. Der erste Unterzeichner von Zolas Dreyfuß-Manifest gewann Unsterblichkeit für seinen weisen Rat an alle Journalisten: "Wenn etwas gesagt ist und wenn es gut gesagt, dann habt keine Skrupel. Nehmt es und kopiert es." Uh, oh, wird jetzt "das geistige Eigentum" aufheulen, das in den Köpfen der Vermarkter spukt. Für sie gibt es ein anderes Datum: Der Videorecorder wurde 50 Jahre alt. Als er erschien, war der Jammer groß: Das Ende von Hollywood wurde prophezeit. Tatsächlich war es der Anfang des Fernsehens.

*** Ich soll nicht mehr so vorgestrig krittelnd sein. Aha. Gut, dann bleibe ich aktuell am Ball (ähem, s.u.). Gerade eben fragten teure treue Heiseleser in dieser Meldung über Siemens-Verkäufe an Motorola, was denn dann von Siemens noch übrig ist. Die Antwort ist einfach: Fahrerlose U-Bahnen, nur so als Beispiel. Das bringt mich wieder zurück auf Spur, zu den neuen deutschen Göttern vom Innovationsrat: Fahrerlos rast er dahin, nur Heinrich von Pierer hat noch etwas Hartes in der Tasche. Hoffen wir, dass es nicht ein Blackberry ist?

Was wird.

Mir nicht unbedingt freundlich gesinnte Zeitgenossen haben beim letzten Wochenrückblick das Übermaß an Granteleien zum Thema WM bemängelt, insbesondere meine Begeisterung für Torhüter. Nun hat Oliver Kahn eine Ruck-Rede gehalten, gegen die Roman Herzogs präsidentale Rede ein Schübschen im Elfmeterraum ist. Es geht nicht um persönliche Belange, Eitelkeiten, Schicksale – es geht um das Große Ganze. Freunde, diese Töne! Blitzartig wurde mir klar, welch genialer Täuschung Opfer ich war und die strahlende Wahrheit siegte, wie beim Judas-Evangelium: Deutschland kann nicht verlieren, denn Oliver Kahn und Wolfgang Schäuble sind ein- und dieselbe Person! Man lese nur, wie Schäuble unermüdlich den Bundeswehreinsatz fordert, flankiert vom Wehrbeauftragten Robbe, der in der Osnabrücker für alle Bereitschaftssoldaten kostenlose WM-Tickets fordert, während Schäuble wiederum plädiert, alle Schwalben im Strafraum als Betrugsdelikte zu werten und strafrechtlich zu verfolgen. So etwas kann nur einem Torhüter einfallen. Aber so wächst zusammen, was zu einer richtigen Monarchie gehört, Kaiser und Hofnarr inklusive. Dagegen sieht Berlusconis Republica Italiana richtig nackt aus. Bleibt für die Sparte "Was wird" nachzutragen, das Wolf-Olli Schäuble-Kahn erst ein Kamingespräch mit einem echten Bierhoff^H^H^H^H Bischof über die WM-Sicherheit führt, um anschließend mit Steve Ballmer den Feng-Shui-Kurs Survival for Programmers anzubieten. Developers, Developers, Developers, wie wäre es, wenn Kahn hinter euch her ist? Nur 14 Gegentore weniger? Na dann, bleibt nur noch, frohe Ostern, Pessach, whatever, zu wünschen – auf dem Sofa, im Kino oder im Musical, wherever. Nur in besonders gefährlichen Einrichtungen, da sollte man sich nach Ansicht einiger Leute genau überlegen, ob man sich dort wirklich aufhalten will. Ach, die Wirklichkeit, ja, sie scheint in manchen Vorgängen in diesem Land heutzutage wenig Niederschlag zu finden. Gegen die "Welt als Wille und Vorstellung" hilft aber auch die Flucht ins Kino oder aufs Sofa nicht. (Hal Faber) / (jk)