Ingenieure ohne Grenzen
In der Entwicklungshilfe scheitern viele Projekte, weil sie zu wenig Rücksicht auf die Umstände vor Ort nehmen. Ein Verein ehrenamtlich tätiger Technik-Profis hat daraus Lehren gezogen.
- Denis Dilba
Dieser Text ist der Print-Ausgabe 2/2011 von Technology Review entnommen. Das Heft kann portokostenfrei im Online-Shop bestellt werden.
In der Entwicklungshilfe scheitern viele Projekte, weil sie zu wenig Rücksicht auf die Umstände vor Ort nehmen. Ein Verein ehrenamtlich tätiger Technik-Profis hat daraus Lehren gezogen.
Es ist eine Art Hassliebe, die Gordon Appel mit der Banane verbindet. Einerseits ist das Gewächs Dreh- und Angelpunkt seines aktuellen Projekts – einer Biogasanlage in Tansania, in der vor allem Bananenblätter vergoren werden. Andererseits aber seien "die Biester" ausgesprochen fleißige Flachwurzler, sagt der Wirtschaftingenieur – und standen damit ebendieser Anlage im Weg. Denn genau dort, wo Ende August letzten Jahres der Prototyp der Biogasanlage entstehen sollte, wuchsen zwei besonders große Bananenstauden. "Sie zu fällen, war noch ein Kinderspiel", erinnert sich Appel. Beim Ausheben der Baugrube entpuppte sich das dichte Wurzelwerk aber selbst für Spitzhacken als nahezu unüberwindbares Hindernis.
Gemeinsam mit einem neunköpfigen Team vor Ort hat er es dann doch geschafft. Denn seit Appel, im Hauptberuf Experte für erneuerbare Energien beim südhessischen Versorger HEAG, Mitglied im Verein "Ingenieure ohne Grenzen" ist, hat er einen Grundsatz verinnerlicht: "Schwierigkeiten sind dazu da, überwunden zu werden." Schon die Reise ins Hochland von Kagera, im äußersten Nordwesten Tansanias, war so ein Fall. Allein die horrenden Flug- und Reisekosten hätten das Projekt kippen können. "Glücklicherweise", sagt Appel, "konnten wir die Fluglinie Emirates bereits vor einigen Jahren davon überzeugen, unsere Projekte zu unterstützen."
Und so startete er 72 Stunden vor dem Kleinkrieg mit den Bananenwurzeln zusammen mit seinem Mitstreiter Philipp Becker, Ingenieur und Biogasexperte, und Catherina Clausnitzer, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit des Projektes, vom Flughafen Düsseldorf zu seinem Einsatzort, dem Dorf Karagwe. Über die Flugstationen Dubai und Entebbe am Victoriasee ging es zunächst mit einem Kleinbus nach Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Wegen der schlechten Straßenverhältnisse sattelte das Team dort auf einen Allrad-Pick-up um, der sie nach Tansania brachte. Mit im Gepäck: zwei Kisten voll mit Werkzeug und Material, unter anderem Bolzenschneider, Schrauben, Zangen, Laborgerätschaften und Plexiglas. "Alles, was man im afrikanischen Hinterland nicht so einfach bekommen kann", sagt Appel. Kurz mal ein Ersatzteil zu besorgen, würde nämlich eine kleine Weltreise bedeuten. Von Karagwe bis zum nächsten größeren Markt braucht man mit dem Pick-up mindestens drei Stunden.
Gekocht wird in dieser Gegend wie seit Hunderten von Jahren mit Brennholz. Die Folge: Die Bevölkerung rodet weit mehr Bäume als nachwachsen können. Die Böden werden so angreifbarer für Erosion und veröden mehr und mehr. Und neben den beschwerlichen stundenlangen Fußmärschen, in denen das Holz gesammelt wird, ist das Rauchgas der offenen Feuerstellen ein regelrechter Killer. Rund 1,3 Millionen Todesfälle pro Jahr gehen weltweit auf das Konto des giftigen Qualms, schätzt die Internationale Energieagentur IEA – und damit mehr als auf das der gefürchteten Malaria.
Biogas drängt sich geradezu auf, Brennholz zu ersetzen, sagt Becker, denn die Anlagen seien deutlich günstiger als Windkraft oder Photovoltaik. Der Ingenieur hat sich bereits 2008 bei seiner Diplomarbeit eingehend mit dem Potenzial von kleinen, dezentralen Einfamilien-Biogasanlagen in der Region Kagera beschäftigt. Dabei stellte er fest, dass die Akzeptanz für Biogas dort generell hoch ist. Doch die in den neunziger Jahren in der Region gebauten Anlagen anderer Entwicklungsorganisationen stellten sich als Flop heraus. "Von den zehn Biogasanlagen arbeiten neun heute nicht mehr", sagt Becker. Eines der Hauptprobleme dieser alten Bauten sei, dass Gasspeicher und Rohre aus Metall verwendet wurden, von denen Teile oft über Nacht verschwunden sind. Bei Schäden durch Korrosion oder Diebstahl könne sich eine arme Kleinfamilie aber keine Reparatur oder einen Ersatz leisten, so Becker. Zudem seien die Betreiber oft nur unzureichend im Umgang mit den Anlagen geschult worden. Setzte die Gasproduktion aus, konnten die Nutzer ihre Anlagen nicht wieder neu starten.