Ingenieure ohne Grenzen

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Ein weiterer Knackpunkt der bestehenden Technik-Ruinen ist deren verfahrenstechnische Auslegung. "Die Prozesse sind von Anlagen übernommen worden, die hauptsächlich in Asien eingesetzt werden", beschreibt Appel das Problem. Da dort aber mehr Haustiere gehalten werden, basiert der Gärprozess auf einem hohen Anteil von tierischen Exkrementen. Das bedeutet aber einen großen Wasserverbrauch, da der trockene Kot zunächst eingeweicht werden muss. Gerade aber Wasser ist im Hochland von Kagera rar. Dazu kommt, dass es dort in der Regenzeit mit Temperaturen um die 20 Grad Celsius teilweise zu kalt wird für eine optimale Biogasproduktion.

Aber Appel und Becker sind zuversichtlich, dass ihr Projekt "Biogas support for Tanzania" (BiogaST) die Fehler der Vorgänger vermeiden wird. "Es war schnell klar, dass wir einen neuen, speziell auf die dortigen Bedürfnisse zugeschnittenen Biogasreaktor entwickeln mussten", sagt Appel. Neben der angepassten Verfahrenstechnik soll vor allem die Einbindung der Bevölkerung helfen, das Projekt zum Erfolg zu führen. "Wir wollen nicht wie der große weiße Mann auftreten, der alles besser weiß", sagt Jojakim Sames, einer der Gründer von Ingenieure ohne Grenzen. "Erstens wissen wir nicht alles besser – und zweitens bleibt die Akzeptanz von Projekten, die weitgehend ohne die Bevölkerung geplant und durchgeführt werden, in fast allen Fällen auf der Strecke."

Seit der Gründung des Vereins im Jahr 2003 ist es daher oberstes Gebot, einheimische Organisationen mit ins Boot zu holen. Dies ist auch aus einem anderen Grund notwendig: Sames und nahezu alle anderen Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich im Verein und sind daher auf aktive Mithilfe vor Ort angewiesen. Am besten sei es, wenn die Anfrage direkt aus der Region kommt, so Sames. "Das ist fast schon die halbe Miete." So geschah es auch bei BiogaST: Nach Beckers Recherchen für seine Diplomarbeit vor Ort meldete sich Charles Bahati, Chef der lokalen Nichtregierungsorganisation "Mavuno Project", bei den Ingenieuren ohne Grenzen. Er erklärte, wo die Probleme bei den Biogasanlagen liegen – und fragte, ob man gemeinsam eine Lösung finden könne. "Wir sind dabei", antworteten Appel und Becker damals, und begleiteten das Projekt bis zum Abschluss.

Wie es anders laufen kann, weiß Sames aus eigener Erfahrung. Bevor er sich mit seiner Firma Sames Solar GmbH selbstständig machte, war er als hauptberuflicher Entwicklungshelfer für die Vereinten Nationen, das Technische Hilfswerk und private Consultingfirmen unterwegs. "Gute Sachen waren das", sagt er, aber letztendlich sei es immer dasselbe gewesen: Man habe Projekte mit viel Geld und Arbeit riesengroß aufgezogen – und noch vor deren Abschluss wurde er schon mit der nächsten Aufgabe betraut. Wie es weiterging und wie erfolgreich sein Einsatz war, habe er kaum noch mitbekommen.

Ein anderes Problem klassischer Entwicklungshilfe sind auch die wirtschaftlichen Verflechtungen: "Dabei müssen die empfangenen Gelder zum Teil im Geberland ausgegeben werden", sagt Axel Dreher, Professor für Entwicklungsökonomik an der Uni Göttingen. Das sei grundsätzlich nichts Schlechtes, aber häufig gehen diese Lösungen am tatsächlichen Bedarf vor Ort vorbei. "Photovoltaik-Anlagen sind so ein Beispiel", sagt Sames. Auf Schuldächern in Gebieten mit einer funktionierenden Infrastruktur machten Solarzellen Sinn, nicht aber für Hütten im Nirgendwo. "Fällt da etwas aus, bleibt es oft aus – und zwar für immer", sagt Sames. Die Ingenieure-ohne-Grenzen-Projekte werden daher vor allem mit Materialien umgesetzt, die vor Ort erhältlich sind. Bei der neuen Biogasanlage wurden die metallischen Materialien daher weitgehend durch Tonziegel, Zement und Plastik ersetzt.

Vielfach bremse auch die Bürokratie großer Organisationen die Realisierung von Vorhaben aus. "Wir wollen nicht eine zweite UN erfinden", sagt Sames und setzt deshalb auf kleinere Projekte, die auch mit privaten Spenden umsetzbar sind. "So bleiben wir flexibel und weitgehend unabhängig." BiogaST schlägt von der Größe her allerdings etwas aus der Art. Es ist das erste echte Forschungsprojekt, an das sich die Ingenieure ohne Grenzen gewagt haben – und mit einem Budget von rund 70.000 Euro das bisher größte Vorhaben. Das Geld stammt zu großen Teilen aus Stiftungen wie der des bayerischen Konzerns BayWa sowie aus privater Hand.