Über schwarze Löcher und kalte Fusion
Darf seriöser Wissenschaftsjournalismus über „spinnerte Thesen“ berichten? Ja, er sollte sogar.
Der Schweizer Kollege Marcel Hänggi ist ziemlich sauer. Denn ein anderer Kollege, Harald Zaun, hat auf Telepolis einen argumentativen Rückzieher hingelegt, den man auch als geistiges Einknicken vor dem wissenschaftlichen Establishment bezeichnen könnte. Und das, findet der Kollege in der aktuellen Ausgabe der WOZ, sei ein Skandal.
Worum geht es? Mal wieder um das CERN und den möglichen Weltuntergang durch schwarze Löcher (hier eine Zusammenfassung). Am 23. Januar veröffentlichten die Kollegen auf Telepolis einen Text des Hauptkritikers der Experimente am LHC, des Chaosforschers Otto Rössler. Der Texte wurde begleitet und kritisch eingeordnet von einem Kommentar des Kollegen Harald Zaun, der sich zwar von Rösslers Theorien distanziert, aber im wesentlichen argumentierte, beide Seiten sollten doch miteinander reden.
Zwei Tage später allerdings revidierte der Kollege seine Auffassung in einem zweiten Kommentar, in dem er schrieb, Ideen wie die von Rössler gehörten in den Papierkorb. Die Begründung für diese argumentative Kehrtwende findet sich in einem Beitrag auf Scienceblogs, wo Zaun offenbar unter schweren publizistischen Beschuss geraten war.
Na und, könnte man sagen. Was interessieren mich solche Sandkastenspiele? Aber die Geschichte wirft eine ganz prinzipielle Frage auf: Darf seriöser Wissenschaftsjournalismus über „spinnerte Theorien“ berichten? Womöglich gar wohlwollend? Eigentlich ist die Antwort ganz klar, aber bei Licht besehen ist sie es auch wieder nicht: Wissenschaft, habe ich mal gelernt, ist dazu da, Sinn von Unsinn zu unterscheiden.
Im Zweifelsfall sind Sinn und Unsinn aber leider gar nicht so einfach zu bestimmen. Im Fall der sogenannten „kalten Fusion“ beispielsweise, die jetzt grade wieder hochkocht, könnte es ja tatsächlich sein, dass das bisher gültige Modell atomarer Wechselwirkungen unvollständig ist. Aber die Geschichte ist verbrannt – jeder, der über kalte Fusion schreibt, ist entweder ein Spinner oder ein unseriöser Geschäftemacher. Das ist jedenfalls die Auffassung eines wissenschaftlichen Mainstreams, für den bestimmte Tatsachen einfach feststehen. Das aber kann ganz und gar nicht im Sinne einer Wahrheitsfindung sein – das produziert keine neuen Erkenntnisse, sondern zementiert bestehende Verhältnisse.
Und dann wäre da noch das Problem der außerwissenschaftlichen Interessen: Die sogenannten Klimaskeptiker etwa berufen sich immer wieder darauf, dass der menschengemachte Klimawandel wissenschaftlich gar nicht bewiesen sei. An der Kritik ist perfiderweise ja sogar ein wahrer Kern: Die überwiegende Mehrheit der wissenschaftlichen Community hält die Klimaerwärmung für sehr wahrscheinlich – aber die Wahrheit ist nunmal keine demokratische Veranstaltung. Die Kritik der Klimaskeptiker wird aber nicht vorgebracht, um die wissenschaftliche Wahrheit voranzubringen, sondern um Industrie vor den Kosten des Klimawandels zu bewahren.
(wst)