Neue Top Level Domains: Auf der Suche nach Nutzern

Man habe jahrelang keine neuen TLDs geschaffen -- nicht weil es kein Verfahren zur EinfĂĽhrung gegeben habe, sondern weil gute GrĂĽnde fĂĽr die neuen Adresszonen fehlten, hieĂź es von Vertretern der Internet-Verwaltung ICANN.

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Von
  • Monika Ermert

Braucht eigentlich noch jemand neue generische Top Level Domains (gTLDs)? Nicht unbedingt, meint der Vorsitzende der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN), Vint Cerf. "Ich weiß nicht mehr so genau, was das Motiv sein könnte, neue Top Level Domains einzuführen," sagte Cerf beim Treffen der privaten Netzverwaltung in Kapstadt. Immerhin habe man jahrelang keine neuen TLDs geschaffen -- nicht weil es kein Verfahren zur Einführung gegeben habe, sondern weil gute Gründe für die neuen Adresszonen fehlten.

ICANNs Geschäftsführer und Präsident Paul Twomey unterstrich, dass Erfahrungen aus den bisherigen Neuvergaben zeige, "dass ein einfach offenes, marktbasiertes Modell nach dem Motto 'alles geht, Bewerbung genügt, Lizenz kommt', enorme Probleme mit sich bringen" würde. Twomey sagte, er hoffe auf weitere schriftliche Stellungnahmen.

Damit traten die beiden ICANN-Oberen den Forderungen verschiedener Unternehmensvertreter entgegen, rascher eine Vergabestrategie festzulegen. Man könne lange Zeit Studien wälzen und die schlauesten Leute an das Problem setzen bis man schwarz werden, sagte Elliot Noss vom Registrar Tucows. Aber: "Wir werden nicht wissen, wie Innovationen im Namensraum aussehen, bevor wir ihn wirklich öffnen." Vor den mehrfach geforderten experimentellen Erweiterungen des DNS schrecken die Netzverwalter allerdings zurück.

Vor einer Verschleppung der Entscheidung warnten aber nicht nur die Branche und einige Nutzervertreter, auch Cerfs eigene Kollegen wollen vorankommen. Telekom-Aufsichtsratmitglied Hagen Hultzsch, seit 2002 Mitglied des ICANN-Vorstandes, zog den Vergleich zu anderen Märkten: "Sagen wir mal, es wäre viel effizienter, wenn wir einfach nur General Motors und Peugeot als Anbieter von Autos hätten und die Entwicklungskosten und Ähnliches reduziert werden könnten. Aber wir wissen, dass das nicht effektiv ist, dass das nicht funktioniert", betonte Hultzsch. Er sei aus diesem Grund für eine liberale Lösung, immerhin sei eine von ICANNs Aufgaben die Schaffung von Wettbewerb. Würde man sich um die generischen Top Level Domains nicht kümmern, erklärte Vorstandsmitglied Mouhamet Diop, verlöre ICANN den wichtigsten Teil seiner Existenzberechtigung.

Die Organisation räumte in Kapstadt überraschenderweise einige Schwierigkeiten bei der Bearbeitung von Anfragen ein. Präsident Twomey bemerkte, man habe Anfragen an die Netzverwaltung in den vergangenen Monaten zu langsam beantwortet. ICANN drohe, meinte Twomey, schon fast eine Art "Schwarzes-Loch.Phänomen". Als Grund nannte er die sowohl quantitativ als auch qualitativ stetig gewachsenen Aufgaben. 140.000 E-Mails gelte es pro Tag zu filtern, 15.000 davon seien tatsächlich abzuarbeiten. 374 Registrare müssten betreut werden. Die Zahl der Registries sei inzwischen auf 15 angewachsen und werde mit der Auswahl unter den neuen Bewerbern beispielsweise für .travel, .post, .mobile, .cat oder .xxx möglicherweise auf über 20 wachsen. Die Zahl der zeitraubenden Rechtsstreitigkeiten sei innerhalb kürzester Zeit auf 11 Verfahren hochgeschnellt. Um zentrale Aufgaben wie den IANA-Betrieb sauber abzuwickeln, habe man eine Arbeitsgruppe mit dem Internet Architecture Board (IAB) -- und genau dies hatte ICANNs langsame Reaktionen kürzlich kritisiert.

Mehr Aufmerksamkeit verlangen aber nicht nur die Techies, sondern auch die Regierungen. Verstärkte Anstrengungen, die Teilnahme der Länder des Südens zu erhöhen, forderte die IT-Ministerin von Südafrika, Gastgeberland des ICANN-Meetings. Auf keinen Fall könne ICANN so weitermachen wie bisher. Während ICANN den Regierungen während des Kapstadt-Treffens eine Liste übersandte, wozu die Regierungen Stellung nehmen sollen, revanchierte sich der Regierungsbeirat ebenfalls mit einer langen Liste von Dingen, die man gerne erledigt sehen möchte, vor allem die Umsetzung zusätzlicher Markenrechte bei der Domainvergabe, den so genannten WIPO2-Empfehlungen. Der Weltgipfel der Informationsgesellschaft mit all seinen Fragen zur Internationalisierung der Netzverwaltung stellt ebenfalls eine große Baustelle für ICANN dar.

Vielleicht ist man angesichts der Entwicklung froh, dass die Nutzervertretung nach wie vor müde vor sich hindümplelt. Die Ankündigungen einer Hand voll neuer Nutzerorganisationen, die es durch den komplizierten Akkreditierungsprozess bei ICANN geschafft haben, klingen zwar hochtrabend, aber selbst Vertreter des so genannten At large Advisoriy Committee (ALAC) sind skeptisch. Der Japaner Izumi Aizu sagte, er sei nicht überzeugt, dass die Nutzervertretung funktionieren werde. Wolfgang Kleinwächter, Völkerrechtler an der Uni Aarhus, empfahl wieder einmal, Einzelnutzer zuzulassen und nicht nur Nutzer-Organisationen. Gerade auf die Anwender im Internet komme es auch an, wenn es um Fragen wie denen nach neuen Adresszonen geht. (Monika Ermert) / (jk)