Die Woche: Nokia und der Spatz in der Hand
Jahrelang entwickelte Nokia eine eigene Open-Source-Plattform für Smartphones, jetzt macht das Unternehmen eine Kehrtwende zu Windows Phone. Eine lukrative Entscheidung, dank Geld von Microsoft – kurzfristig zumindest.
Firmen müssen ihre Entscheidungen unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten fällen, Raum für ein ideologisches Engagement bleibt kaum: Eigentümer und Aktionäre sind schließlich daran interessiert, ihr Geld zu mehren, und nicht, es aus dem Fenster zu werfen. Ein ausreichend dickes finanzielles Polster und eine gefestigte Stellung am Markt vorausgesetzt macht es auch nichts, in neue Techniken zu investieren und deren Entwicklung voranzutreiben – vorausgesetzt, dass sich am Ende damit Geld verdienen lässt.
Die Entscheidung, in eine neue Technik zu investieren, trafen die Finnen mit der Entwicklung des Nokia 770 Internet Tablet, das 2005 vorgestellt wurde. Es war Nokias erster Vorstoß in Richtung Open Source und es war Nokias erstes Mobilgerät mit Linux. Zudem war das 770 eine völlig neue Geräteklasse in Nokias Portfolio: Ein Tablet-Computer, mit dem man mangels GSM-Modem weder telefonieren noch online surfen konnte; lediglich Bluetooth und WLAN gehörten zur Ausstattung.
Das Kalkül war, mit einer Open-Source-Firmware auf der einen Seite Lizenzkosten einzusparen, die sich bei Windows CE und Windows Mobile auf einige Dollar pro Gerät belaufen, und auf der anderen Seite eine Software-Plattform zu entwickeln, die man inklusive Services an andere Hersteller lizenzieren kann. Da zu einer solchen Software-Plattform auch ein möglichst breites Angebot an Anwendungen gehört, stellte Nokia für Open-Source-Entwickler die Maemo Development Platform bereit, woraufhin sich eine bis heute aktive Community rund um Maemo und die Nokia Tablets bildete.
Zwar folgten mit dem N800, N810 und N900 noch drei weitere Internet Tablets, doch letztlich konnte sich Nokias Maemo-Plattform nicht auf anderen Geräten durchsetzen. Vor gut einem Jahr folgte der letzte Rettungsversuch: Nokia vereinbarte eine Kooperation mit Intel, in der aus Maemo und Intels Moblin-Initiative das Meego-Projekt entstand.
Meego sollte nicht nur die Stelle von Maemo auf kĂĽnftigen Nokia-Smartphones einnehmen, sondern auch auf Netbooks und Ultra-Mobile-PCs laufen sowie in Autos in sogenannten In-Vehicle Information Systems (IVI) zum Einsatz kommen. Doch ĂĽber den Status einer inoffiziellen Firmware kam Meego bei Nokia nie heraus.
Zudem änderte sich die Konkurrenzsituation grundlegend: Das iPhone krempelte den Markt für Smartphones um, und Google gelang es bei Android, vom Start weg mehrere Hersteller für sein Smartphone-Linux zu gewinnen. Als im Herbst 2010 auch noch Windows Phone 7 auf den Markt kam, hatte man bei Nokia offenbar nicht mehr die Hoffnung, mit Meego noch einen Durchbruch erzielen zu können – und vollzog eine radikale Kehrtwende: Anstatt eine eigene Smartphone-Linux-Plattform zu entwickeln, will Nokia künftig Windows-Phones verkaufen.
Bei der Entscheidung dürften finanzielle Überlegungen beim zuletzt arg gebeutelten Mobiltelefonhersteller durchaus eine Rolle gespielt haben: Microsoft vergoldet Nokia den Richtungswechsel nämlich einfach gesagt mit einem zinslosen Kredit über eine Milliarde US-Dollar, mit dem die Finnen neue Windows-Smartphones entwickeln und verkaufen sollen. Die Rückzahlung erfolgt über die Lizenzgebühren für Windows Phone 7, die Nokia für jedes Gerät zahlt. Dabei trägt Microsoft einen Teil des Risikos: Verkaufen sich Nokias Windows-Phones nicht, fließen auch keine Gelder zurück nach Redmond.
Weder Android noch eine selbst entwickelte Plattform wäre in der Lage, Nokia auch nur annähernd so schnell so viel Geld in die Kasse zu bringen. Doch die Windows-Phones verkaufen sich derzeit nur schleppend, Anzeichen für einen Boom wie bei Android oder beim iPhone gibt es nicht.
Und während für das hauseigene Meego oder Android keine Lizenzkosten angefallen wären, muss Nokia nun für seine künftigen Smartphones Geld an Microsoft zahlen – je größer der Erfolg der Windows-Phones, desto mehr. Langfristig könnte Nokia mit einem Open-Source-Betriebssystem wie Android oder Meego also viel Geld sparen. Dann kämen aber keine Milliarden von irgendwoher und würden die Bilanzen aufbessern.
Open Source muss man sich manchmal auch leisten können. (mid) (mid)