Mensch gegen Maschine: Wladimir Kramnik trifft auf "Deep Fritz"
Wladimir Kramnik, Nummer 3 der aktuellen Schach-Weltrangliste, sieht sich als AuĂźenseiter im Schach-Schaukampf gegen das Programm "Deep Fritz". DafĂĽr hat er auch merkwĂĽrdige Wettkampf-Regeln ausgehandelt.
Morgen beginnt in der Bonner Bundeskunsthalle ein Schaukampf über sechs Partien zwischen dem Schachprogramm Deep Fritz 10 und dem Weltmeister Wladimir Kramnik, Nummer 3 der aktuellen Weltrangliste. Der Weltmeister, der bereits 2002 gegen eine ältere Version desselben Gegners 4:4 spielte, sieht sich als Außenseiter, weil seitdem die Software verbessert wurde und auch die Hardware Geschwindigkeit zugelegt hat – Fritz läuft auf einem Zweiprozessorsystem mit Intel Core 2 Duo 5160 mit 3 GHz Taktfrequenz und 4 GByte RAM, auf dem das Programm im Mittel acht Millionen Stellungen pro Sekunde berechnen soll.
Vielleicht darum hat Kramnik einige für Schachwettkämpfe merkwürdige Vertragsklauseln ausgehandelt. Zum Beispiel kann er eine Partie nach 56 Zügen oder sechs Stunden Spielzeit abbrechen und vertagen lassen. Sie wird dann am nächsten Tag zu Ende gespielt. In der Zwischenzeit hat Kramnik die Möglichkeit, mit der originalen Programmversion, die er bereits seit dem ersten Oktober auf seinem Rechner hat, die Stellung zu analysieren und herauszufinden, welche Varianten Fritz schlechter spielt als andere. Oder er kann mit einem stärkeren Programm die Abbruch-Position unter die Lupe nehmen, beispielsweise mit Rybka, dem derzeit mit Abstand spielstärksten PC-Programm, das dem laut Veranstalter "weltweit führenden Schachprogramm Fritz" etwa ebenso viele Elo-Punkte voraus hat wie Kramnik der deutschen Nationalmannschaft, deren Mitglieder er vor zwei Jahren in einem Simultanmatch besiegte. Unter Menschen werden Partien seit einigen Jahren nicht mehr vertagt, um zu verhindern, dass die Spieler mit Computerhilfe die Abbruch-Stellung analysieren.
Auch andere Klauseln sind eher ungewöhnlich – so bekommt Kramnik zum Beispiel während der Eröffnung auf einem eigenen Bildschirm das Eröffnungsbuch des Programms angezeigt: "... sieht er sämtliche Züge einschließlich aller Statistiken (Anzahl der Partien, ELO-Performance, Punktausbeute) aus Großmeisterpartien sowie außerdem den gerade von Deep Fritz erwogenen Zug", steht in den Wettkampf-Regeln. Das ist, als ob Kramnik bei seinem WM-Sieg gegen Garri Kasparow im Jahr 2000 sich über das Brett hätte beugen dürfen und fragen: "Sag mal, Garri, was spielt man in dieser Eröffnung denn so?". Und Kasparow, statt ihm dafür die Figuren an den Kopf zu werfen, hätte ein paar Züge genannt, die schon von starken Großmeistern gespielt wurden, und dazu eine Prozentzahl, wieviele dieser Partien von Weiß und wieviele von Schwarz gewonnen wurden, mit einer Stelle nach dem Komma.
Weiterhin erfährt Kramnik auf diese Weise sofort, wenn die Eröffnungsbibliothek des Programms keine weiteren Züge enthält. Das Eröffnungsbuch muss zudem während des Wettkampfes unverändert bleiben, nur der Variante der zuletzt gespielten Partie darf das Fritz-Team zwischen zwei Runden maximal zehn Züge hinzufügen. Die Benutzung der Endspiel-Datenbanken unterliegt ebenfalls Einschränkungen. Momentan gibt es alle Stellungen mit bis zu sechs Steinen vollständig ausanalysiert als 1,3 TByte große Datenbank. Diese darf Fritz aber nicht benutzen, sondern nur die acht GByte großen Fünfsteiner. Sollte solch eine Stellung auf dem Brett auftauchen, wird die Schachuhr angehalten und der Bediener von Fritz muss Kramnik die Bewertung verraten. Sollte die Datenbank ein Remis bei beiderseits perfektem Spiel anzeigen, kann Kramnik die Partie sofort für Unentschieden erklären lassen und damit beenden, unabhängig davon, ob er tatsächlich in der Lage wäre, korrekt weiterzuspielen.
Der Lohn der Mühe besteht in einer halben Million US-Dollar Antrittsgeld für Kramnik – ebenso viel, wie er mit seinem Tiebreak-Sieg in der Schachweltmeisterschaft verdiente. Schlägt er Fritz, gibt es noch einmal dieselbe Summe als Siegprämie. Der Weltmeister bereitet sich seit einigen Wochen auf den Schaukampf vor, unterstützt von dem deutschen Großmeister und Computerexperten Christopher Lutz und von Stefan Meyer-Kahlen, dem Autor des Schachprogramms Shredder. Die Kontrahenten spielen jeden zweiten Tag eine Partie, Spielbeginn ist jeweils um 15 Uhr. Schachfreunde, die gern zusehen möchten, können das auf der Seite des Veranstalters per Flash oder per Windows-Client auf dem Server des Fritz-Herstellers Chessbase. (Lars Bremer) / (jk)