The Old York Times

Das "Paper of Record" in den USA hat seine Paid-Content-Pläne vorgestellt. Nicht, dass das unbedingt verwerflich wäre - ganz im Gegenteil. Aber die Art der geplanten Modelle macht stutzig.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.

Das "Paper of Record" in den USA hat seine Paid-Content-Pläne vorgestellt. Nicht, dass das unbedingt verwerflich wäre - ganz im Gegenteil. Aber die Art der geplanten Modelle macht stutzig.

Ich glaube durchaus, dass Paid-Content-Strategien bei wichtigen Publikationen funktionieren können. Ich selbst abonniere beispielsweise seit ungefähr zehn Jahren die Online-Ausgabe des "Wall Street Journal" - und bleche dafür Jahr für Jahr schlappe 155 Dollar plus Mehrwertsteuer. Aber das ist ein Nischentitel, bei dem, dank der intensiven Wirtschaftsberichterstattung, verhältnismäßig hohe Preise auch "gehen". Die knapp 12 Dollar 92 im Monat tun niemandem weh, der als Finanzanalyst arbeitet, als Wirtschaftsmensch oder als Journalist.

Die "New York Times" will nun aber plötzlich auch für General-Interest-Inhalte, also ganz normale Nachrichten, gleich mindestens 15 Euro alle vier Wochen sehen. Das sind - abzüglich der hervorragenden Korrespondentenstücke, der Kolumnisten, der investigativen Expertise und des guten Rufes - Inhalte, die man mit Verlaub auch von anderen US-Blättern kostenlos beziehen kann.

Der Umfang der "NYT"-Paid-Content-Aktion ist erstaunlich, ja, sogar ein bisschen wahnwitzig. Wer beispielsweise bislang dachte, Weblogs seien nichts, mit dem sich Geld verdienen ließe, kennt die Chefredaktion der "Gray Lady" nicht. Selbst die (durchaus gut gemachten) Netztagebücher fallen nämlich komplett unter die neue Bezahlinhalteschranke.

Dazu hat die "NYT" sich auch noch merkwürdiges Paketmodell ausgesucht. Für die 15 Dollar alle vier Wochen gibt es Zugriff auf die Website und die Verwendung einer Smartphone-Anwendung. Wer kein Smartphone hat, zahlt für letzteres trotzdem. Noch wilder wird es für Tablet-Besitzer (vulgo iPad): fünf Dollar extra (für den größeren Bildschirm?) blechen die, bei gleichen Inhalten. Wer beides will, also Website, Smartphone und Tablet-Zugriff, bezahlt - sie haben es erraten - 15 plus 20 Dollar, macht satte 35. Alle vier Wochen.

Das Geschäftsmodell geht aber noch weiter. Man wird nämlich mindestens 20 Artikel im Monat von der Website kostenlos abrufen können, die "NYT" plant einen Zähler. (Es wird wohl keine 24 Stunden dauern, bis der geknackt ist.) Auch erlaubt sind Links von Blogs etc. - auch die werden nicht auf die Paywall führen. Man muss also nichts zahlen, was zahlende Kunden wiederum verärgern wird. Grund für das Verfahren ist die Tatsache, dass die "NYT" sich fürchtet, einfach von heute auf morgen aus dem Web zu fallen - und die Online-Werbeeinnahmen gleich mit. Selbst Google-Suchen werden funktionieren, wenn sie auch mit einer Fünfmal-am-Tag-Beschränkung versehen sein sollen.

Solche künstlichen Verknappungsmethoden sind meiner Meinung nach völlig Anti-Internet, gemeinsam mit Geofiltern und anderen Methoden, das Netz mittels Technik weniger zugänglich zu machen, als es in Wahrheit ist.

Und überhaupt - wenn schon, denn schon: Wer Paid Content macht, soll sein Angebot gleich ganz dicht machen. (Das fällt mir übrigens auch beim Thema Leistungsschutzrecht immer sofort ein.)

Ich weiß nicht, ob die "NYT" uns alle nur verschrecken wollte und ein stark verbilligtes Einstiegsangebot zum 28. März plant (dann erst geht es für alle los), das dann für die Ewigkeit gilt. Doch das hier, ganz klar, ist Negativreklame. Die besten Kunden - diejenigen, die alles wollen - werden am stärksten veralbert. Und für die Verlage, die mit Bangen auf die "NYT" schauen, wird das auch nicht hilfreich, wenn das "Paper of Record" mittenrein stürzt in die Leserkrise.

Und was hätte ich gemacht? Nun, zunächst einmal keine drei unterschiedlichen Pakete geschnürt, die Dinge enthalten können, die niemand will. Ich hätte einen Tarif verwendet, der schlicht alles umfasst, Tablets, Website und Smartphones. Dazu fehlt selbst im 35-Dollar-Megateuer-Preis einiges: Es gibt beispielsweise nicht das populäre Kreuzworträtsel, man bekommt kein PDF-Faksimile der Zeitung. Stattdessen zahlt man nun einfach für etwas, was vorher nichts gekostet hat.

Nur die Print-Abonnenten, die sich nach wie vor rasant abwenden, werden übrigens bevorzugt: Die kriegen gleich alles ohne Zusatzkosten und in bestimmten Konfigurationen sogar billiger als digital. Sieht so wirklich die schöne neue Paid-Content-Welt aus, die Journalismus retten soll? (bsc)