ENUM soll für Telcos tauglich werden
Vertreter verschiedener Organisationen haben beim IETF-Treffen in Paris Vorschläge diskutiert, wie Carrier-ENUM-Adressen eingetragen werden sollen.
Ein persönlicher ENUM-Eintrag im Stil von 5.4.3.2.1.9.4.e164.arpa war bislang etwas für Geeks. Bürokratische Hindernisse durch die Aufsicht staatlicher Regulierer sowie das Fehlen fertig geschnürter Servicepakete innerhalb der vorhandenen Tests und Piloten verlangsamten die Einführung der "Telefondomains", die die Brücke zwischen Telefonwelt und Internet schlagen sollen. Jetzt soll ENUM (tElephone NUmber Mapping) einen neuen Kick bekommen durch etwas, was bei der Internet Engineering Task Force (IETF) heute als Carrier-ENUM diskutiert wurde. Im Unterschied zu dem in e164.arpa unter der Rufnummer der Nutzer eingetragenen Satz an Kontaktmöglichkeiten – von der SIP-Nummer bis zur Webadresse – sollen künftige Telefoncarrier die ENUM-Einträge fürs Routing von Gesprächen im Netz nutzen können.
"Die Industrie braucht ENUM, möglichst noch in diesem Jahr", sagte Richard Stastny von der Telekom-Austria-Tochter ÖFEG. Stastny und sein Kollege Michael Haberler von der Internetprivatstiftung Austria haben beim IETF-Treffen in Paris einen Vorschlag präsentiert, wie Carrier-ENUM-Adressen eingetragen werden sollen. Vorausgegangen war ein großer Streit der Entwickler in den vergangenen Wochen. Glatt durchgefallen ist in Paris ein Vorschlag einer Autorengruppe aus dem Haus AT&T, der vorsah, die Carrier-ENUM-Adressen in einer von zwei neu zu schaffenden Klassen unter der ENUM-Adresse des individuellen Nutzers einzutragen. Die gleiche Adresse sollte unter Typ E2U dann als 5.4.3.2.1.9.4.joesenum.com aufgelöst werden, der Typ E2C-Klasse als 5.4.3.2.1.9.4.telco.net. Unter anderem kritisierten die Entwickler, dass damit die Adresse der Carrier, von der aus automatisch weitergeleitet wird, neben der persönlichen ENUM-Adresse stehe.
Für letztere legen die ENUM-Standards die Einwilligung der Nutzer fest, die Carrieradresse wird ohne Zustimmung und Wissen des Nutzers als Routing-Adresse eingetragen. Haberler und Stastny empfehlen dagegen, die persönlichen Einträge, das so genannte Public ENUM und damit auch die existierenden Standards unangetastet zu lassen. Ihr Vorschlag empfiehlt vielmehr eine eigene Domain fürs Carrier-ENUM. Hauptfrage dabei: Sollen die Carrier sich unterhalb des Countrycodes ansiedeln (also c.9.4.e164.arpa), oberhalb der vielfach bereits delegierten nationalen TLDs (also 9.4.c.e164.arpa) oder ganz außerhalb der e164.arpa-Domain? Haberler empfiehlt am ehesten die Delegierung innerhalb der nationalen Zone. Doch der Chef der ENUM-Arbeitsgruppe der IETF, Richard Shockey, befürwortet eher den Gang zur International Telecommunication Union (ITU).
Die ITU ist offiziell für Delegationen in e164.arpa zuständig. Shockey glaubt, mit der ITU könnten die großen Carrier möglicherweise sogar besser zurecht kommen. In manchen Ländern ist die Domain zwar längst an den nationalen Regulierer delegiert, aber die politischen Entscheidungsprozesse, wie ENUM genutzt werden soll, sind noch nicht abgeschlossen. Vertreter von Switch und Nic.at haben in Paris etwa ein Konzept für die von Reguliererseite geforderte Validierung vorgestellt. Ohne Sicherheit gegen den Nummernklau geht auf nationaler Ebene nichts.
Angesichts der bürokratischen Hürden sagte Bill Woodcock, Forschungschef bei der Non-Profit-Organisatoin Packet Clearing House (PCH), die unter anderem eine über die Autonomous System (IP-)Nummern geschaltete Hotline für Carrier und ISPs anbietet: "Die Entscheidung für die eigene Carrier-ENUM-Variante ist ein fauler Kompromiss. Die beste Lösung wäre ganz einfach, die ITU ganz rauszuwerfen. Der ganze Aufwand, der hier betrieben wird, ist ein großer Workaround um die ITU." In einer Art alternative root werde ENUM schon lange von großen Unternehmen wie VeriSign, Neustar und XConnect genutzt. Ohne den administrativen Overhead hätte ENUM längst besser genutzt werden können und vorausschauende Service Provider hätten auch ENUM-Endnutzerangebote machen können. Einige Anbieter setzten daher schon längst auf private ENUM, allerdings, so Jason Livingood vom VoIP-Anbieter und Kabelbetreiber Comcast, seien die dabei notwendigen bilateralen Peerings eher lästig. Alan Duric, CTO von Telio, sagte etwa über die in Deutschland gestartete VoIP-Peering-Plattform e164.info, man habe sich gerne an den Tests beteiligt, sei vor dem produktiven Einsatz aber wegen mangelnder Absprachen zu SPIT zurückgeschreckt. Der Druck von Kabelanbietern und Internet-Telefonieservice-Providern hat aber klar die Telekomunternehmen auf den Plan gerufen.
"Carrier-ENUM ist jetzt eigentlich eine Legitimierung für die Carrier, sich ENUM unter den Nagel zu reißen," so kritisiert Woodcocks. Langfristig müsse man wegkommen davon, eine künstliche Knappheit von Nummern zu erzeugen. Stattdessen sollten Nutzern ihre Nummern gehören, eine Idee, die auch im klassischen Nutzer-Enum realisiert werden sollte. Über die dort eingetragenen Kontaktmöglichkeiten entscheidet der Nutzer. Solange er seine Rufnummer loswerden kann, ist natürlich auch sein ENUM-Eintrag nicht sicher.
Arbeitsgruppenchef Shockey zeigte sich aber zufrieden mit dem Kompromiss in Paris. Die Aktivitäten der Kabelbetreiber wie Comcast mit 1,5 Millionen VoIP-Kunden oder Angebote wie Skype hätten die Carrrier wachgerüttelt, die VoIP noch beim ENUM-Start belächelten. Mit dem Carrier-Tree bekämen sie ihren eigenen Sandkasten. Langfristig sei für die Migration von Voice aufs Netz aber noch wichtig, so Shockey, dass es ein zentrales ENUM-Verzeichnis gebe. Eine ganz neue Arbeitsgruppe in der IETF soll sich künftig auch mit der Zusammenschaltung von VoIP-Angeboten beschäftigen. (Monika Ermert) / (hos)