Hacken für Japan
Die desolate Informationslage über Strahlenwerte in Japan verärgert nicht nur Menschen weltweit – sie fördert auch irrationale Ängste. Netzaktivisten kämpfen dagegen mit eigenen Plattformen.
- Gordon Bolduan
Die desolate Informationslage über Strahlenwerte in Japan verärgert nicht nur Menschen weltweit – sie fördert auch irrationale Ängste. Netzaktivisten kämpfen dagegen mit eigenen Plattformen.
Wie Millionen anderer Menschen verfolgt Michael Horn aus Berlin am 11. März gebannt die Nachrichten, die aus dem japanischen Katastrophengebiet über Monitor und Fernsehbildschirm flimmern. Sehr schnell begreift der 26 Jahre alte IT-Experte, dass sich auf dem Gelände des Atomkraftwerkes Fukushima eine weitere Katastrophe von viel größerem Ausmaß anbahnen könnte.
Horn beginnt sich zu informieren, surft, liest quer und übernimmt sogar die Rolle einer kleinen Nachrichtenagentur, indem er verkürzte Internetadressen zu neuen Nachrichtenmeldungen und Einschätzungen über seinen eigenen Kanal auf der Kurznachrichten-Plattform Twitter postet – darunter auch am 13. März einen Kommentar des Cyber-Evangelisten John Perry Barlow: "Was verbreitet sich schneller als Strahlung? Irrationale Ängste vor der Strahlung."
Gerade das Spannungsfeld um sich ausbreitende radioaktive Strahlung in Japan und die schnelle, umfassende Information darüber, lässt Horn nicht los. "Ich bin keiner, der dem roten Kreuz bei solchen Katastrophen einen Zehner überweist", sagt Horn von sich, doch als er auf Twitter zunehmend Ausrufe unter dem Schlagwort "#prayforjapan" lesen muss und auch die Angaben zu der aktuellen Strahlungsbelastung immer widersprüchlicher werden, reagiert der in Hacker-Kreisen als Nibbler bekannte IT-Experte auf seine eigene Art. "I'm willing to host a collaborative sensor data sharing site. Any coders? Data?" lautet seine kurze Nachricht, die er am 15. März per Twitter auf die Reise um die Welt schickt.
Der Name seines virtuellen Vorhabens – geigerCrowd – ist zugleich Programm. In Japan lebende Menschen sollen die Strahlung selbst mit einem mobilen Geigerzähler erfassen und die Messresultate zusammen mit der Position über eine Dokumentmaske bei geigercrowd.net eingeben, wo sie zusammengefasst und auf einer Karte übersichtlich dargestellt werden. Auf diese Weise soll die (Mess-)Kraft der Masse im Zusammenspiel mit Internet-Technologie ein umfassenderes Bild und eine Einordnung der Gefahrenlage sicherstellen. "Wenn ich auf einer Seite plötzlich anstatt aktueller Werte nur noch den Vermerk "Unter Bearbeitung" lese, komme ich nicht umhin dieser Seite zu misstrauen", begründet Horn seine Idee.
Nach wenigen Stunden meldet sich der erste potenzielle Entwickler. Helge Rausch bietet sein Entwickler-Wissen über die Programmiersprache Ruby an. Ironischerweise wurde diese Sprache in Japan erfunden und gilt neben PHP als besonders geeignet, um Webanwendungen in kürzester Zeit zu realisieren. Ein in den USA studierender Japaner erklärt sich bereit, Übersetzungsaufgaben zu übernehmen, ein Physikstudent aus München kümmert sich um die Aufbereitung und Visualisierung der Daten. Das erste Arbeitstreffen findet am 16. März um 17 Uhr UTC im Internet Relay Chat statt.
Man bespricht, von welchen Webseiten zusätzlich zu den Strahlenmeldungen japanischer Mitbewohner Daten ausgelesen ("Scraping") werden können, welche Programme dafür noch geschrieben werden müssen und wie das Design der Datenbank auszusehen hat, in die sämtliche Werte eingefüttert werden. Man überlegt auch, welche Personen man selber noch anschreiben könnte, um das Projekt in Japan bekannt zu machen. Über Twitter gewinnt Horn dafür Joichi Ito, einen über die Grenzen Japans bekannten Internet-Unternehmer und Aktivisten. Bei Jörg Kachelmann, der über Twitter die Ereignisse um Fukushima aus meteorologischer Sicht kommentiert, fragt er nach potenziellen Datenquellen und den Einfluss des Wetters auf die Strahlenwerte nach.
Bei all diesen Anstrengungen schwebt Horn eine Karte für Japan vor, wie sie das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) für Deutschland bereitstellt. Die Behörde jedoch setzt nicht auf handliche Geigerzähler und Amateure aus dem Internet, sondern auf etwa 1800 fest installierte Messsonden, die jeweils auf einem ein Meter hohen Standrohr installiert sind. Sie beherbergen gleich zwei Geiger-Müller-Zählrohre, mit denen im Intensivbetrieb alle zehn Minuten die äußere Strahlenbelastung gemessen und über einen per Erdkabel mit der Sonde verbunden Sender analog übertragen werden.
Markus Bleher leitet den Messknoten in Oberschleißheim bei München. Er gibt sich skeptisch: "Der Punkt ist, sie brauchen ein relativ empfindliches Messgerät um Ortsdosisleistungs-Werte messen zu können. Und sie müssen mindestens zehn Minuten lang messen, um bei einer Dosisleistung von etwa 0,1 µSv/h einen verlässlichen Wert zu bekommen." Für den Crowdsourcing-Ansatz wäre zudem eine wichtige Frage, ob die Messgeräte im gleichen Zeitintervall auch mit der gleichen Genauigkeit arbeiten würden.
Bleher weiß wovon er spricht. Denn inzwischen betreiben 32 weitere Länder Mess-Stationen und Sensornetzwerke, deren Daten dann auf der European Radiological Data Exchange Platform (EURDEP) zusammengefasst werden. Zusammen mit Kollegen aus dem BfS und dem Institute of Enviromental Geosciences an der University of Basel hat Bleher Konzepte ausgearbeitet, wie man diese Daten wissenschaftlich korrekt trotz unterschiedlicher Detektoren zu einem einheitlichen Bild zusammenfassen kann.
Laut Aussage von Bleher gegenüber Technology Review ermöglicht der Ansatz von geigerCrowd veröffentlichen Werte jedoch eine ungefähre Einordnung der Lage, insbesondere, wenn der Verdacht der Desinformation bestehe. "Damit kann man grob schauen, ob jemand wirklich nicht mit offenen Karten spielt", so der Experte vom Bundesamt für Strahlenschutz, der dies im Falle von Fukushima jedoch kategorisch ausschließt.
Nichts anderes hat Horn mit geigerCrowd im Sinn – und auch die Nachahmer seiner Idee. Nur wenige Tage nach seinem ersten Tweet auf der Kurznachrichten-Plattform Twitter sind mehrere Webseiten entstanden, die Daten zu Japans Strahlenbelastung aus mehreren Online-Quellen aufbereiten oder sogar auf die Intelligenz der Masse setzen.
Die Plattform pachube.com bietet seit Ende 2009 die Infrastruktur, um die Daten von Millionen mit dem Internet verbundenen Sensoren, betrieben von privaten Anwendern, Unternehmen und Organisationen zu speichern und in verschiedene Datenformate zu konvertieren, um diese für weitere Dienste zu nutzen. Seit gut einer Woche gehören dazu auch die Sensordaten von hunderten privat-betriebenen Sensoren für radioaktive Strahlung. Die in London lebende Interaktions-Designerin Haiyan Zhang programmierte mit deren Hilfe eine Visualisierung basierend auf Google Maps an nur einem Nachmittag. Ihre Begründung: "Ich musste einfach etwas machen".
Ähnlich erging es auch Marcelino Alvarez von der US-amerikanischen Mobile-Media-Schmiede Uncorked Studios in Portland im US-Bundestaat Oregon. Innerhalb von 72 Stunden schufen seine Kollegen und er die Webseite RDTN.org, die gemessene Strahlenwerte von verschiedenen Webseiten aggregiert. Dabei werden sie laut eigener Auskunft sowohl von deutschen Ingenieuren als auch von russischen Hackern unterstützt. Die Website radiocial.org stellt seit wenigen Tagen Strahlenwerte in der gesamten Welt auf einer Karte dar und bezeichnet sich stolz als erstes privates Soziales Netzwerk zur Überwachung radioaktiver Strahlung.
Bei geigercrowd.net sieht man derzeit noch keine Karte. Allerdings kann man auf der Entwickler-Plattform Github mitverfolgen, dass die Freiwilligen jede freie Minute an geigerCrowd programmieren. Dennoch scheint es dem Vorhaben an Entwicklern zu mangeln. Horn ist jedoch immer noch mit großem Eifer mit von der Programmier-Partie. In der Nacht von Sonntag auf Montag postet er auf Twitter: "Was fuer ne wundervolle erfolgreiche durchhackte Nacht. 2011 ist das Jahr der Mutigen." Es wäre schön, wenn sich seine Prognose bewahrheiten würde.
Am Donnerstag, den 31.3.2011 hat Michael Horn in der Radiosendung Chaosradio über geigerCrowd berichtet . ()