"Noch ist die Kontamination äußerst gering"

Der Radiochemiker Ulrich Rieth spricht im TR-Interview über die kürzlich in Kraft getretenen umstrittenen EU-Verordnung, die für Lebensmittelimporte aus Japan neue Strahlungsgrenzwerte festlegt.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler
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Der Radiochemiker Ulrich Rieth spricht im TR-Interview über die kürzlich in Kraft getretenen umstrittenen EU-Verordnung, die für Lebensmittelimporte aus Japan neue Strahlungsgrenzwerte festlegt.

Dr. Ulrich Rieth arbeitet im Hamburger Johann Heinrich von Thünen-Institut in der Leitstelle zur Überwachung der Umweltradioaktivität, die Fische in der Nord- und Ostsee sowie im Nordatlantik untersucht. Diese Aufgabe erhielt das Institut nach dem 1986 in Kraft getretenen Strahlungsvorsorgegesetz.

Im Interview mit Technology Review äußert sich Rieth zu der kürzlich in Kraft getretenen umstrittenen EU-Verordnung, die für Lebensmittelimporte aus Japan neue Strahlungsgrenzwerte festlegt. Diese scheinen etwa für Fleisch höher zu liegen, als der nach der Tschernobyl-Katastrophe festgelegte – und nur für daraus stammende Kontaminationen geltende – Cäsium-Wert von 600 Becquerel pro Kilogramm. Tatsächlich liegen die neuen Werte, wie der von 1250 Becquerel für Fleisch, bereits seit 1987 in der Schublade der EU, wo sie nach neuen strahlenbiologischen Berechnungen offenbar für den Fall eines erneuten nuklearen Unfalls vorbereitet worden waren. Jetzt erst treten sie – vorerst für drei Monate – in Kraft.

Das Interview mit Dr. Ulrich Rieth wurde vor Bekanntwerden der Nachricht geführt, dass der Fukushima-Betreiber Tepco mehr als 11.000 Tonnen kontaminiertes Wasser in den Pazifik ableiten will.

Technology Review: Bei den erhöhten Strahlungswerten, die bei japanischen Lebensmitteln und im Trinkwasser gemessen wurden, taucht häufig die Einheit Becquerel auf. Können Sie uns erklären, was sie ausdrückt?

Ulrich Rieth: Man muss zwischen zwei verschiedenen Arten von Messwerten unterscheiden. Da ist zum einen die sogenannte Dosis, die in der Einheit Milli- und Mikrosievert ausgedrückt wird. Sie erlaubt eine Einschätzung darüber, welchen gesundheitlichen Effekt die Strahlung hat, die von radioaktiven Stoffen auf einen Körper oder ein Messgerät ausgeübt wird. Denn sie gibt an, wie viel Energie in den Körper eingetragen wird. Die Einheit Becquerel wiederum beschreibt die Aktivität eines radioaktiven Stoffes, wie viel Zerfälle pro Sekunde finden in ihm statt.

Wenn ich ein Becquerel messe, zerfällt pro Sekunde zum Beispiel ein Atomkern des Isotops Cäsium-137. Das heißt nicht, dass sich dadurch die Halbwertszeit verändert. Die physikalische Halbwertszeit des Cäsiums beträgt nach wie vor 30 Jahre. Wenn ich zum Beispiel bei einer Cäsium-Kontamination 1000 Becquerel messe, dann werde ich 30 Jahre später noch die Hälfte der Zerfälle, also 500, messen können. Die Einheit Becquerel beschreibt also nur die Menge der Zerfallsereignisse, sie trifft keine Aussage über die Zerfallsenergie oder die damit einhergehende Gefahr auf Materie.

TR: Wichtig bei radioaktiv kontaminierten Lebensmitteln ist ja aber die biologische Halbwertszeit, in welcher Zeit also die Hälfte der strahlenden Isotope aus dem Körper raus sind.

Reith: Genau. Bei Jod-131 ist diese aber nicht von Belang, denn für dieses Isotop beträgt bereits die physikalische Halbwertszeit nur acht Tage. Das wird uns hier also nicht betreffen. Selbst wenn Produkte dieses Isotop enthalten haben, bis sie aus Japan per Schiff hier ankommen, liegt die in Becquerel gemessene Aktivität sicher unter dem Grenzwert. Davon kann man auf jeden Fall ausgehen. Wenn, dann wird uns das Cäsium betreffen, da liegt die biologische Halbwertszeit bei Fischen zwischen 100 und 250 Tagen, manchmal auch einem Jahr. Das Isotop wird in den Muskeln gespeichert.

TR: Was bedeutet das?

Reith: Durch diese biologische Halbwertszeit finden wir auch nicht sofort die maximale Kontamination in einem Fisch, wenn er durch kontaminiertes Wasser schwimmt und kontaminierte Nahrung aufnimmt. Die Cäsium-Aktivität baut sich erst langsam im Körper auf und wird dann, auf der Zeitskala der biologischen Halbwertszeit immer wieder ausgetauscht. Das heißt, dass wir auch erst nach einigen Wochen eine maximale Kontamination im Fisch messen können, wenn er während der Zeit permanent in kontaminiertem Wasser schwimmen würde.

TR: Viele fragen sich, ob Sie noch Lebensmittel aus Japan essen können, ob zum Beispiel belastete Fische aus dem Meer vor Fukushima importiert werden?

Reith: Aus Japan bekommen wir im Verhältnis sehr wenig Fisch, das sind etwa 60 Tonnen von insgesamt 900.000 Tonnen Fisch, die wir pro Jahr importieren. Seit dem Reaktorunfall sind erst ein paar hundert Kilo am Frankfurter Flughafen angekommen, also noch sehr geringe Mengen. Da werden dann aus jeder Charge Proben entnommen und entsprechende Analysen gemacht.