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Was war. Was wird.

Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem. Sollte man immer bei sich haben, so ein kleines Messerchen, meint Hal Faber.

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Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem" Eine Kolumne, die am offiziellen Gedenktag des Wilhelm von Ockham online geht, sollte kurz und knapp gehalten sein, das blutige Rasiermesserchen zum Kappen unnützer Annahmen und Parameter griffbereit. Doch wie die Dinge stehen, ist der gordische Knoten der Wetzstein, an dem das Messer der Vernunft stumpf geschliffen wird – oder so: die anglikanische Kirche, die ihren Heiligen Ockham feiert, datiert seinen Tod auf einen 10. April 1347 oder 1348, während bei uns der 9. April 1347 als Todesdatum angenommen wird, nach den Überlieferungen der Münchener Franziskaner. Schon stören die Unstimmigkeiten der Zeitläufte den angeführten Leitsatz von Ockham, der in unserer kleinen IT-Branche mit "Keep It Simple, Stupid" (KISS) eine gekonnte Zuspitzung erfahren hat. Von Ockhams Rasiermesser zu Einsteins Philishave ist es nur ein kleiner, aber wichtiger Schritt: "It can scarcely be denied that the supreme goal of all theory is to make the irreducible basic elements as simple and as few as possible without having to surrender the adequate representation of a single datum of experience." Quod erat demonstrandum: Die kleine Wochenschau kann erscheinen, in dunkler Nacht auf einem einsamen Parkplatz im Nordosten Hannovers von schemenhaften Gestalten überreicht. Die Untoten sind unter uns.

*** Sind wir nicht alle ein kleines bisschen untot, wie es die Werbung sagt? Man denke nur an die Reform-Zombies. Sie sind eine "chemisch-physikalisch behandelte Abart des Urzombies. Reformzombies sind für Menschen ungefährlich, ihre eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit und Antriebslosigkeit geben ihnen jedoch einen prekären Status." Selten klar ist hier die Situation der Reform-Zombies von der FDP beschrieben, die in dieser Woche ihre junge Garde neu "positioniert" hat, zwischen den Alt-Zombies Westerwelle und Brüdele – um vom Entwicklungshelferle nicht zu reden. Ganz zu schweigen von den hauseigenen Untoten. Künftig will man sich in der FDP näher mit allen Themen beschäftigen, die den Alltag der Menschen in seiner ganzen Banalität prägen. Für die FDP gibt es Grund zur Hoffnung: nach jüngsten Untersuchungen haben Liberale ein anderes Gehirn als das, was Mediziner bei Homer Simpson gefunden haben.

*** Vorerst ist der Alltag der FDP das übliche politische Geschacher um "Leistung" und "Gegenleistung". Wobei die im Netz so überaus heftig gefeierte Leistung der schwarzgelben Regierung darin besteht, den Wegfall des Zugangserschwernisgesetzes der Vorgängerregierung zu beschließen. Ob das Gewürge dem Alltag der Menschen entspricht, darf bezweifelt werden, doch war es für viele "Netizen" das Schlechteste nicht, solch ein Aufbaustudium Realpolitik. Denn realpolitisch wird die Geschichte weiter geschrieben werden, allein schon der EU zuliebe, wo eine liberale Politikerin ein Fan der Sperrtechnik ist, deren Details so geheim sind wie Merkels Terminkalender.

*** Auf der längst vergangenen Gala der Big Brother Awards ehrte der Linguist Martin Haase den Begriff Mindestpeicherdauer mit einem Wort-Award. Wie in den Nachrichten von heise online gemeldet, wurde der Begriff vom nordrhein-westfälischen Innenminister Ralf Jäger (SPD) in einer Diskussionsrunde der deutschen Innenminister auf dem europäischen Polizeikongress als Alternative für das negativ besetzte Wort "Vorratsdatenspeicherung" vorgeschlagen. Mindestspeicherdauer solle der Versachlichung der erneut angelaufenen Diskussion dienen. In eben dieser Sachlichkeit zeige sich nur eines, betonte Martin Haase: "Verachtung für die Menschen und ihre Rechte". Außerdem zeige sich, dass die Politiker die Menschen für dumm hielten. Haase verglich den Versuch des Politikers mit der Praxis mancher Händler, Gammelfleisch in hübscher versiegelter Verpackung zu verkaufen. In dieser Woche ist die Gammeldiskussion bereits ein Stück weiter. Bundesinnenminister Friedrich hat sich im Alltag der Menschen umgesehen und musste feststellen, dass Politiker merkwürdig angeschaut werden, wenn sie von "Vorratsdatenspeicherung" sprechen. Dabei ist es nicht einmal so, dass sich der Alltagsbürger als solcher kritisch mit einem Sachstandsbericht des wissenschaftlichen Dienstes auseinandergesetzt hat, den der Bundestag für seine Politiker arbeiten lässt. Auch die Beschäftigung mit dem entsprechenden BVG-Urteil über ein neues Computer-Grundrecht wird kaum zur Alltagslektüre gehören. Die Erfahrung, was da alles im Leben eines Politikers gespeichert wird, sollte auch ein Innenminister einmal machen, wenn ihn die Menschen merkwürdig anschauen. Die sind nicht doof, auch wenn sie eine Deutschland-Card haben.

*** Bei den Big Brother Awards bekam der Zensus 2011 einen Preis, der sogar abgeholt wurde. Aber läuft die neue Volkszählung wirklich ohne merkliche Proteste an, wie in dieser Woche behauptet wurde? Die Vermutung liegt nahe, dass schlicht zu wenig darüber informiert wurde, was der Zensus leistet oder was er nicht ist. Was bleibt, sind Informations-Artikel, die über die Auskunftspflicht belehren und dass man sich nicht wehren darf, wenn der Erhebungsbeauftragte auftaucht. Ein bisschen Widerspruch einlegen? Derzeit scheint die anvisierte Methode im Geltendmachen des Anspruchs auf Löschung der Hilfsmerkmale zu bestehen, die angeblich "sofort gelöscht" werden. Da eine personenenbezogene Ordnungsnummer gebildet wird, ist gar nicht einzusehen, warum diese Daten auf Vorrat in irgendwelchen Datenbanken liegen müssen. Ansonsten gilt: Die merklichen Proteste werden von den Erhebern kommen, nicht von den Erhobenen, die dankend den Fragebogen annehmen und die 46 Fragen selbst ausfüllen. Das schmälert nicht nur die Einnahmen der 7,50-Euro-Jobber.

Was wird.

Lange bevor das bundesweite Treffen der Untoten beginnt, haben die Digital-Dementen ihren großen Auftritt. Da startet unser Bundesinnenminister den Ideen-Wettbewerb Vergessen im Internet, zu dem nicht allein die souveränen Kontrollverlustler geladen sind, die mit ihren Radiergummis um den goldenen Melitta tanzen.

Habe ich noch was vergessen? Ach ja, Think Ing ist angesagt, denn der nächste Girls Day steht an, der Mädchen-Zukunftstag, der unter anderem im Bundeskanzlerinnenamt begangen wird. Passend dazu: eine Veranstaltung mit vielen Referentinnen namens re:publica, die bootstechnisch gesehen offenbar eine Berliner Variante von "Wickie und die starken Männer" ist. Eine Subkonferenz erörtert Partizipative Medienkulturen und eh jetzt jemand seinen Schädel kratzt: Der Begriff kommt von Partizan, einer Variante des Marzipans. Gemeint sind die süßen Diskutierer, die beharrlich in den Heise-Foren mitreden, vom Rechtschreibschwächenkontrolleur bis zum Experten in der Occam-Programmierung, vom politisch interessierten Mitbürger der digitalen Gesellschaft bis zum übelsten Foren-Troll. Die Partizane sind süß und gleichermaßen das Salz in der öden Suppe der IT-Nachrichten: Wer diesen Widerspruch nicht aushalten kann, darf sich gerne heulend an den nächsten "Community-Manager" wenden und etwas von Ordnung und demokratischen Diskurs klugscheißern. Für die anderen gilt das, was seit dem Start der Heise-Foren die Regel ist: Flame On, Crazy Diamond. Bald jährt sich schließlich das Jubiläum jenes Denkers, der die Konsequenz aus Ockhams "Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem" zog und bündig schlussfolgerte: "The Medium is the Massage". Der Rest ist Schweigen. Oder auch: The fight is on. (jk)