Die Vor-Internet-Zeit

Mitte der Neunzigerjahre trat das World Wide Web seinen Siegeszug an. Die Zeit davor findet im Netz nur dann statt, wenn man sie importiert.

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Spätestens Mitte der Neunzigerjahre trat das World Wide Web seinen Siegeszug an. Die Zeit davor findet im Netz nur dann statt, wenn man sie importiert.

Neulich habe ich versucht, Details aus meiner Schulzeit zu ergoogeln. Das erwies sich als erstaunlich schwer: Als ich das Gymnasium verließ, begann das World Wide Web erst langsam, um sich zu greifen. Die Schule dürfte ihre erste Homepage erst ins Netz gestellt haben, nachdem ich bereits ein paar Jahre abgegangen war. Beim zuständigen Kultusministerium wird das kaum anders gewesen sein – aufzufinden waren dementsprechend weder irgendwelche Lehrerübersichten noch die von mir so gerne noch einmal nachgelesenen Abituraufgaben. Erst mein Papierarchiv half mir weiter, im Netz fanden sich ansonsten nur uninteressante "Where are they now"-Portale mit wenig lesbarem Inhalt.

Wäre ich etwas jünger, sähe das vermutlich alles ganz anders aus. Kids von heute finden ihr Arbeitsmaterial nicht selten im Netz, Homepages aus der Jugendzeit bleiben oft für viele Jahre online und Daten in sozialen Netzwerken ebenso. So ergibt sich ein zurückgoogelbares Leben. Bei meiner Generation beginnt das alles frühestens in den Zwanzigern. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Wenn man etwas aus der Vergangenheit lesen will, brechen die Daten eben einfach ab, sollte ein freundlicher Zeitgenosse nicht irgendein Archiv online gestellt haben. Andererseits wird man nicht an jeder Ecke mit Jugendsünden konfrontiert – das ist ja auch schon mal etwas.

Was für das World Wide Web gilt, gilt natürlich auch für alte PCs und ihre Datenträger. Ich erinnere mich noch an eine Zeit, da habe ich größere Mengen an Unterlagen auf sogenannten ZIP-Drives gespeichert, einer Art Mischung aus Festplatte und Floppy mit einer für die damalige Zeit sensationellen Speicherkapazität von mehreren hundert Megabyte pro Scheibe. Dafür sind heute nur noch antike Lesegeräte zu haben. Oder alte Festplatten: IDE/ATAPI sind kein Standard mehr an neuen Rechnern, wenn man die Teile lesen möchte, braucht man einen Adapter. Wenn denn dann das Dateisystem mitspielt und die Disk überhaupt noch anläuft.

Optische Speichermedien: das gleiche Spiel. Frühe CD-Rs waren oft von derart minderer Qualität, dass sie sich nach fünf oder zehn Jahren nicht mehr vernünftig auslesen ließen. Da lobt man sich sein Papierarchiv: Das Material zerfällt höchstens aufgrund sauren Papiers.

Der beste Tipp für den Erhalt der eigenen, digitalen Existenz ist noch, Daten ständig umzukopieren. Mein Lieblingsbeispiel ist meine MP3-Sammlung, bestehend aus über Jahre eingelesenen, käuflich erworbenen CDs, bevor es irgendwann einmal (legale!) Musikdownloads gab. Die Kollektion habe ich mittlerweile schon auf so viele unterschiedliche Rechner übertragen, dass mein Backup (fast) perfekt ist. Da Festplatten immer größer und alte Daten damit immer kleiner werden, ist das gar keine so schlechte Strategie, auch Jahre später noch an wichtige Infos zu gelangen. (bsc)