"Menschen beobachten"

Albert Shum, als Chefdesigner für das User-Interface von Windows Phone 7 verantwortlich, spricht im TR-Interview über "Life Maximizer" und die Integration von Smartphones in das tägliche Leben.

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Albert Shum, als Chefdesigner für das User-Interface von Windows Phone 7 verantwortlich, spricht im TR-Interview über "Life Maximizer" und die Integration von Smartphones in das tägliche Leben.

Für sein im Oktober 2010 veröffentlichtes Smartphone-Betriebssystem Windows Phone 7 hat Microsoft durchaus Lob geerntet. Vor allem das auf Multi-Touch getrimmte User-Interface stellt gegenüber dem alten Windows Mobile einen Fortschritt dar. Albert Shum hat das Design-Team geleitet, das dieses Interface entworfen hat. Zuvor hatte der Usability-Experte die Oberfläche der Kin-Handys entworfen – Microsofts Versuch, Smartphones für Teenager zu entwickeln. Die Geräte wurden allerdings nach nur zwei Monaten wieder vom Markt genommen.

Technology Review: Herr Shum, was ist Ihre Inspirationsquelle beim Design von Interfaces?

Albert Shum: Gute Frage. Ganz kurz zu meinem Hintergrund: Ich komme eigentlich aus einer ganz anderen Design-Richtung. Bevor ich bei Microsoft angefangen habe, habe ich fĂĽr Nike gearbeitet. Mein Design-Ansatz ist also oftmals nicht wirklich technisch.

Mein Ansatz, und der meiner Gruppe, ist eher – ich würde sagen – das Beobachten von Menschen. Es ist großartig, wenn man sich umsieht, während man unterwegs ist – in den USA, Europa oder in Asien. All diese sehr verschiedenen Menschen und wie sie mit Technologie interagieren. Aber es geht nicht nur um Technologie. Es geht auch darum, wie sich die Leute im Restaurant verhalten, oder im Kino.

TR: Was kann man als Interface-Designer lernen, wenn man die Leute in Restaurants beobachtet?

Shum: Nun, das ist eine interessante Sache. Die Art und Weise, wie die Leute ihre Mobiltelefone in Restaurants oder Bars benutzen, hat sich in den letzten - sagen wir mal - fünf Jahren drastisch geändert. Die schauen auf die Weinkarte und suchen ganz selbstverständlich nach Informationen darüber, was das für Weine sind. Während Sie weiter Konversation machen. Die Leute betrachten ihre Telefone nicht mehr als ein Stück Technologie, sondern als alltägliche Begleiter.

TR: Das hat sich in den letzten Jahren wirklich geändert?

Shum: Ja, sicher. Wenn ich heute Abend in München japanisch essen gehen will, schaue ich einfach online nach, was es für Restaurants in der Nähe gibt. Dann suche ich nach Bewertungen, schaue, wo andere Leute sich einchecken. Oftmals kann ich direkt online einen Platz reservieren, und die Reservierung dann an Freunde in meinem sozialen Netzwerk schicken. Das alles dauert nur ein paar Minuten.

Früher wäre diese Suche weitaus mühsamer gewesen. Ich hätte vielleicht an der Rezeption meines Hotels nach einer Empfehlung gefragt. Oder ich hätte Leute auf der Straße angesprochen. Das kann sehr viel spaßiger sein, aber auch sehr viel frustrierender.

TR: FĂĽhren Sie auch User-Studien durch fĂĽr Ihre Design-Arbeiten?

Shum: Von Anfang an hatten wir einen stark user-zentrierten Ansatz. Wir haben uns gefragt: Wer verwendet heute Smartphones? Das ist eine überraschend große Vielfalt sehr verschiedener Menschen. Wir haben diese Nutzer in zehn verschiedene Gruppen eingeteilt - von Leuten, die einfach nur möglichst günstig telefonieren möchten, bis hin zu Technik-Experten. Für das Design von Windows Phone 7 haben wir uns dann auf ein Schlüssel-Segment konzentriert: Wir nennen diese User "Life Maximiser".

Unsere prototypischen, fiktiven Nutzer nennen wir Anne und Miles - ein junges Paar aus New York, für die wir verschiedene User-Szenarien entworfen haben. Aber wir haben auch echte Feldforschung durchgeführt: Wir haben Menschen gesucht, die dem Profil von Anne und Miles entsprechen und haben die zu Hause besucht, ihren Alltag analysiert - was sie wie tun - und sie später auch mit Prototypen spielen lassen.

TR: Was treibt sie denn um, diese "Life Maximiser"?

Shum: Eine unserer Schlüsselerfahrungen war, dass viele Leute Informationen schnell haben wollen. Die haben keine Lust, lange auf ihrem Smartphone herumzusuchen. Also haben wir das Konzept der lebenden Kacheln entwickelt. Man kann zum Beispiel auf einen Blick erkennen, wie viele neue Mails eingegangen sind, ohne erst das Mail-Programm zu starten. Eine zweite wichtige Erkenntnis war der Stellenwert von sozialen Kontakten. Wir haben daraus etwas entwickelt, das wir „People Hub“ nennen. Man sieht da nicht nur eine Liste seiner Kontakte, sondern auch, was die Leute tun - wer seine Facebook-Seite aktualisiert hat und so weiter.

TR: Das klingt alles ein bisschen wie die Diskussion um die „digital natives“, also Menschen, die ein Leben ohne Internet gar nicht kennen, weil sie von Kindesbeinen an damit aufgewachsen sind.

Shum: Ich weiĂź nicht recht. Der Begriff ist mir neu. Wichtig ist aber, dass es um Menschen geht, die nicht tief in der Technologie selbst stecken. Wir reden ĂĽber Menschen, die mit Hilfe von Technologie ihr Leben aufwerten wollen. Das bedeutet, die Sachen sollen einfach nur funktionieren.

TR: Nach dem Smartphone-Boom kommt wahrscheinlich der Tablet-Boom. Was macht, für Sie als Interface-Designer, den Unterschied zwischen diesen Geräteklassen? Ist es wirklich nur das größere Display?

Shum: Nun, ich möchte auf den user-zentrierten Ansatz zurückkommen. Wie halten Sie ein größeres Gerät? Welche Haltung nehmen Sie dabei ein? Stehen Sie eher, oder setzen Sie sich hin? Das sind die Dinge, die mich interessieren.

Welche Gesten benutzen Sie normalerweise, wenn Sie mit Ihrer Umwelt interagieren? Wenn Sie sich ansehen, was wir mit der Kinect-Steuerung machen können, bekommen Sie eine Vorstellung davon, was mit diesen neuen Geräten möglich wäre. Ich denke, wir können viel mehr damit machen, als das, was im Moment gemacht wird. Berührung zum Beispiel muss nicht nur bedeuten, dass Sie das Display berühren. Man kann auch die Berührung des Gehäuses auswerten. Oder Gesten, die Sie über dem Display ausführen. Das ist wirklich aufregend.

TR: Gut, aber die Kinect-Steuerung ist extra fĂĽr Spielkonsolen entworfen worden. Ich glaube nicht, dass man mit einem Smartphone das selbe machen kann, oder?

Shum: Oh, aber ein Smartphone hat ein Mikrofon, eine Kamera, Beschleunigungssensoren, Touch-Sensoren - die Kombination all dieser Dinge kann eine neue Art von Input generieren. Da gibt es viele Möglichkeiten. (wst)