Satz mit (Final Cut Pro) X

Apple rückt zögerlich Details zur Zukunft seiner Profivideoschnittlösung heraus. Videoproducer Johannes Börnsen wünscht sich eine bessere Informationspolitik.

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Als professioneller Anwender, der jeden Tag mit Final Cut Studio arbeitet, soll mein NLE-System in erster Linie ohne Bugs und Wartezeiten funktionieren. Und während ich mich im täglichen Einsatz über verschwundene Tastaturlayouts, unterschiedliche Farbdarstellungen in Final Cut Pro 7 und QuickTime sowie das sperrige Umformatieren in ProRes ärgere, versprechen AVID und Premiere Besserung für den professionellen Anwender. In den einschlägigen Foren schwärmen Umsteiger schon vom neuerdings reibungslosen Ablauf.

Mit jedem neuen Bug, jedem Absturz und jeder zwangsweisen Umcodierung steigt die Bereitschaft, mich auf ein neues System einzulassen und die Zeit der Umgewöhnung zu investieren. Apples "Keine Info"-Politik kann ganz schön zermürbend sein. So wartet beispielsweise das Final Cut Express-Lager spätestens seit der Veröffentlichung von FCP 7 im Sommer 2009 auf ein Update. Ob es wohl kommen wird?

Doch nun erscheint mit Apples "Sneak Peek" auf Final Cut Pro X ein Lichtstreif am Horizont. 64-Bit-Unterstützung, 4K-Schnitt, Hintergrund-Rendering, OpenCL und Multiprozessor-Unterstützung waren eigentlich schon längst überfällig. Sie sollen mit FCP X nun endlich Einzug erhalten. Und das Ganze schmückt Apple mit einem bunten Strauß an Automationstechniken: Automatische Gesichtserkennung, automatische Inhaltserkennung, automatisches Audio-Syncing, automatische Farbkorrektur und vieles mehr.

Doch das sind wohl eher für den Gelegenheitsschneider interessante technische Spielereien, die nun Teil der Profilösung werden – abgeschaut bei iMovie und Co. Braucht eine Software wie Final Cut Pro wirklich solche Funktionen? Ist eine magnetische Timeline wirklich notwendig, wenn man das NLE-Prinzip seit Jahren gewohnt ist? Oder verwirren solche Neuerungen den professionellen Anwender nicht eher? Ich für meinen Teil entscheide bisher gerne selbst, auf welcher Spur welche Audiofiles lagern – das ist Teil meiner Ordnung und meines Arbeitsablaufes. Aber wenn ich mich eh umgewöhnen muss, lohnt sich dann nicht vielleicht doch noch mal ein Blick in die Regale der Wettbewerber?

Wäre es nicht für Apple an der Zeit, das Profi-Lager umfassend zu informieren, wie es mit Final Cut Studio weitergeht? Im Bezug auf Color, Motion, BluRay-Unterstützung und Final Cut Server hält sich Apple auch nach dem "Supermeet" zu FCP X, das als geschlossene Veranstaltung stattfand, bedeckt. Die Apfelfirma hinterlässt große Fragezeichen auf meinem Schnittmonitor. Wirkliche Euphorie will mit dem Gedanken an die iMovie-Neugestaltung und dem anschließenden Geschrei über die Funktionsknappheit ohnehin nicht aufkommen. Aber vielleicht hat Apple ja daraus gelernt – immerhin gab es beim Wechsel auf das umgestaltete iMovie eine Zeit lang die Vorversion als kostenlosen Download.

Nach Apples FCP-X-Präsentation bin ich also genauso schlau wie zuvor, während ich abermals mein Tastaturlayout wiederherstelle.

Johannes H. Maurer
ist Videoproducer bei c't und gestaltet auch heise online audiovisuell mit

PS: Memo an mich selbst – vorsorglich Papiervorrat aufstocken und Druckertinte bestellen. Gedruckte Handbücher für Final Cut Pro X wird es im Mac App Store nicht geben! (se)