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Was war. Was wird.

Zwischen Klüngelgesellschaft und Berlin-Mitte-Boys, die ihre Schiefertäfelchen betatschen, drängelt sich Hal Faber durch den vollen Friedrichstadtpalast. Dabei gibt es Wichtigeres als Nerdnabelschauen. Etwa die Frage: 6502 oder Z80?

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.


*** Willkommen in der norddeutschen Tiefebene beim einzig richtigen Was war, was wird im falschen Leben, garantiert frei von Kochrezepten und echographischen Vermessungen der Bloggerkonferenz re:publica. Dort, wo die Emissäre des digitalen Weltgeistes einen eingetragenen deutschen Verein namens Digitale Gesellschaft vorstellten, was Emigranten aus Digitalien sauertöpfisch als Klüngelgesellschaft kritisieren oder mindestens als freches Emolument des Gemeinschaftsblogs netzpolitik.org empfinden, fuhren Schiffe im Kreise. Mit Menschen, die andere nur noch als Follower, Friends und Timeline-Beklatscher wahrnehmen und den Omnisophen Gunter Dueck beklatschen, der nach eigenen Angaben 5500 Euro Gage für seine Auftritte nimmt.

*** Angeblich hatte die fünfte re:publica kein Thema außer der Aufgabe, mit Tausenden iPad-Nutzern den Friedrichstadtpalast zu füllen, wo dann der alte Demmler-Kracher "Du hast das WLAN vergessen" ohne Nina Hagen aufgeführt wurde. Aber halten wir uns an die Beschreibung: "Geräte mit der Leistungsklasse von zehn Jahre alten PCs ohne Tastatur, Maus oder Kabeln, die eher wie Schokoriegel oder Schiefertafeln, der Ausstattung von Erstklässlern, aussehen, verführen uns dazu, wieder mit den Fingern zu malen und nach den Objekten unserer Begierde zu grabschen. Und wir sind’s zufrieden und kaufen diese Dinger, millionenweise täglich. Es geht wieder ganz einfach zu, viel simpler, als wir es am PC je akzeptieren würden. Trivialisierte Nutzer betatschen glücklich, was sie vom Monitor zu verlangen gelernt haben. Haptik ersetzt Optik und Intellekt, als ob wir für den Verlust des Materiellen entschädigt werden müssten, den uns die Computer beschert haben." Oh, alles nur geklaut, andere Konferenz, doch richtiges Thema. Denn mit der re:publica wurde gezeigt, wie weit die Trivialisierung von Bloggen, Twittern und dem Speichern beim Fressenbuch fortgeschritten ist. Es geht ganz einfach zu in Digitalien, bei den Berlin Mitte Nerds, niemand stört sich über all die neckischen Bit.ly und Tru.ly und von taz bis FAZ wird das 4chan der Deepfags gelobt, weil die Flüchtigkeit und Anonymität der Bits und Bytes ganz wunder bar sind und die Mindestspeicherdauer höchstens ein paar Stunden lang.

*** Ja, wie ist das wunderpanama, wenn Journalisten Projektmanager werden und Informationsarchitekten, wenn Programmierer Journalisten werden und die SQL-Injection die Recherche ersetzt. Denn der Programmierer hat gelernt, stundenlang in IR-Channeln den Müll auszuhalten, der abgeladen wird, die vielen gescheiterten Versuche verschiedener Anonymous, die schlicht dumme Streiche bleiben, und nur von Journalisten zur politischen Idee erklärbärt werden können. Programmierer können noch viel mehr, als nur Journalisten ersetzen. Sie können beispielsweise Lebenshilfe betreiben mit Büchern wie Digital beginnt im Kopf und Ratschlägen für mündige Festplatten. Man sollte sie nur nicht nach ihrer kleinen Utopie fragen, wie es in Zukunft besser aussehen könnte. Statt großer Datenfresser überall lieb lächelnde Datenveganer? Entwickelt sich Digitalien getragen vom herrschaftsfreien Diskurs der Programmierer zum System, in dem die helle Vernunft regiert? Selten war die Ratslosigkeit der Berliner Szene so handfest zu spüren wie auf dieser Veranstaltung.

*** Vierspurige Bundesstraßen, die eine unmittelbare Anbindung an eine Bundesbahnautobahn haben, mindestens vier Kilometer lang sind und außerhalb geschlossener Ortschaften liegen, werden nach einem Beschluss des Bundestages LKW-mautpflichtig. Wer sich über die gewundene Formulierung wundert: es gibt mehr als 2000 mehrspurige Straßenkilometer, doch sind nach der Definition jetzt nur 1000 Kilometer unter die Aufsicht von Toll Collect gestellt worden. Mehr hätte die Arbeitsspeicher in den älteren On Board Units überlastet. Datenfresser mit Verdauungsproblemen, wer hätte das gedacht. Die Mehreinnahmen durch die Mautaufstockung soll 100 Millionen Euro (PDF-Datei) betragen; was der Umbau des Mautsystems bei Toll Collect selbst kostet (und von den Einnahmen abgeht), ist nicht bekannt, weil die Technik nach wie vor geheim ist. Wie schön, dass unsere Datenschützer nach einem Ausflug zur Datenschutzausstellung von Toll Collect etwas hinter die Binde gießen dürfen. Auch so kann man seine Illusionen loswerden, nicht nur durch die Lektüre des neuesten Datenschutzberichtes, die natürlich eine völlig verzerrte Wirklichkeit darstellt. Statt Datenschutz in Deutschland hören wir die Forderung der Politspackeria: "Mund halten!"

*** Besonders in der wieder angelaufenen Debatte zur Vorratsdatenspeicherung hat der unverzagt weiter redende Bundesdatenschützer Peter Schaar ausgesprochenes Pech. Sein Quick Freeze Plus wird allenfalls noch im Justizministerium goutiert, aber gerade von den offiziell bestallten Datenspeicherjägern nicht Ernst genommen. Wie üblich, ist Logik nicht die starke Seite unserer Polizei: das fordert die Gewerkschaft die mindestens sechsmonatige Speicherung von Telefon- und Internetdaten zur Terrorismusbekämpfung und endet beim Fall Mirco aus Grefrath. Ein Terroristenopfer? Vielleicht sind da die Kriminalbeamtern ehrlicher, die ihre wunderbar wirre Stellungnahme zum Cybermobbing natürlich mit einem Ausruf beendet: "Ohne Vorratsdatenspeicherung wird es nicht gehen!" Auch wenn die Verleihung des Wolfgang Schäuble Awards für verhältnismäßige Sicherheitsgesetzgebung 2010 ein Fall von Social Engineering ist, so passt die am vergangenen Mittwoch verliehene Auszeichnung besser als jeder bös gemeinte Big Brother Award. Wobei das noch zu toppen ist. Sollte der Redakteur der Frankfurter Rundschau nicht zu viel mit seiner Selektion von Rotweinflaschen gespielt haben, ist dieser Bericht von der Sistierung einiger Web-Dateien von Attac ein Lehrstück in Sachen Realsatire. IT-Spezialisten der Polizei mit mangelnden Kenntnissen über Linux: Irgendwer wird es schon schaffen, als Konsequenz aus diesem Patzer die brutalst, äh, schnellstmöglichste Vorratsdatenspeicherung zu fordern.

Was wird.

Bleiben wir doch beim Thema, es duftet so. In der nächsten Woche muss das politische Berlin über die Verlängerung der befristeten Terrorgesetze entscheiden. Der neue Bundesinnenminister will die Auflagen weitgehend entfristen und obendrein die Befugnisse ausbauen. Dabei wird ein Spielchen wiederholt, dass bei der harmlos benannten Visawarndatei (früher: Einladerdatei) gezeigt wurde: Ordentlich auf die freiliberalen Reste der FDP treten und wenn diese Luft holen, zur Abstimmung aufrufen. In Zukunft sollen Terrofahnder direkt per Amadeus auf Fluggastdaten zugreifen können und Bankdaten von der Bafin ermitteln lassen. Außerdem sollen Bußgelder für alle eingeführt werden, die die Datenauskunft verweigern. Friedrich beruft sich bei seinem dreifachen Schäuble auf die drastisch gestiegene Terrorgefahr nach den Schüssen des "Homegrown Terrorist" am Frankfurter Flughafen - der gar nicht fliegen wollte.

Diese Wochenschau begann mit dem Nachklapp zu einer Konferenz, ein Vorklapp ist der passende Ausklang: "Lasst uns noch einmal zurückkehren in die guten alten Tage, als Hacker noch keine Sicherheitsberater, Bytes noch keine Megabytes und kleine grüne Männchen noch kleine gruene Maennchen waren!" Die zwölfte Ausgabe des Vintage Computer Festival Europe steht vor der Tür – und es wird die letzte ihrer Art sein. Die jungen Leute, die auf der re:publica enthusiastisch embrassieren, haben für derart alte Geräte kein Interesse mehr. Die Leute, die mit all dieser Technik groß geworden sind, werden alt und können sich nicht mehr um die Gesundheit ihrer Geräte kümmern. Doch halt, ein großer Spaß zur großen Klappe, der muss einfach sein. Ein Wettbewerb sucht die ultimative Antwort auf die härteste Frage aller Zeiten: 6502 oder Z80? Die sportliche Antwort sollen mit Forth geschriebene Benchmarks liefern. Wenn dann der Vorhang fällt, sind keine Fragen offen. Die kleinen grünen Männchen haben längst die Erde verlassen. "Alle Menschen sehen gleich aus", twitterten sie nach Hause, "nichts los hier." (vbr)