Terror-Angst soll Pocken-Forschung vorantreiben
Aus Angst vor Bioterrorismus drängen die Vereinigten Staaten die Weltgesundheitsbehörde WHO darauf, wieder mit Pockenviren forschen zu dürfen.
Aus Angst vor Bioterrorismus drängen die Vereinigten Staaten die Weltgesundheitsbehörde (WHO), wieder mit Pockenviren (Variola) forschen zu dürfen. Kritiker warnen, dass dabei das Virus freigesetzt werden könnte -- durch einen Unfall oder durch böswillige Täter.
Die Debatte läuft seit Jahren und flammte mit den Anschlägen des 11. September wieder auf. Pocken sind eine akut und extrem ansteckende Krankheit, die allein im 20. Jahrhundert 300 Millionen Menschen das Leben gekostet hat -- 30 Prozent der Opfer überleben die Krankheit nicht. Als die Wissenschaft die Krankheit 1980 für ausgerottet erklärte, forderten viele Forscher, dass die letzten Variola-Proben vernichtet werden sollten.
Die WHO entschied sich im Jahr 1984 allerdings anders. Sie erhielt insgesamt zwei Proben in Form von Wundschorf und anderem Zellmaterial von infizierten Personen. Die eine lagerte in einem sibirischen Labor namens Vector und die andere beim US-amerikanischen Center for Disease Control (CDC) in Atlanta. Nicht erst seit dem 11. September fürchten Wissenschaftler und Politker jedoch, dass Teile der Proben in die Hände "terroristische Nationen" gelangt sein könnten.
Wenn es nach den Vereinigten Staaten geht, sollen die Forscher demnächst direkten Zugriff auf die auf Eis liegenden Proben haben. Das würde die Entwicklung neuer Impfstoffe beschleunigen. Die WHO erwägt derzeit unter anderem, Forschern zu erlauben, Variola-Viren gentechnisch so zu verändern, dass sie leuchten. Eine weitere Empfehlung besteht darin, dass dem CDC erlaubt wird, einzelne Variola-Gene in Viren der Pockenfamilie zu integrieren, die Tiere wie Affen oder Kühe befällt. Zudem soll es den russischen und amerikanischen Teams künftig erlaubt werden, ihre Pocken-Proben zum ersten Mal miteinander zu teilen, so dass Forscher an mehreren Projekten gleichzeitig arbeiten könnten. Die World Health Assembly der WHO wird im Mai 2005 entscheiden, welche der Empfehlungen angenommen wird.
Siehe dazu in Technology Review aktuell: (wst)