Just in time in crisis

Das Erdbeben in Nordost-Japan hat Teile der globalen Lieferkette der Elektronik- und Autoindustrie zerrissen. Einige Lehren aus diesem GAU der Globalisierung.

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Von
  • Martin Kölling

Das Erdbeben in Nordost-Japan hat Teile der globalen Lieferkette der Elektronik- und Autoindustrie zerrissen. Einige Lehren aus diesem GAU der Globalisierung.

Die dreifache Jahrtausendkatastrophe in Japan hat einen Mythos eindrucksvoll widerlegt: den Mythos von Nippons Niedergang als Industrienation. Mit großer Überraschung stellen vor allem Auto- und Elektronikkonzerne fest, in wie starkem Maße ihre globale Lieferkette von drei recht kleinen nordostjapanischen Präfekturen abhängt. Besonders in Fukushima und Miyagi fertigen Mittelständler Hightech-Bauteile, ohne die Kopierer, mancher Computer oder gar Fahrzeuge sich nicht mehr einwandfrei zusammensetzen lassen. Weltweit ist es zu Produktionseinschränkungen gekommen. Die Autobauer Toyota und Honda haben sogar angekündigt, dass sich die Auslieferungen ihrer Fahrzeuge voraussichtlich erst im November oder Dezember wieder vollständig normalisiert haben wird. An dieser Stelle will ich einmal erste Lehren ziehen, wie sie sich mir aus den Beobachtungen und Gesprächen mit Unternehmern und Experten vor Ort aufdrängen.

Punkt 1: Immer mit dem Unerwarteten rechnen. Die lange Dauer der Probleme ist nicht Erderschütterungen, sondern Tsunami und Atomunfall geschuldet. Auf der Richterskala hatte das Erdbeben zwar die unglaubliche Stärke 9 und auf der japanischen Skala, die sich nach den Bewegungen an der Erdoberfläche richtet, die maximale Stärke 7. Aber die Erdbebenschäden selbst waren gering, weil die Erdbebensicherheit von Japans Gebäuden sehr gut ist. Zwar sind noch in Hunderten Kilometer Abstand vom Epizentrum tonnenschwere Maschinen verrutscht. Aber viele Unternehmen hätten bereits nach ein oder zwei Wochen, einige sogar nach dem Wochenende wieder mit der Produktion beginnen können, wenn nicht der Tsunami die Häfen und vor allem das Atomkraftwerk zerstört hätte.

Selbst das Chemiekombinat Kashima in der vom Beben selbst wenig geschädigten Präfektur Ibaraki wurde ausgeschaltet, weil die Schäden an den Hafenanlagen die Versorgung mit Naphtha unterbrochen hat. Die Produkte der dort ansässigen Chemiefirmen finden sich selbst im nächsten iPhone wieder, sagen Experten. Zudem hat sich die Erde der oft künstlich aufgeschütteten Hafenanlagen wie verflüssigt. Es dauert daher länger als bei Straßen, Gas-, Strom- und Telefonleitungen, die Schäden zu reparieren. Erst im Juni soll das Kombinat seine Arbeit wieder aufnehmen.

Bei Verheerungen dieser Größenordnung kann man nicht viel machen. Aber man kann durch neue Bauphilosophien in kommenden Katastrophen Leben retten und damit die Aufräumarbeiten beschleunigen. Das nächste Großbeben kommt bestimmt schon bald. Mir hat diese Woche ein Experte gesagt, dass in den kommenden 20 Jahren die Chancen auf potenziell weit disruptivere Erdbeben in der Tokai- oder Nankai-Region bei 50 Prozent liegen. Für Tokio liegen sie bei 20 Prozent (gar nicht drüber nachdenken).

Gänzlich unerwartet wurden die Unternehmen im Norden allerdings durch das nahezu komplette Versiegen der Benzinzufuhr vom Produzieren abgehalten. Und der Benzinmangel hatte nicht nur physische, sondern auch mentale Gründe. Viele Tanklasterfahrer haben sich schlicht geweigert, in oder durch die Präfektur Fukushima zu fahren. Denn sie hatten Angst, das die Krisenmeiler sie verstrahlen könnten. Selbst Regionen, die von der atomaren Wolke nicht oder kaum getroffen wurden, wurden nicht beliefert, erzählten mir die ansässigen Firmen. Hier hilft nur mehr Mut.

Punkt 2: Auf mehreren Füßen stehen. Firmen müssen mehr als eine Lieferquelle für Schlüsselbauteile haben, vor allem müssen aber Hersteller mehr als einen Produktionsort haben. Diese Lehre hat für Japan unter Umständen noch große Folgen. Denn sie stammt nicht etwa von einem Großunternehmen, sondern von einem Mittelständler. Er überlegt, nicht mehr nur Massenware, sondern auch die Hightechbauteile im Ausland zu fertigen, um im Krisenfall seine Kunden schneller weiter beliefern zu können.

Bei einem Beben diesen Ausmaßes wäre es dann zwar noch immer schwer, schnell zur Normalität zurückzukehren - Toyota fehlen für einige Modelle bis zu 150 Teile. Aber es würde die Flexibilität der Lieferkette erhöhen. Die geringe Größe vieler Mittelständler macht diese Lehre zu einer großen Herausforderung. Aber ich habe von kleinen Unternehmen gehört, die binnen zwei Wochen ihre Fertigung mitsamt Belegschaft und Familien aus dem Evakuierungsgebiet in eine benachbarte Ortschaft außerhalb der Demarkationslinie umgesiedelt hat. Kleine Firmen tun also gut daran, Umsiedlungspläne zu durchdenken.

Punkt 3: Japan ist ein Stehaufmännchen. Niemand sollte unterschätzen, dass die Japaner ihre Position in der globalen Lieferkette gegen Südkoreaner und Chinesen, die nun vom Missgeschick zu profitieren hoffen, hart und möglicherweise erfolgreich verteidigen werden. Ausländische Unternehmer berichten beeindruckt davon, wie diszipliniert, schnell und flexibel japanische Lieferanten und Belegschaften auf die Herausforderungen reagiert haben. Nach einer gerade veröffentlichten Umfrage des Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie waren fast zwei Drittel der Firmen bereits Ende März wieder voll einsatzbereit. Bis zum Sommer werden es 90 Prozent sein.

Auch Analysten rechnen damit, dass die Japaner ihre Stellung halten können. Jun Iio, Vize-Präsident des Nationalen Graduiertenkollegs und einer der federführenden Experten beim Rat für Wiederaufbau, schätzt, dass die meisten Firmen spätestens ab Ende Mai wieder produzieren können. In einem Jahr werde die Produktion wieder voll normal und sogar besser laufen, weil die Firmen durch die Krise ihre gesamten Abläufe entschlackt hätten. Oder wie es der Vorsitzende des Rates, Makoto Iokibe, selbst Präses der Verteidigungsakademie, beschreibt: Das Land und die Firmen benutzen historisch gesehen in Krisen den harten Tiefpunkt als Sprungbrett.

Punkt 4: Das Leben ist komplizierter als eine Lieferkette. Die Lieferkette wird relativ rasch repariert werden können, aber der Wiederaufbau der verwüsteten Küstenregion wird mindestens zehn Jahre dauern. Drei Jahre veranschlagt Iokibe, der 1995 schon am Wiederaufbau Kobes nach dem Hanshin-Erdbeben beteiligt war, für die Eilaktionen wie die Suche nach den Vermissten und dann vor allem die Aufräum- und Reparaturarbeiten. Dann kommen noch ein paar Jahre eigentlicher Wiederaufbau hinzu. Durch den Atomunfall wiederum verzögert sich der gesamte Prozess noch gewaltig, weil bisher noch niemand sagen kann, wie viele Menschen noch für wie lange ihre Heimat verlieren werden.

Fazit: Die Krise ist noch nicht vorbei, aber meine Lehre steht fest. Japans Unternehmen werden, wenn sie können, gestärkt aus diesem Schlamassel hervorgehen. (bsc)