Auf der Leitung

In den USA ist das Zeitalter der "Data Caps" angebrochen. Die Auswirkungen auf innovative Internet-Dienste sind unabsehbar.

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In den USA ist das Zeitalter der "Data Caps" angebrochen. Die Auswirkungen auf innovative Internet-Dienste sind unabsehbar.

Neulich habe ich mal wieder einen dieser fantastischen "The Onion"-Nachrichtenfilme gesehen. Darin machten sich die Satiriker über das schleichende Sterben der Videotheken lustig – Sie wissen schon, jene Läden, in denen man sich physische Datenträger mit Filmen ausleihen kann und sie später, furchtbar unbequem, sogar wieder zurücktragen muss. In den USA setzen längst Streaming-Dienste wie Netflix zum großen Überholmanöver an, während es in Deutschland wenigstens iTunes oder Videoload gibt.

All diese wunderbaren Umwälzungen in Richtung einer "Sofort, jetzt und zwar alles"-Medienwelt werden dadurch ermöglicht, dass die meisten von uns mittlerweile schöne Breitbandleitungen besitzen, inklusive Tarifen, die uns das fröhliche Dauersaugen von IPTV und Co. erlauben.

Ich persönlich gehöre als Internet-Oldie allerdings zu jenen Menschen, die noch erlebt haben, wie man für den Netzzugang pro Minute zahlen musste. Und "Flatrates" waren in frühester DSL-Zeit um 1999 unbekannt, damals gab es dann z.B. für 247 DM geniale 100 Freistunden von der Deutschen Telekom.

Seither haben sich, gottlob, Online-Pauschalen eingebürgert, die den Providern ein verlässliches, wenn auch nicht besonders aufregendes Einkommen ermöglichen – Internet ist ja schließlich mittlerweile so selbstverständlich wie Wasser, Strom oder Gas. Mittlerweile, so sah es jedenfalls bis vor kurzem aus, leiden wir unter angeblichen Luxusproblemen wie der Tatsache, dass die Telekom ihren Glasfaser-Ausbau verzögert und man in manchen Regionen auf dem Land kaum mehr als 1 Megabit pro Sekunde erhält. Sonst war aber alles gut: Cloud-Computing-Dienste begannen sich langsam durchzusetzen, Videos laden viele Menschen mittlerweile im Akkord herunter und neue Dienste können sofort und dauerhaft ausprobiert werden, ohne sich um irgendeinen unverständlichen Kram wie "Freistunden" oder "verbrauchte Gigabytes" kümmern zu müssen.

Blöderweise könnte das, was wir heute als Normalität bezeichnen, bald ein Ende finden. In den USA, dem Internet-Land schlechthin, geht es gerade los. Dort kam der Großprovider AT&T, dessen Marktbeherrschung in manchen Regionen bei 100 Prozent liegt, auf die geniale Idee, Nutzern flächendeckend eine sogenannte Data Cap in ihren Anschluss einzubauen. Künftig sind bei DSL-Tarifen nur noch 150 Gigabyte im Monat inkludiert, bei Glasfaser großzügige 250 Gigabyte. Wer mehr will, zahlt drauf – und zwar heftig.

Wenn Sie nun sagen: "Klingt doch viel", möchte ich kurz daran erinnern, dass ein HD-Videostream zwischen ein und zwei Gigabyte pro Stunde liegen kann – der ganze "Rest", den man sonst noch auf der Leitung veranstaltet, nicht eingeschlossen. Natürlich geht es AT&T bei der Maßnahme nicht darum, seine Leitungen zu schonen und sich den Ausbau sparen zu können – das ist nur ein praktischer Nebeneffekt. Vielmehr möchte man die Kundschaft dazu motivieren, nicht unabhängige Dienste wie z.B. Netflix zu verwenden, sondern einfach ein dickes TV-Paket hinzuzubuchen, das natürlich nicht die AT&T-Cap beeinträchtigt.

Der Punkt an den 150 Gigabyte sind aber nicht unbedingt Dienste von heute, sondern vor allem Dienste von morgen. Wenn Nutzer beginnen, sich ihre Datenraten einzuteilen, haben Start-ups im Multimedia-Bereich deutlich weniger Chancen. In Kanada, wo die Datendrossel sogar noch härter greift, bietet Netflix mittlerweile einen Stream schlechterer Qualität an, damit man nach einer Woche Nutzung noch sein Internet weitergebrauchen kann.

In Deutschland, da bin ich mir sicher, steht die Telekom mit ähnlichen Ideen in den Startlöchern: Die beobachten nun genau, wie das in den USA weitergeht. (Bei einem bestimmten Tarif gab es bereits 2009 erstmals eine Drosselung.)

Im mobilen Internet ist die Begrenzung eh Standard: Mehr als 5 Gigabyte, im Multimedia-Zeitalter wirklich lächerlich, gibt es nach wie vor nicht im Monat. Aber was bringt es Nutzern, wenn sie dank neuer Standards wie Dual-Cell-HSDPA mit bis zu 42 Megabit surfen können, wenn die schon nach zwei Stunden nicht mehr genutzt werden können, weil zufällig gewählte Drosseln zuschlagen? Arme Online-Welt. Die Provider schaffen gerade Fakten, die uns und dem Innovationsgeist der Internet-Wirtschaft noch böse weh tun werden. (bsc)