Internet-TV, die Zukunft des Fernsehens und die Filmemacher

Neben Kurzfilmen und Filmkunst standen bei den 52. Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen auch Diskussionsrunden zum Thema Internet-TV auf dem Programm.

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Bei den Diskussionsrunden der gerade zu Ende gegangenen 52. Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen wurden nicht nur Fragen des Kurzfilms und der Filmkunst behandelt. Ein kompetent besetztes Panel widmete sich ebenso den Perspektiven des Internet-TV. Mit Vertretern von Google Europe, BBC interactive, VPRO Digitaal und tank.tv waren die wichtigsten europäischen Initiativen anwesend, die bereits mit Angeboten aufwarten können.

In seinem Eingangsreferat stellte der Analyst der englischen Medienberatung Screen Digest, Daniel Schmitt, verschiedene Ergebnisse einer internen Studie vor, die man in London im letzten Jahr für Microsoft erstellte. Ausgehend von aktuellen Daten des Marktforschungsunternehmens A.C.Nielsen rechnet man bei Screen Digest 2010 mit 300 Millionen weltweiten Nutzern (ohne China und Indien) von IP- und Internet-TV. Entsprechend der recht optimistischen Prognosen soll im Jahr 2009 das Fernsehen über Internet und IP-Protokoll das Marktsegment Pay-TV an Kunden und Marktanteilen überflügeln. Während die Umsatzangaben für Internet-TV 2005 noch bei 4,5 Millionen US-Dollar lagen, sollen sie sich bis 2010 auf 620 Millionen US-Dollar vervielfachen, davon 420 Millionen Werbeeinnahmen.

Bei der anschließenden Vorstellung der verschiedenen Angebote zeigte sich als wichtigster Unterschied zwischen den Veranstaltern die Art der Auswahl des Programmangebots. Während seit Januar bei Google Video im Prinzip nach einem Log-in jeder Nutzer Inhalte frei online stellen kann, findet bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten (VPRO, BBC) oder der Filmkunstseite tank.tv eine Auswahl durch die Betreiber selber oder eine entsprechende Redaktion statt. Wie Stephan Lechère von Google Europe erklärte, wird es außer der in der vergangenen Woche online gestellten Top-100-Liste der meistgesehenen Clips und der Einteilung nach Genres keine redaktionelle Aufarbeitung geben. Selber aktiv wird man nur bei Unterstützungsanfragen von öffentlichen Filmarchiven oder indem man professionellen Filmproduzenten die Möglichkeiten des Google-Mediaplayers in Hinsicht auf DRM und das integrierte Zahlungssystem vorstellt. Bei Interesse können die Rechteinhaber dann kurze Ausschnitte frei verfügbar schalten und für die volle Version in Länge und Auflösung eine Gebühr nach ihrem Ermessen festlegen. Laut Angaben von Stephan Lechère, Strategie-Manager aus der Europazentrale in Paris, wird die Videoseite weiterhin, entgegen den Gepflogenheiten auf der Google-Hauptseite, ohne Werbeeinblendungen auskommen.

Während die meisten übrigen Anbietern ebenfalls freie Inhalte offerieren, setzt man bei VPRO Digitaal auf eine Kombination aus freiem Zugang und Abonnentenmodell. Seit Juli 2005 strahlt die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt aus Hilversum unter der Marke 3voor12 seine zwei TV-Kanäle mit Musikfernsehen und acht Radioprogramme mit Rock- und Popmusikprogrammen nicht nur über Kabel aus, sondern auch über geschlossene Internetverbindungen. Daneben baut man gegenwärtig das Internet-Portal cinema.nl als Plattform für den anspruchsvollen, europäischen Kinofilm auf. Neben einem Kino- und DVD-Führer bietet man Artikel, Informationen und Videoclips nicht nur zu den Filmen im eigenen Programm an, sondern will sich als verläßlicher Führer durch den Mediendschungel mit einem Augenmerk auf gute und anspruchsvolle Filme und Musik jenseits des kommerziellen Mainstreams etablieren. Der Projektleiter von VPRO Digitaal, Gert Jan Kuiper, wies auf das große Archiv des Senders mit diversen Filmproduktionen (4.000 Songs und 3.000 Konzertmitschnitten) hin. Dank des Internet bietet sich neben der einmaligen Ausstrahlung auch eine "Long-Tail"-Vermarktung dieser Bestände an, und man kann sie nach geringem Aufwand für die Digitalisierung über viele Jahre im Internet auswerten.

Wie Gerard O'Malley, Leiter der Interactive-Abteilung der BBC, erklärte, bewertet man bei der ältesten europäischen Rundfunkanstalt das Aufkommen des Internet-TV als schnellste und größte Umwälzung des Zuschauerverhaltens in ihrer Geschichte. Während das Durchschnittsalter der BBC-Publikums bei 43 Jahren liegt und manche Sendungen nur noch im Bereich 65+ Zuwächse verzeichnen können, sind die Besucher des BBC-Filmportals mit britischen Nachwuchsfilmen zu 85 Prozent unter 44 Jahren. Daher will man bei der BBC ab Oktober alle Fernsehsendungen der letzten sieben Tage im Internet für Nutzer aus Großbritannien vorhalten. (Georg Immich) / (vza)