Was war. Was wird.
Politik wird gemacht, es geht voran. Oder zur Seite. Oder nach hinten, nach oben, unten, in beliebige Richtungen. Manch einem fällt da nur noch das Anhimmeln als Ausweg ein, wen auch immer, befürchtet Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** OK, es ist kein besonders rundes Datum. Trotzdem erinnere ich aus gegebenem Anlass an den 21. August 1858, als das erste Wahlkandidaten-Rededuell stattfand, das bei uns immer dann als "amerikanische Tradition" abgewertet wird, wenn es keine großen Unterschiede zwischen Regierung und Opposition gibt. Die größte Aufregung liefert derzeit eine Internet-Auktion der waffenstarrenden FDP. Was kommt noch? Das Guidomobil als Terroristenhobel?
*** Früher war alles anders und sowieso besser. Damals lieferten sich Stephen A. Douglas und Abraham Lincoln eine Redeschlacht beim Kampf um den Einzug in den Senat von Illinois. Ein Blick auf die von Journalisten festgesetzten Regeln: Man traf sich nicht nur einmal, sondern siebenmal. In freier Rede, Manuskripte waren untersagt, legte zuerst ein Kandidat 60 Minuten lang seine Ansichten da, worauf der Gegner 90 Minuten lang antworten durfte. Auf die Antwort gab es wiederum 30 Minuten Zeit für eine Gegenantwort. 1858 war das Hauptthema die Abschaffung oder Beibehaltung der Sklaverei: Douglas gewann und wurde Senator, doch Lincoln schlug ihn 1860 und wurde Präsident der USA, als über diese Frage der Bürgerkrieg ausbrach. Das Publikum soll in diesen 3 Stunden konzentriert zugehört, nur hin und wieder Beifall geschossen haben. Danach wurde geblogpodcastet: die 15 bis 20.000 Zuhörer einer solchen Debatte erzählten, was sie gehört hatten. Und das alles ohne Sabine Christiansen.
*** Im Wahlprogramm der Parteien mit dem großen C wie christlich findet sich nicht das alttestamentarische Auge um Auge. Dies ist eine weltjugendtagsfreie Zone, daher möchte ich nicht die Gemeinsamkeiten mit anderen gerade populären Ausprägungen von G'tt's Gebot hinweisen, dafür aber auf den Grundsatz Straße für Straße. Eine eigene Mautgesellschaft soll gegründet werden, die die Mauteinnahmen ausschließlich in den Straßenbau steckt. Das ist schon interessant, weil es natürlich die Frage aufwirft, was denn mit Toll Collect wird. Hinter den Kulissen der Schiedsverhandlungen dampft und brodelt es. T-Systems wie DaimlerChrysler haben die horrenden Verluste durch den Fehlstart der Maut zwar abgeschrieben, wollen aber keinen müden Cent zu den geforderten 5,1 Milliarden Euro zahlen. Das Angebot an den Staat ist, dass die Bundesaufsicht für den Güterverkehr Toll Collect für 1 symbolischen Euro übernehmen kann. Nach dieser Verstaatlichung muss nur noch ein neuer Käufer gefunden werden. Aus den gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen heißt es, wie es am Häppchen-Tisch von gewöhnlich gut hörenden Ohren aufgeschnappt wird, dass IT-Konzerne interessiert seien, schließlich ist der Einstieg in die Maut-Abrechnung die Schlossstraße der Logistik, wenn telemetrische Daten mit verkauft werden dürfen. Es liest sich wie ein verspätetes Hal-Faber-Sommerrätsel, verdient aber auch eine Einordnung unter Witz der Woche. In jedem Fall wird sich Kanzlerin Merkel über die neue Firma freuen, die an die blühenden Landschaften von Ziehvater Kohl erinnert: BAG-Chef Vorrath war einstmals Leiter des Büros von Informatik-Professor Günther Krause, der nicht nur die deutsche Einheit verhandelte, sondern die Autobahnen privatisieren wollte. Politik wird gemacht, es geht voran.
*** Während das neue Yps am Kiosk noch nicht so der richtige Brüller ist, heißt das Gimmick der Woche NPSI oder eben "Nationaler Plan zum Schutz der IT-Infrastrukturen". Mit Plan gegen das Unplanbare, das ergibt nette Perspektiven. Und den Angreifern geht es nicht um Anerkennung in der Hackerszene. Wer immer diesen Satz für seinen Minister geschrieben hat, muss sich am Boden gerollt haben, lachend und zuckend. Wie die Leser des Neuen Deutschland, denen dieser Tage sozialistischer Unsinn geboten wurde: "Die CCC-Hacker galten als kriminell, doch ihr Netzwerk war einzigartig und in gewisser Weise das erste Blog." Wer plagt sich da nicht mit logischen Fragen bei NPSI: Was sollen Firmen, die nicht einmal in der Lage sind, planmäßig erscheinende Microsoft-Updates einzuspielen, mit dieser deutschen Planwirtschaft anfangen?
*** Bisweilen tut es einfach gut, den Kopf auf die Tastatur knallen zu lassen, dass die Ohren sausen, die Lippen bluten. Die Wochenschau möchte den Blick für die Details schärfen, jaja, und dann schicken Leser Sachen wie diesen Bericht über eine Massenhysterie beim Verkauf von älteren Apple-Laptops, die wie Kloschüsseln aussehen. So ein Klatsch hat natürlich nichts in einem seriösen Newsticker zu suchen. Und warum assoziiere ich Kloschüsseln? Wer sich selbst bepinkelt, der braucht so etwas. Im Wochenrückblick sehe ich erst, wie viele über den Vorfall berichtet haben. Es ist alles eine Frage der Perspektive.
*** In der subjektiven Rückschau gilt mein Farewell zwei großen Frauen, die sich nicht mehr leiden müssen. Auch bei Eva Renzi gilt wieder das Gesetz der Perspektive, ob sie Vom Glamourgirl zu unbequemen Kritikerin oder Von der Klosterschülerin zum Playgirl reicht. Konsequent von Anfang bis zum Ende setzte sich die Schauspielerin für eine Aufarbeitung der nationalsozialistischen Terrorherrschaft ein, nannte einen Bundespräsidenten einen "alten Nazi" und handelte sich damit ein jahrelanges Berufsverbot im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein. Eva Renzi kämpfte gegen den Krebs wie Mo Mowlam, die populärste englische Ministerin, die Irland 1998 den ersten Frieden brachte. Sie hatte vorab verfügt: "Wenn Computer über mein Leben bestimmen, schaltet sie ab." Die Ärzte gehorchten.
Was wird.
In London ist ein Brasilianer erschossen worden. Im Kampf gegen den Terrorismus ist das ein Einmann-Kollateralschaden, den sinnigerweise keine einzige Kamera im angeblich besten CCTV-Netz der Welt erfassen konnte. Während der Festungsbau floriert, verschwimmen die Argumente. Und der Tod im Panoptikum muss reichen, die friedlichen Bürger zu disziplinieren. Vor diesem Hintergrund tagt man demnächst in Hamburg und hofft auf viele Interessierte.
Natürlich könnte jetzt an dieser Stelle eine Parade der heißen IFA-Nachrichten folgen, die das traute Heim mit Überwachungs-Lösungen ohne Ende beglückt. Das tut es aber nicht. Stattdessen verweise ich auf eine Tagung der Bundeszentrale für Politische Bildung, die sich am nämlichen Ort die Videoüberwachung vorknüpft.
Im letzten WWWW fragte ich nach dem Menü zum Wahlabend. Dabei dachte ich wahlweise an eine Henkersmahlzeit oder an ein Festmenü der berauschten Gewinner. Heraus kamen politisch gefärbte Menüvorschläge. Als da wären "Grünkohl mit Speck/Wursteinlage, dazu ein Düsselalt" gefolgt von "Himmel und Erde (gebratene Blutwurst und Kartoffelpüree), dazu ein Sion oder Peterskölsch". Wer will mich denn da umbringen? Gibt es überhaupt Leser im Heiseticker, die kochen können? Es muss ja nicht Anthony Bourdain sein, aber besser als der Fraß der Knallchargen, die Gate Gourmet ausräubern, sollte es schon sein. Und wem Anthony Braxton als Begleitmusik zu schwer im Magen liegt, darf sich auch gerne bei den Canzone della Strada bedienen oder etwas Monarchie im Alltag wünschen oder das Essen in die Airports for Light verlegen. Oder, oder ... Es gibt noch gute Musik, auch wenn uns die Musikindustrie anscheinend immer wieder eines Schlechteren belehren will. (Hal Faber) / (jk)