Willkommen in der einen Welt

Das Internet macht es möglich, an Orte zu gelangen, die wir früher nur durch den Zweit- oder Drittblick von Korrespondenten erleben konnten. Das ist extrem wertvoll - so chaotisch es manchmal auch scheint.

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Das Internet macht es möglich, an Orte zu gelangen, die wir früher nur durch den Zweit- oder Drittblick von Korrespondenten erleben konnten. Das ist extrem wertvoll – so chaotisch es manchmal auch scheint.

Wenn es früher irgendwo in der Welt ein Großereignis oder eine Katastrophe gab, schalteten wir zunächst den Fernseher an. Die "Tagesschau" und das "Heute Journal" brachten Bilder von Agenturen oder eigenen Teams, Korrespondenten gaben in Interviews und Augenzeugenberichten ihren Eindruck der Lage ab. Schlecht war das nicht, man fühlte sich ja informiert. Doch einen schalen Beigeschmack hatte es schon, wenn nach einem oder zwei Tagen oft die nächste (Nachrichten-)Sau durchs Dorf getrieben wurde: Thema abgehakt, hier kommt ein neues.

Dank Internet ändert sich unser Blick auf die Welt. Wir können, wenn wir das wünschen, endlich auch auf Originalquellen zurückgreifen. Als in Mumbai 2008 ein Terrorangriff die Metropole in Angst und Schrecken versetzte, schaute ich nur mit einem halben Auge auf die deutschsprachige Berichterstattung. Viel spannender war für mich, die Livestreams örtlicher Nachrichtensender zu betrachten, die, wie in Indien üblich, teilweise auf Englisch sendeten. Ich kann sagen, dass mich das viel mehr mit den Menschen verband, als irgendeine dpa-Nachricht.

Bei der Katastrophe in Japan vor zwei Monate agierte ich ähnlich: Die Homepages der örtlichen Zeitungen waren für mich dank Google Translate ebenso erreichbar wie das 24-Stunden-Nachrichtenprogramm der Lokalsender auf Portalen wie Ustream. Als vor ein paar Tagen in China auf dem Fabrikgelände des Apple-Zulieferers Foxconn eine Explosion ein Gebäude verwüstete, griff ich zuerst auf englischsprachige chinesische Quellen zurück, die auf lokale Videos verlinkten. Es dauerte Stunden, bis dazu in Deutschland jemand einen ersten Bericht absetzte,

Natürlich ist auch hier nicht alles Gold was glänzt: Wenn man die lokalen Gegebenheiten nicht kennt, kann man Material aus Originalquellen möglicherweise nicht richtig einordnen. (China ist da nur das extremste Beispiel.) Die Rolle des "Tour Guide", die der Korrespondent eines ausländischen Mediums gerne einnimmt, hat auch deshalb eine Berechtigung, weil man Hinweise erhält, wie es "mittendrin und doch nur dabei" aussieht. Aber das kann man ja, neben den Originalquellen, auch noch in sein Bild einbeziehen.

Ich halte es deshalb für extrem wichtig, dass im Internet nicht wieder neue Barrieren hochgezogen werden. Es muss möglich sein, dass alle Menschen an alle Quellen kommen, egal wo sie sind. Man muss sich international vernetzen und erleben können, was Menschen in anderen Regionen mitmachen. So einfach wie heute war das noch nie. Das müssen wir bewahren. Dringend. (bsc)