Grenzgängerin: Fujifilm FinePix HS20 im Test
Mit neu entwickeltem EXR-Bildsensor soll die FinePix HS20 hohe Auflösung, geringes Rauschen und besonders große Dynamik liefern. Die Bildqualität überzeugt – Klassengrenzen überwindet die HS20 allerdings nicht.
- Robert Seetzen
Form, Größe und Gewicht der HS20 würden ebenso gut zu einer kleinen SLR passen
Bridgekameras versprechen, ob gewollt oder nicht, schon durch ihr Aussehen Leistung auf hohem Niveau. Die HS20 macht da keine Ausnahme. In Größe, Gewicht und Design könnte sie auch auf den zweiten Blick als Einstiegs-SLR mit APS-C-Sensor und Standardzoom durchgehen. Erst ein Blick auf die Frontseite des Objektivs und die dort aufgedruckte Brennweite offenbart den Unterschied. Statt der für SLR-Kitobjektive typischen 18–55mm Brennweite, was auf KB-Verhältnisse umgerechnet etwa 28–80 Millimetern entspricht, bietet die HS20 einen Zoombereich von 24 bis 720 Millimeter. Bei solcher Bandbreite bleibt kaum ein Sujet außen vor. Zur Not hilft dort, wo sogar 24 mm Brennweite noch zu viel sind, das Schwenkpanorama. Doch dazu später mehr.
Riesenzoom, kleiner Sensor
Safaritaugliche Telebrennweiten in den Abmessungen einer KB-Normaloptik gibt es nicht zum Nulltarif. Erst ein im Vergleich zur SLR winziger Bildsensor macht die Schrumpfkur möglich. Die HS20 nutzt einen rückseitig belichteten CMOS-Chip mit einer effektiven Fläche von rund 28 mm², was ungefähr 1/14 der Fläche eines APS-C-Sensors und 1/30 der Kleinbildfläche entspricht. Dass Fujifilm hier dennoch 16 Megapixel untergebracht hat, darf mit Blick auf drohendes Bildrauschen als durchaus mutiges Unterfangen gelten. Und tatsächlich kann die HS20 ihre Klassenzugehörigkeit nicht leugnen. Ein Vergleich mit Bildern der hier unlängst vorgestellten Samsung NX11, einer spiegellosen Systemkamera mit APS-C-Sensor, fällt eindeutig aus. In allen ISO-Einstellungen zeigt die Samsung trotz ihrer nominell zwei Megapixel geringeren Auflösung die eindeutig feinere Detailzeichnung bei zugleich schwächerem Bildrauschen.
ISO bis 12.800
Der Aufklappblitz ragt etwas störend über den Zoomring - liegt im Gegenzug aber relativ weit von der optischen Achse entfernt
Deutlich besser schneidet die HS20 jedoch im Vergleich mit Kameras ähnlicher Sensorgröße ab. Die Nikon Coolpix P300 etwa bewies im kürzlich durchgeführten Test geringes Bildrauschen bei zugleich gut erhaltener Detailzeichnung, mutmaßlich auch ein Resultat der auf zwölf Megapixeln beschränkten Auflösung. Im visuellen Vergleich scheinen beide Kameras zunächst auf ähnlichem Niveau, sowohl bei niedrigen wie auch hohen ISO-Werten. Genaueres Hinsehen offenbart in den Bildern der HS20 dann aber doch die etwas größere Detailfülle, wiederum in allen vergleichbaren Empfindlichkeitsstufen. Die höhere Auflösung des Sensors kommt offenbar auch in den Bilddateien an.
Anders als die Nikon hält die HS20 zudem zwei Einstellungen jenseits von ISO 3200 bereit. Bilder mit ISO 6400 bieten allerdings nur noch eine Auflösung von 8 Megapixeln, hier wertet Fujifilm jeweils zwei benachbarte Pixel aus, um zu einem insgesamt rauschärmeren Bild zu gelangen. Bei ISO 12.800 liefert die HS20 nur noch 4 Megapixel. Beide Einstellungen zeigen bereits in Vollbilddarstellung auf dem PC-Monitor deutlich erkennbare Rauschteile und erhebliche Zeichnungsverluste, dürften vielen Fotografen aber dennoch als Notreserve willkommen sein.
Erweiterte Dynamik
Zum trotz hoher Auflösung klassenbezogen guten Rauschverhalten der HS20 gesellt sich eine weitere nützliche Eigenschaft des von Fujifilm entwickelten "EXR"-Sensors. Anders als die erstmals im Herbst 2008 vorgestellten SuperCCD-Sensoren mit EXR-Kürzel weist der neue Chip zwar keine wabenförmigen Pixel mehr auf. Wie im SuperCCD EXR können aber auch hier die Daten zwei benachbarter Pixel nicht nur zur Rausch-, sondern auch zur Dynamikoptimierung verknüpft werden. Bei halbierter Auflösung liefert die FinePix besonders kontrastreiche Motive dann mit teils überraschend guter Zeichnung in Schatten und Lichtern ab.
Nicht nur Gegenlichtaufnahmen profitieren sichtbar, auch in normalen Landschaftsfotos sind etwa Wolkenstrukturen wesentlich klarer abgebildet als in Aufnahmen ohne Dynamikbooster. Leider stehen die wirkungsvollsten Optimierungsmodi nur in einer "EXR" genannten Automatik-Betriebsart, nicht aber für halb- oder vollmanuell belichtete Fotos bereit. Die in den Betriebsarten P, A, S und M verfügbaren Dynamikoptimierungen bringen zwar ebenfalls eine etwas verbesserte Lichterzeichnung, können aber nicht mit der Ergebnissen aus dem EXR-Modus konkurrieren.
Schneller zoomen
126 mm reale Brennweite liefern dank kleinem Bildsensor den Bildwinkel eines 720 mm-Supertele-Objektivs fĂĽr Kleinbild
Manchmal sind es scheinbar kleine Dinge, mit denen eine Kamera die Herzen der Fotografen erobert. Im Fall der HS20 könnte das mechanische Drehzoom manche Kaufüberlegung entscheiden. So schnell und präzise wie das Objektiv der FinePix lassen sich selbst beste zweistufige Motorzooms nicht steuern. Ein zweiter, um das Objektiv gelegter Drehring regelt die optional manuelle Fokussierung. Einen Entfernungsbalken blendet die HS20 dabei nicht ein. Der statt dessen gezeigte, an einen Audiopegel-Balken erinnernde Schärfe-Indikator dürfte allerdings häufig nützlicher sein. Ein zur besseren Schärfebeurteilung vergrößerter Bildausschnitt kann ebenfalls angezeigt werden.
Allzu oft muss die manuelle Fokussierung allerdings nicht zu Einsatz kommen. Das AF-System der HS20 arbeitet bei guten Tageslichtbedingungen auch in maximaler Telestellung zügig und treffsicher. In schwächer beleuchteten Innenräumen ist auf den AF ebenfalls Verlass, abnehmende Beleuchtung quittiert die FinePix allerdings mit deutlich längeren Fokussierzeiten. Die Bildstabilisierung der HS20 erfolgt über Ausgleichsbewegungen des Bildsensors. Tests mit verschiedenen Brennweiten ergaben eine Wirksamkeit von etwa vier LW, in maximaler Telestellung mit 1/35 Sekunde Verschlusszeit fotografierte Bilder zeigten keine Verwacklungsunschärfen. Makros nimmt die HS20 aus einer Mindestdistanz von nur 1 cm auf. Experimente mit größeren Abständen und längeren Brennweiten ergaben vergleichbare Motivdiagonalen bei zugleich geringerem Schattenwurf des Objektivs und besseren Schärfeleistungen am Bildrand.
Lieber unscharf
Gewollte Unschärfe bringen Bridgekameras wie die HS20 prinzipbedingt kaum ins Bild. Der kleine Sensor und die daraus resultierenden, kurzen Brennweiten sorgen für stets große Schärfentiefe. Auch die mit f/2,8 zumindest im Weitwinkelbetrieb recht große Anfangsöffnung ändert daran wenig. Ein Trick und fleißige Rechenarbeit des Kameraprozessors sorgen auf Wunsch aber dennoch für eine gewisse Schärfetrennung zwischen Vorder- und Hintergrund. Im "Pro-Focus"-Betrieb fügt die FinePix zwei kurz nacheinander aufgenommene, auf unterschiedliche Motivebenen scharf gestellte Bilder zu einem Foto etwas geringerer Schärfentiefe zusammen. Der Effekt ist nicht sehr ausgeprägt, aber dennoch gut sichtbar. Portraits beispielsweise können von Pro-Focus durchaus profitieren. Da das fertige Bild aus zwei Aufnahmen besteht, scheiden Fotos bewegter Motive jedoch aus.
Schnelle Bildserien
Hohe Bildfrequenzen für Fotos und Videoclips gehören bei Kompaktkameras oberer Preisklassen mittlerweile fast zum Pflichtprogramm. Die HS20 speichert Sequenzen von maximal 32 Fotos mit bis zu 11 Bildern pro Sekunde. Serien mit 3, 5 und 8 Bildern pro Sekunde fotografiert die FinePix in voller Auflösung, nach Auswahl der höchsten Serienrate wird die Auflösung auf 8 Megapixel halbiert. Im Modus "High-Speed Serie" beträgt die Auflösung generell 8 Megapixel, bei ansonsten gleicher Bildraten-Auswahl wie im regulären Modus. Während die Speicherung dort mit vollem Durchdrücken des Auslösers beginnt, speichert die HS20 im High-Speed Betrieb auch Bilder, die kurz vor dem Drücken des Auslösers aufgenommen wurden. Die genaue Zahl der vor beziehungsweise nach voller Auslösung gespeicherten Fotos wird auf anschauliche Weise in einem eigenen Menü festgelegt. Fokussierung, Belichtungsmessung und Weißabgleich führt die HS20 in beiden Modi nur zu Beginn der Aufnahme durch.
Reichlich dedizierte Bedienelemente: Auch in der RĂĽckansicht geht die HS20 problemlos als Systemkamera durch.
Hohe Geschwindigkeiten stehen auch in der Videosektion zur Wahl. Im Vergleich zur die Vorgängerin FinePix HS10 musste die HS20 hier allerdings Federn lassen. Standen zuvor Bildraten bis zu 1000 Bildern pro Sekunde zur Verfügung, endet die Skala nun bei 320 B/s. Auch der bislang verfügbare HD-Zeitlupenmodus mit 1280 × 720 Pixeln bei 60 B/s ist nicht mehr verfügbar, statt dessen gibt es nun einen VGA-Modus mit 80 Bildern pro Sekunde. Videoclips in Normalgeschwindigkeit nimmt die HS20 mit 640 × 480, 1280 × 720 oder 1920 × 1080 Pixeln mit jeweils 30 Bildern pro Sekunde auf. Fokussierung, Belichtungssteuerung und Weißabgleich werden dabei kontinuierlich und zügig, aber ohne störende Sprünge angepasst. Eine Beurteilung der Tonspur und des Einstreuens von AF-, Zoom- und Tastengeräuschen war wegen eines Defekts der Testkamera nicht möglich. Das Vorgängermodell FinePix HS10 lieferte in diesem Bereich allerdings ordentliche Leistungen.
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