Was war. Was wird.
Es ist nur ein weiterer Tag auf Erden, ja. Aber ein weiterer Tag, der uns dem Datum näher bringt, an dem das Elend Wahlkampf endlich ein Ende hat und sich auch die IT-Welt wieder ihren eigenen Wehwehchen widmen darf, grummelt Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Ade Rom. Heute vor 1529 Jahren wurde Orestes von Odoaker gefangen genommen und hingerichtet. Sein Sohn Romulus Augustus, nominell letzter römischer Kaiser, wurde offenbar am Leben gelassen. Das Ende eines Weltreiches war für andere ein Anfang. Ade Rio. Die groß herausposaunte Idee von Diamond Multimedia, dass ein Abspielgerät für MP3-Dateien die Musikindustrie verändern wird, war richtig. Aber erst die Barbaren von Apple setzten das Konzept konsequent um, indem sie keine Rücksicht auf die Musikindustrie nahmen. Eine kleine Parallele zum Ende des römischen Reiches drängt sich freilich erst dann auf, wenn man die Spekulationen über die Zukunft des iPod liest. Dann ist er nicht nur ein hübscher Musikspieler, sondern ein Boot-Device, mit dem Apple eine kostenlose Version seines Betriebssystems auf die PCs dieser Welt verteilen und die Bastion Microsoft schleifen kann. 10 Jahre mit dieser Billigkopie eines Apple-Systems sind demnach mehr als genug und Monopole dazu da, geknackt zu werden. Das entscheidende Argument für den Big Bang, den ultimativen Switch, soll die Virenfreiheit des Systems sein. Sollte die Spekulation stimmen, müsste Microsoft Virenautoren einstellen.
*** Ade Hunter S. Thompson. Am vergangenen Sonntag wurde die Asche des großen Journalisten von Feuerwerksraketen zu den Klängen von Dylans Tambourine Man in den Weltraum geschossen, während die Partygäste vergnügt einen kühlen Drink zu seinem Gedenken leerten. Die einen beschrieben Thompson als Wallraff unter Drogen, die anderen als würdigen Nachfolger von Mark Twain. Was er schrieb, wurde Gonzo-Journalismus getauft, was, ich wiederhole mich, eine bislang nicht mehr erreichte Kunstform ist. Ein weiterer Provokateur dieser schweren Kunst ist nicht mehr unter uns: Ade Peter Glotz, Theoretiker des digitalen Kapitalismus. Auf dem Höhepunkt des Dotcom-Trips veröffentlichte er sein großes Werk über die beschleunigte Gesellschaft, in dem seine Sätze über die Digitalisierung bis heute unvergessen sind. Für sie kassierte Glotz die Beschimpfung Sozialdarwinist: "Die Menschen werden sich an die Digitalisierung anpassen, sich mit Lust oder Unlust anpassen. Es ist gleichgültig, ob sie es mit Freude oder mit Angst tun werden." Mit Lust oder Unlust? Na dann: Willkommen Brian Eno. Der relaxte, abgeklärte Elektronik-Pop seines jüngsten Albums zeugt von lustvoller Digitalisierung. Just another day on earth, genau so ist es.
*** An noch einem anderen Tag auf dieser Erde kamen von Peter Glotz die SPD-Ideen zur Erhebung von Studiengebühren und zur Schaffung von Elite-Universitäten, auch arbeitete er in der Kapitalisten-Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft mit. Über die affige Luxus-Debatte in persona Oskar Lafontaine hätte er herzlich gelacht. Er räsonnierte gerne über die Architektur "seiner" Universitäten, ob Erfurt oder St. Gallen. In seinem Sinne ist der einzige Artikel verfasst, der den Kern des Pudels nennt: Gute Villa, schlechte Villa. Am 9. September wird Peter Glotz' Buch über die Vertreibung aus dem Sudetenland erscheinen. Ich erwähne es hier, weil der tschechische Ministerpräsident Jiri Paroubek in dieser Woche den Kampf der sudetendeutschen Antifaschisten geehrt hat. Die gesamte ostdeutsche Geschichte darf nicht den Vertriebenenverbänden und ihren verdrehten Erinnerungen überlassen bleiben. Denn sonst entsteht wieder blanker Hass, wenn Istvan Martins Job bekommt. Das lenkt ab, vom digitalen Kapitalismus der überall Pressbaren, der Anpassbaren.
*** Während jeder Schritt von Google, Amazon oder Yahoo in den Tickermeldungen kommentiert wird, blieb es beim Start des Beta-Tests von Alonovo verdächtig ruhig. Die Idee, den Umweltschutz oder den Umgang mit Minderheiten und Gewerkschaftern beim Kauf eines Produktes zu berücksichtigen, hat im digitalen Kapitalismus etwas Weltfremdes. Viel lieber wird da über den coolen Versuch einer Partei berichtet, die Werbezeit auf eBay zu verkaufen. Nicht weit davon entfernt (aber von eBay entfernt) sind die Angebote, die eigene Wählerstimme an den Meistbietenden zu verkaufen. Doch gleichzeitig erntet der kleine Verlag, der diese Wochenschau ins Web stemmt, Kritik für den Versuch, die Parteiprogramme der wichtigen Parteien unter die Lupe zu nehmen. Wobei die Aktion richtig Stress bereitet, weil "Die Linkspartei.PDS" zur Stunde noch in Neukölln/Berlin am Wahlprogramm feilt. Das ist der wahre Luxus. Wobei mich am meisten die Forumsbeiträge wundern, die wieder und wieder auf die APPD eingehen. Hat denn niemand Verständnis für die Christliche Mitte, die mit der Forderung nach bezahlten Medienarbeitern im Internet die Plattform aller Blogger sein müsste?
*** Ich fände es übrigens passend, wenn Herr Schröder und Herr Bush zusammen den Friedensnobelpreis bekommen, für den Weitblick, den sie da an den Tag legen. Auf ihre Weise agieren beide nach dem kaputten Mechanismus, der heute für Politik gehalten wird. Wer meint, dass Angela Merkel eine neue Qualität in die abgekarteten Spiele bringen wird, hat Margaret Tatcher nicht erlebt. Für den Rest tue ich die überall zur Wahl antretenden Blogger Einfach mal lassen und frage einfach Hallo Welt? Noch ganz dicht? Ach ja, es war wieder just another day on earth, ein Tag, an dem man an der Bushaltestelle wieder vorsichtig seine Worte wägte -- terrorverdächtig wird man heutzutage schneller als man einen Bus besteigen kann, und Terrorfahndungen enden auch in Westeuropa dieser Tage gerne einmal mit dem finalen Fangschuss bei angeblich unvorsichtigen Bewegungen.
Was wird.
Ich gebe gerne zu, dass mich erst Hunter S. Thompson darauf gebracht hat, dass die nächste Woche mit den Burning Man beginnt, ein Festival der radikalen Selbstverwirklichung. Dabei ist man übrigens bemerkenswert nahe an der Wirklichkeit.
In Deutschland geht es etwas nüchterner zu, wenn in Kiel die Sommerakademie der Datenschützer das Thema "datenschutzgerechtes eGovernment" seziert. Unter der Woche hatten die Schützer bereits eine Meldung zum korrekten Datenschutz in Dokumentenmanagment-Systemen veröffentlicht, die ohne Resonanz blieb. Wer kümmert sich schon groß um die Dokumente?
Zoomen wir das Zeitfenster etwas auf, so lauert die IFA in Berlin mit diesem rothaarigen Avatar auf uns, der schwer sexy guckt und etwas anders drauf ist als die Clara auf der neuen Webseite zur Gesundheitskarte. Ich schweife ab. Kommen wir lieber zur Digital Living Network Alliance, die zur IFA Schulungen für die Entwickler durchführt und mit einer Keynote von Microsoft punkten will. Wer sein Haus nicht vernetzt, ist entweder Digitalnomade (mit WLAN und UMTS) oder ein schrecklicher Hinterwäldler, der den Fortschritt bremst.
Während diese Wochenschau hinter dem hintersten Wald geschrieben wird, erreicht mich die Nachricht, dass das teuerste Gepäckbeförderungssystem der Welt am Flughafen von Denver außer Dienst gestellt wurde. Der böse Mainframe hat seine Schuldigkeit getan, genau wie die Waschmaschine, die Socken ohne Ende frisst. Viele ausländische Journalisten müssen diesen Flughafen benutzen, wenn sie über Firmen wie Novell und SCO berichten, entsprechend zahlreich sind die Geschichten, ohne Gepäck im Mormonenland aufzutauchen. Das ist nun vorbei. Ohne Unterhosen steht in Utah nur noch die SCO Group herum. Heute passt Shakespeare nicht so richtig. In den Worten des allerschärfstens geschätzten Geburtstagskindes J.W. Goethe:
O selig der, dem er im Siegesglanze
Die blut'gen Lorbeer'n um die Schläfe windet,
Den er, nach rasch durchras'tem Tanze,
In eines Mädchens Armen findet.
O wär' ich vor des hohen Geistes Kraft
EntzĂĽckt, entseelt dahin gesunken!
Ach ja. Aber selbst an einem neuen another day on earth mag mich nicht vor des hohen Geistes Kraft herniedersinken, die manche Leute einem anderen Geburtstagskind zuweisen. So soll man Helge Schneider am Dienstag zum Fünfzigsten gratulieren, viel Spaß dabei. Was immer die Gratulanten einer singenden Herrentorte auch unter Spaß verstehen mögen. (Hal Faber) / (jk)