Paranoide Software

Klingt eigentlich wie ein blöder, selbstreferentieller Witz. Ist aber beeindruckende Forschung.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 3 Min.

Paranoide Computer? Klingt eigentlich wie ein blöder, selbstreferentieller Witz - natürlich ist mein Betriebssystem paranoid: „Sind Sie sicher, dass Sie diese Datei wirklich löschen wollen? Ja? Nicht doch vielleicht abbrechen? Oder ignorieren?“

Aber es gibt sie wirklich: Im Mai veröffentlichte die University of Texas eine Pressemitteilung, die sich bei näherer Betrachtung als gar nicht witzig, sondern ziemlich abgefahren entpuppt: Uli Grasemann, Doktorand an der Informatik-Fakultät der University of Texas hat mit seinem Betreuer, Professor Risto Miikkulainen auf einem neuronalen Netzwerk die Entstehung von Schizophrenie simuliert.

Das zugehörige Paper ist leider noch nicht online, aber der Neurosketip-Blog erklärt die Geschichte und hat ein paar sehr interessante Details: Das neuronale Netz DISCERN ist eigentlich darauf spezialisiert, Sprache zu „verstehen“. Soll heißen: Aus einer Abfolge sprachlich formulierter Aussagen zieht das Netz semantische Informationen und Zusammenhänge. Aus den Aussagen: „Ich bin ein Arzt. Ich lebe in New York. Jim ist mein Patient.“, schließt das Programm also, das Jim wahrscheinlich auch in New York lebt.

In ihrer Arbeit drehten die Wissenschaftler nun an den Parametern, die die Verbindung zwischen den Knoten des Netzwerks bestimmen. Sie wollten damit zwei Hypothesen überprüfen: Die Dopamin-Hypothese, die eine Ursache der Krankheit in einem Überschuss des Neurotransmitters Dopamin vermutet - das Zeug, das ausgeschüttet wird, wenn es uns gut geht. Und die Hyperlearning-Hypothese, nach der Störungen auftreten, wenn wir nicht gut genug vergessen können.

In beiden Fällen stimmten die Ergebnisse, die das Netz lieferte, mit Beobachtungen an Patienten überein: Die Probanden, die die zuvor gehörte Geschichte nacherzählen sollten, tendierten dazu, die Rollen in den Geschichten zu verwechseln - den Ich-Erzähler beispielsweise mit einer dritten Person zu verwürfeln (agent switching) , und neue Handlungsstränge dazu zu erfinden (derailment). Genau solche Fehler produzierte auch das Netzwerk.

Tatsächlich sind die Texaner nicht die einzigen, die sich mit diesem Forschungsgebiet beschäftigen. Dieser - schon etwas ältere - Übersichtsartikel beschäftigt sich allein mit Computer-Modellen der Schizophrenie. Es gibt aber auch Arbeitsgruppen, wie etwa diese am Georgia Institute of Technologie, die sich generell mit der Modellierung von neurodegenerativen Erkrankungen beschäftigen.

Inwieweit solche Simulationen tatsächlich brauchbare Modell der Realität produzieren, wird intensiv diskutiert. Aber ich finde alleine die Möglichkeit, dass sich aus solchen Simulationen Therapie-Ansätze herausbilden könnten, hoch spannend. Deutlich wird dabei auf jeden Fall, dass man manchmal ruhig genauer hinsehen sollte, bevor man irgendeine Idee als „spinnert“ abtut.

(wst)