Die App ist tot

Das Berliner Softwareunternehmen Yoc ist der größte App-Hersteller Europas. An seinem Werdegang lässt sich ablesen, wie sehr sich die App-Branche in den letzten Jahren verändert hat – und sich weiter verändern wird.

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Das Berliner Softwareunternehmen Yoc ist der größte App-Hersteller Europas. An seinem Werdegang lässt sich ablesen, wie sehr sich die App-Branche in den letzten Jahren verändert hat – und sich weiter verändern wird.

Wenn Dirk Kraus aus dem gläsernen Konferenzraum seiner Firma schaut, sieht er tropische Fische. Sehr viele tropische Fische. Sie schwimmen in einem acht Stockwerke hohen Aquarium, das bis unter das Glasdach des komplett entkernten Berliner Altbaus reicht. Hier oben, auf zwei lichtdurchfluteten Etagen mit Blick auf den benachbarten Dom, residiert die Yoc AG, mit rund 200 Mitarbeitern Europas größter App-Entwickler und der einzige börsennotierte.

Den Anblick von Fischen, sagt Kraus, sei beruhigend. Dabei hat der Gründer und Geschäftsführer von Yoc eigentlich ohnehin keinen Grund zur Beunruhigung. Die Geschäfte gehen gut. Mehr als 500 für Mobiltelefone optimierte Webseiten und Apps hat die Yoc AG allein seit 2009 für ihre Kunden entwickelt. Der App-Boom treibe der gesamten Werbebranche regelrecht die „Dollarzeichen in die Augen“, schreibt die „Wirtschaftswoche“. Und mittendrin sitzt Dirk Kraus, von dem Magazin im gleichen Zug zum „App-König von Europa“ ernannt.

Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs? Und was kann die Erfolgsgeschichte von Yoc über die gesamte App-Branche erzählen? Eine der Antworten liegt in der Vorgeschichte des Unternehmens. Gemessen an der kurzen Zeit, in der Apps die digitale Welt eroberten, gibt es Yoc nämlich schon ewig – seit immerhin zehn Jahren. Damals, lange bevor internetfähige Smartphones überhaupt aufkamen, begann Yoc als einer der ersten Dienstleister in Deutschland, Werbung für Handys zu entwickeln und zu gestalten. Aus heutiger Sicht war das Prinzip denkbar schlicht: schnöde Werbe-SMS an Handynutzer versenden, mal gezielt, mal ins Blaue hinein. Dennoch zählte Yoc Anfang des Jahrtausends damit zur Avantgarde. Kraus, der aus dem klassischen Beratergeschäft kommt und als Consultant bei der Strategieberatung Roland Berger tätig war, erinnert sich, dass anfangs selbst innovationsfreudige Kunden mit dem Begriff „Mobile Marketing“ wenig anzufangen wussten. Ob das diese Autos seien, die mit großen Plakaten auf dem Dach umherfahren, sei er gefragt worden.

Dann stellte Apple 2007 sein erstes iPhone und den damit verbundenen App Store vor. Das änderte alles. Waren auch die modernsten Mobiltelefone zuvor bestenfalls geschrumpfte Computer, die mit Ach und Krach Webseiten aufrufen konnten, wurden sie durch Apps zu bequemen und vielseitigen Universalgeräten. Mittlerweile beziffert der IT-Branchenverband Bitkom die Zahl der Smartphone-Nutzer in Deutschland auf mehr als zehn Millionen. Gut die Hälfte von ihnen lädt regelmäßig Apps herunter. Nachdem „App“ 2010 in den USA das Wort des Jahres geworden ist, soll nun selbst die viel zitierte Großmutter wissen, was es mit den Softwareschnipseln für Smartphones auf sich hat. Und das Geschäft von Yoc dürfte immer seltener mit fahrenden Werbetafeln verwechselt werden.

Die frühe Phase der App-Wirtschaft war – so will es wenigstens das Klischee – geprägt von Ein-Mann-Softwareklitschen, die mit einer einzigen guten Idee rasch an die Spitze der App-Hitparade stürmen konnten, allen voran Spiele wie das grassierende „Angry Birds“. Doch auch Rovio Mobile Ltd., Macher des Vogel-Games, ist nicht über Nacht und erst recht nicht einfach zur Sensation geworden. Über die romantischen Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichten ist der App-Markt heute längst hinaus. Wie das World Wide Web Ende der Neunziger, wurde auch die App-Welt schnell von Konzernen mit üppigen Werbeetats für sich entdeckt. Damit wuchs auch der Bedarf nach professionellen Dienstleistern, welche die Klaviatur der neuen Marketingform bedienen können – eben nach Unternehmen wie Yoc, das sich schon früh einschlägige Expertise, eine gute Marktposition, einen soliden Ruf und einen großen Kundenstamm erarbeitet hatte. Nach einem Jahrzehnt im Handy-Werbebusiness konnte sich Yoc in Szene setzen als alter Marketinghase, der das alles schon viel früher gewusst hat.

Besonders Großkunden, die es sonst eher zu traditionellen Werbeagenturen zieht, sich nun aber mit der Coolness einer eigenen App schmücken wollen, rennen Yoc derzeit mit Aufträgen die Tür ein. Dazu zählen namhafte Konzerne wie die Deutsche Post, Mercedes, Kraft... (grh)