Inspiriert oder abgekupfert?
Auf der WWDC 2005 lästerte Apple noch auf großen Plakaten: "Redmond, Start your Photocopiers". Auf der diesjährigen Entwicklerkonferenz sah sich Apple selbst dem Vorwurf ausgesetzt, kopiert zu haben.
- Alexander von Below
Auf der WWDC 2005 lästerte Apple noch auf großen Plakaten: "Redmond, Start your Photocopiers". Auf der diesjährigen Entwicklerkonferenz sah sich Apple selbst dem Vorwurf ausgesetzt, kopiert zu haben. Sicherlich nicht ohne Grund, denn einige der auf der Keynote vorgestellten Features kommen einem doch schon merkwürdig bekannt vor. Einen Vollbild-Modus kennen Anwender von Microsofts Windows und Office-Produkten schon länger. Auch deren Fenster lassen sich seit einiger Zeit über jede Kante vergrößern und verkleinern. Auf iOS halten Tabs in Safari Einzug, die viele andere Browser auf der Plattform längst haben. Das neue Benachrichtigungsystem unterscheidet sich nicht sehr von dem in Android und kabellose Synchronisation ist höchstens für iOS-Anwender neu – wenn sie keine Jailbreaker sind.
Alles keine Killer-Features. Apple schließt hier, wenig innovativ, lediglich zur Konkurrenz auf. Das veranlasste Microsoft zur Äußerung, man fühle sich "geschmeichelt". Weniger geschmeichelt dürften dagegen die unabhängigen Entwickler sein.
2004 verließ Ario Rose, der Autor der Software Konfabulator, nach der Vorstellung des Dashboards von OS X unter Protest die WWDC und bezichtigte Apple des Ideenklaus. In diesem Jahr ging ein Aufschrei durch die Blogosphäre, dass beispielsweise Reading List nur eine dreiste Kopie von Instapaper sei. Doch deren Entwickler geben sich gelassen: Sie wollen sich fortan mehr auf die Profi-Nutzer konzentrieren. Auch andere Programmierer sind mittlerweile erfahren genug, um zu erkennen, dass ein Programm nicht dem Untergang geweiht ist, nur weil es eine ähnliche Apple-Anwendung gibt. Zwar hat Apple die besten Möglichkeiten, die eigenen Anwendungen zu bewerben und landet stets auf den vorderen Plätzen der Ranglisten, trotzdem zählen im App Store neben dem Namen des Herstellers auch Qualität und Funktionen, die sich in den Nutzerbewertungen und -kommentaren widerspiegeln. Das gibt selbst unbekannten Entwicklern die Chance, mit guten Produkten erfolgreich zu werden.
Für mehr Aufregung sorgte mal wieder Apples unvorhersehbarer Kurs. So implementierte Apple in iOS 5 eine Funktion, um die Kamera per Lautstärke-Taste auszulösen. Zuvor waren andere Apps, welche diese Möglichkeit nutzten, aus dem App Store verbannt worden. Bisher ist noch nicht klar, ob Entwickler diese Funktion künftig verwenden dürfen; Gerüchte deuten aber darauf hin.
Auch Apples Linie im Umgang mit dem Jailbreaking bleibt unklar. Noch vor kurzem hat man Toyota – offenbar mit Nachdruck – erfolgreich gebeten, eine Software für entsperrte Geräte zurückzuziehen. Den Programmierer Peter Hajas, der die Jailbreak-Version des neuen Benachrichtigungssystem schuf, stellte Apple ein. Man könnte das als Belohnung oder Ritterschlag sehen. Programmierer anderer Apps und Funktionen, die sich an Apples Regeln gehalten haben, sind dagegen nicht auf deren Gehaltsliste gelandet, obwohl auch ihre Ideen denen von Apple sehr ähnlich sind. So wird nun etwa "What's App" durch Apples "iMessage" obsolet.
Apple täte gut daran, sich auf einen Kurs festzulegen. Wer von Jailbreakern lernt, sollte sie nicht partout verteufeln. Laufend wechselnde Spielregeln vergraulen auf Dauer Entwickler und Anwender gleichermaßen – und schaden damit dem Erfolg des App Stores. (mst)