Fukushima und die Folgen
Drei Monate ist es erst her, dass eine Doppelkatastrophe Japan traf, wie sie die Welt noch nicht erlebt hat. Und doch: Die unerbittlichen Gesetze der Medienwelt haben dafĂĽr gesorgt, dass Fukushima und die Folgen in den Archiven abgelegt wurden.
- Manfred Pietschmann
Drei Monate ist es erst her, dass eine Doppelkatastrophe Japan traf, wie sie die Welt noch nicht erlebt hat. Und doch: Die unerbittlichen Gesetze der Medienwelt haben dafür gesorgt, dass Fukushima und die Folgen in den Archiven abgelegt wurden. Was Sie und mich daran noch interesssiert, ist – na klar - der Atomausstieg und wie die Parteien es damit halten, nicht wahr? Aber sonst bewegen uns eher die Aussichten auf eine spannungsreiche Frauen-Fußball-WM. Alles wieder schön?
Wir haben uns daran gewöhnt, dass Fernsehen und Internet uns hautnah und in real time an Desastern teilhaben lassen, auch wenn sie sich auf der anderen Seite des Globus ereignen. Die Bilder schockieren, aber ihre Wirkung ist nicht besonders nachhaltig. Natürlich weckt es unser Mitgefühl, dass immer noch so viele Japaner in Notunterkünften hausen müssen und die Ortschaften rund um Fukushima zu verstrahlten Geisterstädten werden. Betroffen registrieren wir auch den immensen ökonomischen Schaden, den das Erdbeben und das atomare Fiasko der japanischen Volkswirtschaft zugefügt hat. Aber es ist eben Japan, und die Wahrscheinlichkeit, dass Fukushima Kollateralschäden in Deutschland verursacht, ist verschwindend gering, glauben wir. Ein paar Produktionsengpässe in der Autobranche – das war’s.
Seit ein paar Tagen erzählt eine eher nebensächliche Nachricht eine andere Geschichte. Es geht dabei um Steuereinnahmen der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover. Genauer gesagt darum, dass die Stadt 100 Millionen Euro Gewerbesteuer zurückzahlen muss, und zwar an die „Hannover Rück“, die drittgrößte „Versicherung für Versicherungen“ weltweit. Rückversicherungen helfen den normalen Versicherern, ihr Risiko bei Schadensfällen zu reduzieren, indem sie sich ihrerseits versichern. Und die Hannover Rück hat als Global Player in diesem Geschäft in letzter Zeit sehr viel Geld auszahlen müssen: wegen der Überschwemmungen in Australien, Erdbeben in Neuseeland, aber vor allem wegen des Tsunamis und der daraus folgenden atomaren Katastrophe in Japan. Nun fällt ihr Gewinn sehr viel geringer aus als geschätzt, weshalb sie die 100 Millionen Euro bereits gezahlter Gewerbesteuer zurückfordert.
100 Millionen reißen eine gewaltige Lücke in den vermeintlich gesicherten Haushalt Hannovers. Sie wird in der einen oder anderen Weise viele Bürger der Stadt treffen, ganz direkt. Da werden vielleicht Mittel für Kitas gekürzt oder der Förderunterricht für Migrantenkinder gestrichen. Sportvereine und Kultureinrichtungen müssen unter Umständen länger auf Zuwendungen warten, ebenso wie Schulen oder Verkehrswege auf die überfällige Sanierung. Wer weiß, vielleicht muss auch der Bau behindertengerechter Haltestellen aufgeschoben werden. Plötzlich hat Fukushima eine sehr direkte Auswirkung auf Menschen, die doch auf der anderen Seite der Erde leben – 9000 Kilometer von den Unglücksreaktoren entfernt.
Diese kleine Geschichte von den Gewerbesteuerverlusten Hannovers ist so lehrreich wie eine griechische Fabel. Es gibt – so erfahren wir hautnah – tatsächlich nur eine Welt, in der wir alle leben. Und wir können jederzeit und überall von einer Katastrophe getroffen werden, selbst wenn sie ganz woanders auf dem Globus stattfindet. Und weil das so ist, sind wir alle verantwortlich, auch wenn wir uns weit entfernt und in Sicherheit wähnen. Das ist nur ein isoliertes Problem der Hannoveraner, sagen Sie? Ich weiß nicht so recht – schauen Sie sich mal genau um. (wst)